Angelika Meier: “Heimlich, heimlich mich vergiss”

Krankgeschrieben

Angelika Meier: “Heimlich, heimlich mich vergiss” (Roman)

Spirituelle Therapieformen, absurde Diagnosen, roboterhafte Ärzte und ewig kranke Patienten – Angelika Meiers Roman sprengt alle üblichen Grenzen der Klinikliteratur. Ihr neuer Roman ist das Porträt einer futuristischen Bergklinik, die unheimlicher, pessimistischer und witziger nicht sein könnte.

Von Lisa Letnansky.

MeierHeimlichBereits das glänzende Weiss des Einbands ist Programm: Schon beim Aufklappen des Buchs glaubt man, das Desinfektionsmittel und die menschlichen Ausdünstungen riechen, die blassgrün-sterile Einrichtung sehen und die Aura des Leids spüren zu können, die wie ein Damoklesschwert über Räumen und Fluren schwebt. Ja, wer geht schon gerne ins Krankenhaus? Doch nach der Lektüre von Angelika Meiers zweitem Roman „Heimlich, heimlich mich vergiss“ könnte man die hiesigen Spitäler glatt als „heimelig“ empfinden. Erzählt wird die Geschichte des Doktor Franz von Stern, der sich neben der Behandlung seiner Patienten mit der mühsamen Aufgabe konfrontiert sieht, nach zwanzigjährigem Dienst für die Klinik einen Bericht über sich selbst schreiben zu müssen – und das, obwohl ihn doch sein „nosographischer Eid“ dazu verpflichten, „jede Einmischung in meine persönlichen Angelegenheiten zu unterlassen“! Immer wieder versucht er, die ersten Sätze zu tippen, schiebt es dann aber wieder auf und widmet sich seinen täglichen Pflichten. In der namenlosen, geografisch und zeitlich scheinbar entrückten, ganz und gar aus Glas bestehenden Bergklinik – quasi ein Zauberberg 2.0 – ist immer genug zu tun, denn an Patienten mangelt es nicht. Die Eingänge dieser Institution sind „Einwegschleusen“, durch die man zwar rein, nicht aber wieder raus kommt. Die angewandten Therapieformen muten teilweise futuristisch an, teilweise aber auch archaisch oder geradezu absurd. Da nuckeln ewig Kranke den ganzen Tag an ihren mit Opiumrhabarbersaft gefüllten Fläschchen, machen Atemübungen oder bewegen sich auf dem Laufband, wenn sie nicht gerade zum „Stimmenhören“ im „Sprechsaal“ weilen.

Schizophrene Ärzte

Die Patienten verfügen über keinerlei Würde mehr, die meiste Zeit über sind sie „entweder beschämt oder schamlos oder beides zugleich“. Meiers Bergspital ist eine Antiklinik, gleichermassen Zukunftsvision und Karikatur. Überall wird mit raffinierten Details auf zeitgenössische Diskurse zu Medizin, Krankheit und Institution angespielt, ohne je ins Anklägerische oder konkret Wertende zu kippen. Meier porträtiert eine Welt, in der „mangelnde Gesundheitseinsicht“ eine gültige Diagnose ist, Patienten gleich auf Lebenszeit aufgenommen und in ihren Zimmern eingeschlossen werden, und man unter „Belohnung“ Sterbehilfe versteht. Das sind ziemlich finstere und unheimliche Aussichten, am unheimlichsten sind aber überhaupt die Ärzte: die verfügen nicht nur über eine Hirnrindenschicht mehr als andere Menschen, sie haben sich auch ihr Herz in den Solarplexus verpflanzen lassen, an dessen Stelle nun ein „Mediator“ sitzt, der die Kommunikation zwischen dem Selbst und dem Hirn verbessern soll (folgerichtig nennt sich der Herzspezialist auch nicht mehr „Kardiologe“ sondern „Kernanatom“). De Facto bewirkt dieser Mediator aber sozusagen eine Zweiteilung der Persönlichkeit in einen menschlichen Doktor und einen cyborghaften „Referenten“, der nicht nur in kniffligen Situationen das Ruder übernimmt. Einzig Dr. von Stern scheint noch die Fähigkeit zu besitzen, sich selbst und seine Situation zu hinterfragen, und das auch nur, als sein Alltagstrott von einer „Ambulanten“ aus den Fugen gebracht wird, die bis aufs Haar seiner Frau gleicht, welche er das letzte Mal vor zwanzig Jahren bei einem mysteriösen Todesfall gesehen hatte. Diese Begegnung bringt Dr. von Stern dazu, seinen Lebensweg zu rekapitulieren und zu überdenken. Der Auftakt zu einer Tour de Force durch die Vergangenheit in die Zukunft.

Amüsantes Fachgeplänkel

Dies alles beschreibt Meier mit einer Selbstverständlichkeit, die einen in kürzesten Abständen zum Lachen bringen und erschauern lassen kann. Durch die Zweiteilung der Arzt-Person wechselt auch die Perspektive zwischen der protokollartigen auktorialen Erzählform des Referenten und der reflektierenden Ich-Erzählung des Doktors, oft und gerne auch mehrmals in einem Satz. Meiers Sprache bleibt dabei stets absolut virtuos, selbst dann, wenn sie ins Sinnwidrig-Groteske abdriftet, beispielsweise bei einem Besuch im Schlaflabor: „Technisch gesehen sind die Elektrodenpflästerchen und Kabelfäden reiner Schmuck … Doch angeblich intensiviert das rituelle Übersäen des Körpers mit altem symbolischem Fließmaterial die ganzheitlich reinigende Öffnung des Patienten und dynamisiert sein Prana kontinuierlich hochtonisch, was wiederum die Detailschärfe des gewonnenen Körperbilds erhöht.“ Sogar das Fachgeplänkel ist so fantasievoll und absurd, dass es eine wahre Freude ist!

Angelika Meiers Zukunftsvision des Klinikalltags ist komisch und unterhaltsam, dabei aber auch stets überaus kritisch und auf den zweiten Blick gar nicht mal so abwegig. Foucault wäre entzückt gewesen.


Titel: Heimlich, heimlich mich vergiss
Autorin: Angelika Meier
Verlag: diaphanes
Seiten: 336
Richtpreis: CHF 28.90

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