65. Festival del film Locarno

Zickige Missen und Killerbienen

65. Festival del film Locarno

Das Missen Massaker
Das Missen Massaker

Über die vielen mittelmässigen Filme sowie ein paar Tiefseetaucher im diesjährigen Festivalprogramm wollen wir für einmal den Mantel des Schweigens legen. Stattdessen berichten wir lieber über diejenigen Filme, welche während des Festivals positiv auffielen und die einen Kinobesuch auch wirklich lohnen. Beachtenswert dabei ist, dass in der Filmauslese 2012 vor allem Dokumentarfilme zu überzeugen wussten und sich das einheimische Filmschaffen nicht hinter internationalen Werken zu verstecken brauchte.

Von Christoph Aebi.

„Camille redouble“ von Noémie Lvovsky – Piazza Grande

Camille Vaillant ist seit dem Tod ihrer Mutter dem übermässigen Konsum von Whisky nicht abgeneigt und kriegt als Schauspielerin kaum mehr Jobs. Weil aller guten Dinge drei sind, kann es nun auch ihr Mann Eric, von dem sie als 16-Jährige schwanger wurde und mit dem sie 25 Jahre zusammen war, kaum erwarten, mit seiner neuen Flamme zusammenzuziehen, die bisher noch bei ihren Eltern gewohnt hat. Nur allzu verständlich, dass Camille an einer feucht-fröhlichen Silvesterparty etwas über den Durst trinkt – bis sie ohnmächtig wird und im Spital wieder aufwacht. Erst als ihre Eltern, die seit Jahren nicht mehr leben, an ihrem Spitalbett auftauchen, merkt Camille, dass sie ins Jahr 1985 zurückkatapultiert wurde: dem Schicksalsjahr, in dem sie Eric zum ersten Mal begegnete. Diese erste Begegnung sowie Erics Avancen erlebt Camille nun abermals. Wissend, was in den nächsten 25 Jahren alles geschehen wird, stellt sich für Camille nun die Frage, ob sie Erics Charme abermals erliegen oder doch lieber vor ihm fliehen und so versuchen soll, den Verlauf ihres Lebens zu ändern.

Camille redouble

Die französische Regisseurin und Schauspielerin Noémie Lvosky zeigte in Locarno bereits mit ihren Filmen „Petites“ (1998) und „La vie ne me fait pas peur“ (1999), dass sie es wie kaum eine andere versteht, die Sorgen und Nöte von weiblichen Teenagern sowohl anrührend als auch hochkomisch auf die Leinwand zu bringen. Bei „Camille redouble“ hat Noémie Lvovsky auch am Drehbuch mitgearbeitet und sich die Rolle der nochmals die Irrungen und Wirrungen der ersten Liebe durchlebenden Camille sozusagen auf den Leib geschrieben. Eine Wucht, wie sie als Camille mit aller Kraft dagegen anzukämpfen versucht, dass Amors beziehungsweise Erics Pfeil sie nochmals trifft. Mit ihrem mit einem schmissigen 80er-Jahre-Soundtrack unterlegten neusten Film ist Multitalent Lvovsky somit die wohl feinsinnigste Komödie im diesjährigen Piazza-Programm gelungen und erhielt dafür zu Recht den „Variety Piazza Grande Award“ verliehen.

Seit 12. September 2012 in der Romandie, ab 2013 in der Deutschschweiz im Kino.

„Das Missen Massaker“ von Michael Steiner – Piazza Grande

Eine Portion Toblerone-Horror gefällig? Regisseur Michael Steiner fackelt in seinem neusten Werk „Das Missen Massaker“ nicht lange. Gleich zu Beginn wird die Siegerin der von einem überkandidelten Ken Epinay (Rolf Sommer in Hochform) moderierten Miss Züri-Wahl von einer Spidercam geköpft. Doch „The show must go on“, finden sowohl das sexbesessene Missen-Mami Carmen (Anouschka Renzi) und der schmierige Miss Wahl-Organsiator Pino Falk (Mike Müller). So kommt die zweitplatzierte Jasmin (Meryl Valerie), die eigentlich gar nicht so recht in die Missen-Glamour-Welt passt, zum Zug und fliegt zusammen mit zwölf Konkurentinnen, einem lüsternen Kameramann (Michael Rapold), einem zwielichtigen Fotografen (Patrick Rapold) und den Organisatoren für eine Woche auf eine Insel im Tanga-Atoll. Doch nicht nur der Zicken-Krieg setzt den Teilnehmerinnen, unter anderem der abgesnobten Miss Goldküste (Lisa Maria Bärenbold), der des Lesens unkundigen Miss Bildung (Silvia Medina), der kiffenden Miss Aargau (Jennifer Hurschler) und der die Simpsons verehrenden Miss Ostschweiz (Nadine Vinzens, allein ihre Darstellung eines Anita Buri-Verschnitts lohnt den Film-Besuch) langsam aber sicher zu. Ein unbekannter, fieser Killer, maskiert als Freddy Krueger oder Mister Bean, treibt auf der Tropen-Insel sein Unwesen und befördert eine um die andere ins Jenseits.

missen massaker

Michael Steiners 3.2 Millionen Franken teure, bonbonfarbene Hochglanz-Produktion spielt höchst lustvoll mit Klischees und ist zudem, je nach Lesart, eine Hommage oder Satire auf verschiedene Klassiker des amerikanischen Horrorfilms. Im ersten und besseren Teil des Films dominiert die Komödie über den Horror. Spätestens wenn die lustigsten Charaktere (Pino Falk, Carmen, Miss Goldküste und Miss Ostschweiz) das Zeitliche gesegnet haben und sich nur noch die Frage stellt, mit welchen Methoden die restlichen Protagonisten massakriert werden, mangelt es dem Film jedoch etwas an Drive und es entstehen einige Längen. So ist „Das Missen Massaker“ zwar kein Meisterwerk, aber ein gelungenes Stück Unterhaltungskino, bis in die Nebenrollen bestens besetzt, brillant gefilmt (bei den Opening Credits mit Goldregen und Blutspritzern standen wohl die Bond-Filme Pate) und mit einem hörenswerten Soundtrack unterlegt, der zwischen 80er-Jahre Italo-Disco und modernen Sounds von Santigold changiert.

Seit 23. August 2012 im Kino.

„More than Honey“ von Markus Imhoof – Piazza Grande

Bereits Einstein soll gesagt haben: „Wenn die Bienen aussterben, sterben vier Jahre später auch die Menschen aus“. Fakt ist, dass ein Drittel unserer Nahrungsmittel abhängig von der Bestäubung durch Bienen ist. Umso alarmierender deshalb die Feststellung, dass seit einigen Jahren die Bienen weltweit sterben. Ausgehend von Kindheitserinnerungen (sein Grossvater hatte bereits eine Passion für Bienen und besass 150 Bienenvölker) hat sich Regisseur Markus Imhoof („Das Boot ist voll“) in seinem ersten Film seit 16 Jahren auf die Suche nach den Gründen für das Bienensterben gemacht. Er besucht einen Imker in der Innerschweiz, dessen reinrassige schwarze Bienen an Inzuchtschwäche sterben. In den USA begleitet er einen Wanderimker, der seine 15’000 Bienenvölker zwecks Bestäubung der Pflanzen von Plantage zu Plantage transportiert. Die in den Monokulturen eingesetzten Pestizide, der Stress des Transportes, Milben sowie die Aufteilung eines Volkes auf mehrere kleine Völker setzen den Bienen arg zu. Nur durch Zugabe von Antibiotika im Zuckerwasser kann ein Bienensterben in noch grösserem Ausmass verhindert werden. In China hat der Regisseur gar Gegenden ausfindig gemacht, in denen Bienen komplett ausgestorben sind und die Blüten von Pflanzen in mühsamer Handarbeit bestäubt werden müssen. In Australien, dem einzigen Kontinent ohne die für die Bienen schädlichen Varroamilben,  besucht Imhoof zum Schluss des Films Tochter und Schwiegersohn, die an der Universität von West-Australien Wildbienen mit Haustierköniginnen kreuzen und auf eine unbewohnte Insel bringen, in der Hoffnung, eine Bienenart zu züchten, die überlebensfähig ist.

more than honey

Imhoof schafft es, in kurzweiligen 91 Minuten aufzuzeigen, wie aus wilden Tieren Fliessband-Arbeiterinnen geworden sind und welche Folgen die Industrialisierung der Landwirtschaft für den komplexen Mikrokosmos der Bienenvölker hat. Auch visuell ist der Film aussergewöhnlich: In einer alten Fabrikanlage mit grossem Freigelände wurde ein Bienenstudio aufgebaut, um die Bienen mit Makro-Kameras zu filmen. So kann der Zuschauer sowohl den Schwänzeltanz der Bienen (damit teilen die Arbeiterinnen ihren Schwestern im Tanz mit, wie weit entfernt die am nächsten liegenden Blüten sind) oder die im Flug stattfindende Begattung der Königin durch Drohnen aus nächster Nähe miterleben als auch die Welt aus der Sicht der Bienen betrachten. Kurz: Ein wichtiger und visuell höchst eindrücklicher Film und definitiv das beste filmische Werk im diesjährigen Piazza-Programm.

Ab 25. Oktober 2012 im Kino.

„Image Problem“ von Simon Baumann und Andreas Pfiffner – Int. Wettbewerb

„Wir sind ein wenig hilflos und wissen nicht, wie wir den Film überhaupt anfangen sollen“, geben die beiden Regisseure Simon Baumann und Andreas Pfiffner, beides Absolventen der Hochschule der Künste Bern, gleich zu Beginn ihres ersten Kino-Dokumentarfilms „Image Problem“ in einem Off-Kommentar zu. Mit Handkamera ausgerüstet absolvieren die beiden eine Art Tour de Suisse, mit dem Ziel, einen Imagefilm zu drehen, um das in den letzten Jahren durch Steuerstreit, Bankgeheimnis und den Machenschaften ausbeuterischer Rohstofffirmen arg angekratzte Renommee der Schweiz ein bisschen aufzupolieren. Doch aufgepasst: Allzu klischiert positiv sollte der Film dann doch nicht sein. So wird anschliessend an pittoreske Dörfer im Berner Oberland auch die Stadt Grenchen besucht, um „die Hässlichkeit der Schweiz zu zeigen“. In der Postkartenidylle vor dem Matterhorn verstreuen die beiden Berner Müll, um danach die Reaktionen von verdutzten Touristen einzufangen. In bester Sacha Baron Cohen-Manier (die wacklige Handkamera und das penetrant im Bild erscheinende Mikro sind Stilmittel) erscheinen die Regisseure ungebeten in Schrebergärten, Vorstadt-Agglos oder am Eidgenössischen Schwingfest, mit dem Ziel, Passanten möglichst markige Statements zur Befindlichkeit der Schweizer Seele zu entlocken.

image problem

Bald einmal fokussieren die Regisseure auf die zunehmende Fremdenfeindlichkeit im Land: Fähnchenschwenkende Omas auf einer Parkbank geben zu Protokoll, sie würden am Nachmittag nicht mehr in die Stadt gehen wegen all der Ausländer und eine ältere Dame schaut in Bern-Bümpliz aus dem Fenster und sagt, sie sehe nur noch schwarz. Flugs machen sich die beiden furchtlosen Filmer auf die Suche nach Ausländern, die etwas Gutes über die Schweiz sagen und bieten ihnen dafür Geschenke an. Ungemütlich wird es für die Regisseure, als ihnen vor dem Sitz der Glencore in Zug unverzüglich mit der Polizei gedroht wird und sie in den Villenvierteln von Zürichs Goldküste von Polizisten abgeführt werden – sie hatten die Villenbesitzer gebeten, im Namen der Schweiz eine vorbereitete Entschuldigung an die im Land lebenden Ausländer zu verlesen. Der Film gipfelt in einem Casting für die Miss Helvetia, an dem diese mit Staubsauger statt Speer hantieren muss und Pfiffner und Baumann schliesslich die gebürtige Kroation Dragica Lovric auswählen, um diese Ursula Andress-mässig aus dem Wasser eines Bergsees steigen zu lassen.

„Image Problem“ war der wohl am kontroversesten diskutierte Film im diesjährigen Wettbewerb. Bald ist in dem politisch höchst unkorrekten, mit träfen Off-Kommentaren versetzten Film nicht mehr erkennbar, welche Szenen dokumentarisch und welche inszeniert sind. Viele Festivalbesucher kritisierten, die im Film mitwirkenden Passanten seien sich wohl nicht bewusst gewesen, wozu ihre Aussagen verwendet würden und die Filmemacher hätten diese Personen ausgenützt und blossgestellt. Grenzwertig ist der Film auf jeden Fall und öfters ertappt man sich dabei, wie einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Doch „Image Problem“ ist in seiner Machart im Schweizer Dokumentarfilmschaffen bisher einzigartig und lohnt bereits deswegen den Besuch.

Ab 20. September 2012 im Kino.

„Sagrada – el misteri de la creacio“ von Stefan Haupt – Semaine de la critique

„Als Kind glaubte ich. Ich glaubte an einen Gott im Himmel, der diese Welt erschaffen hat. Ich glaubte, dass wir Menschen das Ebenbild Gottes sind. Kathedralen waren die Häuser auf Erden, hier wohnte er. Sie waren schon immer da, immer schon erbaut. Ganz anders diese eine Kathedrale.“ Mit diesen Worten leitet die Erzählerstimme Stefan Haupts neusten Dokumentarfilm „Sagrada – Das Mysterium der Schöpfung“ ein. Die Sagrada Familia, mit 3 Millionen Besuchern jährlich einer von Barcelonas Touristenmagneten, war nicht schon immer da und es wird immer noch daran gebaut. 1882 begannen am damaligen Stadtrand von Barcelona die Bauarbeiten. Als sich ein Jahr später die Bauverantwortlichen mit dem zuständigen Architekt zerstritten, kam der damals erst 31-jährige Antoni Gaudi zum Zug. Die Kirche sollte zu seinem Lebenswerk werden. Gaudi, der von sich selber sagte, er sei kein Erschaffer, er kopiere nur, zog während dem Ersten Weltkrieg, als das Geld für den Bau knapp wurde, selber von Haus zu Haus, um Almosen zu erbeten. In seinem letzten Lebensjahr verbrachte er Tag und Nacht in der Kirche. 1926 wurde er von einer Strassenbahn überfahren und, da mittellos, in ein Armenhospital gebracht, wo er kurz danach verstarb.

sagrada

Die Bauleitung wurde seinem Schüler und langjährigen Assistenten Domènech Sugranyes übertragen und von diesem zehn Jahre lang weitergeführt. Bis Anarchisten im Jahr 1936, nach Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges, die Werkstatt des verstorbenen Gaudi und damit alle Originalentwürfe und Bauzeichnungen zerstörten. Sugranyes legte sein Amt nieder und verstarb kurze Zeit später aus Gram, wie dessen Kinder Conxita und Ramon in Haupts Film erzählen. Aus den übrig gebliebenen Trümmern der Gipsmodellen und noch erhaltenen Fotos rekonstruierte man jedoch die Modelle und nahm die Bauarbeiten wieder auf. Heute wird fleissiger denn je an der Kathedrale weitergearbeitet. Eine Fassade ist immer noch unvollendet, von 18 Türmen stehen erst sechs. Nach den neusten Berechnungen soll der Bau aber im Jahre 2026 vollendet werden. Doch wird die Sagrada Familia erneut bedroht: Für einen Hochgeschwindigkeitszugstrecke Barcelona-Paris soll nur 30 Meter unter der Kirche ein Tunnel gebaut werden.

Stefan Haupt, dem bereits mit „Elisabeth Kübler Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen“ (2002) und „Ein Lied für Argyris“ (2006) subtile Dokumentarfilme über die Biographien von faszinierenden Menschen gelungen sind, hat mit „Sagrada – Das Mysterium der Schöpfung“ der Entstehungsgeschichte der Kirche und den Menschen, die ihr Leben dem Bauwerk widmeten und noch immer widmen, ein eindrückliches Denkmal gesetzt. Haupt porträtierte für seinen Film Vorarbeiter, Architekten, Professoren, Städteplaner und Bauleiter und ging der Frage nach, wer diese Menschen sind und was sie zu ihrer Arbeit an der Sagrada Familia antreibt. So ist der japanische Bildhauer Etsuro Sutoo, im Bestreben, Gaudis Gedankengänge zu verstehen, vom Buddhismus zum Katholizismus konvertiert. Josep Subirachs, der Gestalter der Passionsfassade hingegen, verneint, dass man Christ sein müsse, um an der Kathedrale mitzuarbeiten. Neben spannenden Personenporträts sind Haupt und Kameramann Patrick Lindenmaier einfallsreiche Bilder bei Kamerafahrten durch die Kathedrale gelungen und die Tänzerin Anna Huber taucht als eine Art Kunstfigur immer wieder in verschiedenen Winkeln der Sagrada Familia auf und trägt zusätzlich zur poetischen Stimmung des Dokumentarfilms bei.

Ab 22. November 2012 im Kino.

„Vergiss mein nicht“ von David Sieveking – Semaine de la critique

Es war an Heiligabend, als Regisseur David Sieveking zum ersten Mal auffiel, dass sich seine Mutter verändert hatte. Statt eines üppigen Mahls hatte sie nur Suppe gekocht, Geschenke gab es keine und überall im Haushalt hingen Merkzettel. Kurz darauf wurde bei seiner Mutter Gretel Alzheimer diagnostiziert. Sein Vater Malte hatte sich nach seiner letzten Vorlesung als Mathematikprofessor in Frankfurt eigentlich vorgestellt, sich im Ruhestand seiner Forschung zu widmen und gemeinsam mit Gretel zu reisen. Nun verbrachte er einen grossen Teil seiner Zeit damit, seine kranke Frau zu pflegen. Als Malte für ein paar Wochen in die Schweiz reist, um etwas Kraft zu tanken, kümmert sich David um die Pflege seiner Mutter. Er entschliesst sich, seine Zeit mit ihr und seine oft erfolglosen Versuche, Gretel zu allen möglichen Bewegungen zu motivieren, filmisch zu dokumentieren. Obwohl Gretel ihr Gedächtnis sowie ihren Sinn fürs Sprechen nach und nach verliert, sind die Unterhaltungen mit David von einer entwaffnenden Ehrlichkeit geprägt. Als Gretel zusammen mit David ihre Schwester in Stuttgart, wo sie geboren wurde, besucht, kann sie sich sogar noch an ihren Vater erinnern, obwohl sie ihn kaum kennengelernt hat, da er am letzten Tag des Zweiten Weltkrieges starb.

vergiss mein nicht

David beginnt, in der Vergangenheit seiner Mutter und der gemeinsamen Geschichte seiner Eltern zu forschen: Gretel lernte Malte an der Universität Hamburg kennen. Nach ihrem Linguistikstudium war sie eine der ersten Moderatorinnen des NDR. Kurz nach der Heirat und der Geburt der ersten Tochter zog die Familie in die Schweiz, als Malte eine Professur angeboten bekam. Dort schloss sich Gretel Anfang der Siebzigerjahre der radikal-kommunistischen Gruppierung „Revolutionärer Aufbau Zürich“ an und wurde deshalb vom Schweizer Staatsschutz minutiös überwacht. Dies war einer der Gründe, dass 1975 die Arbeitsbewilligung von Malte nicht mehr verlängert wurde und die Familie wieder zurück nach Deutschland zog. David erhält auch Kenntnis von ungeahnten Geschichten aus dem Liebesleben seiner Eltern und den Krisen ihrer offenen Ehe. Am Ende ihrer mehr als 40-jährigen Beziehung kommen sich Davids Eltern jedoch wieder sehr nahe. Sie fahren nach Hamburg, wo ihre Liebe begann, zu einer letzten gemeinsamen Reise.

David Sieveking, der vor zwei Jahren mit seinem Kinodebüt „David wants to fly“, einem Dokumentarfilm über eine esoterische Organisation und einen indischen Guru, denen sein Namensvetter David Lynch anhängt, zum ersten Mal für Aufsehen sorgte, ist mit „Vergiss mein nicht“ ein wahres Kunststück gelungen. Kein deprimierendes Werk über die Krankheit Alzheimer schuf er aus seinen 300 Stunden Filmmaterial, sondern ein höchst persönlicher, sehr berührender Film über die Liebes- und Lebensgeschichte seiner Eltern, in dem sich heitere und traurige Momente die Balance halten. Kein Wunder, dass sich „Vergiss mein nicht“ in Locarno dank fleissiger Mund-zu-Mund-Propaganda zum heimlichen Festivalliebling mauserte und die Jury der Kritikerwoche den Film mit dem „Prix SRG SSR/Semaine de la critique“ auszeichnete.

„Vergiss mein nicht“ wird am 21., 23. und 30. September im Kino Arena 9 auch in Zürich anlässlich des Zurich Film Festivals gezeigt.

„Camp 14 – Total Control Zone“ von Marc Wiese – Semaine de la critique

Wer das diktatorische Regime in Nordkorea immer noch auf seine Schrulligkeit reduziert – mehr oder minder regelmässig erscheinende Reiseberichte in Fernsehen und Printmedien legen darauf meistens ihren Fokus  – sollte sich unbedingt Marc Wieses Dokumentarfilm „Camp 14 – Total Control Zone“ anschauen, um ein etwas differenzierteres Bild des Landes zu erhalten. Camp 14 ist ein 500 Quadratkilometer grosses Gefangenenlager mit 40’000 politischen Häftlingen, die in Kohleminen, Zement-, Keramik- und Textilfabriken sowie landwirtschaftlichen Betrieben hart arbeiten müssen, um gemäss dem Regime für die Schuld ihrer Eltern und Vorfahren zu büssen. Die tägliche Nahrungsration der Häftlinge besteht aus 700 Gramm Mais sowie etwas Kohl. Im Camp herrschen eiserne Regeln. Wer den Befehlen nicht gehorcht oder zu fliehen versucht, wird unverzüglich exekutiert. Kaum jemandem ist bisher die Flucht aus einem nordkoreanischen Gefangenenlager gelungen. Der heute 30-jährige Shin Dong-Hyuk, der in Marc Wieses Film in Interviews seine Lebensgeschichte erzählt, schaffte es. Seine Eltern wurden auf Befehl der Wärter gezwungen zu heiraten, kurz danach jedoch wieder getrennt. Shin Dong-Hyuk kam im Lager zur Welt und wuchs bei seiner Mutter auf. Seine erste Erinnerung an das Lager ist die an eine öffentliche Exekution, welcher alle Häftlinge beiwohnen mussten. Bereits im Alter von 6 Jahren zwangen ihn die Wärter, harte Arbeit in der Kohlemine zu verrichten. Die Lagerinsassen sind verpflichtet, alle anderen Häftlinge, sogar die eigenen Eltern und Geschwister, zu überwachen und sofort Meldung zu erstatten, wenn sie verdächtige Verhaltensweisen entdecken.

Camp 14

So erzählte Shin Dong-Hyuk, er war gerade 14 Jahre alt, pflichtbewusst seinem Lehrer, er habe gehört, seine Mutter und sein Bruder planten einen Fluchtversuch. Sein Lehrer sagte den Gefängniswärtern jedoch nicht die Wahrheit und am nächsten Tag wurde Shin verhaftet und in das Gefängnis des Camps gebracht. Dort verhörte und folterte man ihn ganze sieben Monate lang: Die Wärter schlugen mit Stöcken auf seinen Kopf, hängten ihn über einem offenen Feuer auf oder versenkten ihn in einem grossen Aquarium. Nur einem Mithäftling, der Shins Wunden pflegte, hatte er zu verdanken, dass er dieses Martyrium überlebte. Eines Tages wurde er aus seiner Zelle entlassen, traf auf seinen Vater und wurde gemeinsam mit ihm aus dem Gefängnis gebracht. Als die Wärter ihnen die Augenbinden abnahmen, standen Shin und sein Vater in der ersten Reihe auf dem Exekutionsplatz, wo vor ihren Augen die Mutter gehängt und der Bruder erschossen wurden. Als Shin 22 Jahre alt war, erzählte ihm ein neuer Häftling erstmals vom Leben ausserhalb des Camps. Sein Wunsch zu fliehen, reifte, nicht um der Freiheit willen, sondern weil er einmal in seinem Leben Fleisch und genügend Reis essen wollte. Im Januar 2005, als er gemeinsam mit dem anderen Häftling zum Holzsammeln abkommandiert wurde, erblickten die beiden ein Loch im Elektrozaun. Der Zeitpunkt der Flucht war gekommen. Der Mithäftling kam jedoch mit dem Zaun in Berührung und starb. Shin gelang die Flucht und gelangte über einen gefrorenen Grenzfluss nach China. Er lebt heute in Südkorea, ist durch die Folter körperlich sein Leben lang gezeichnet, schwer traumatisiert und hat sich in der freien Welt bis jetzt noch nicht zurecht gefunden.

Der Filmemacher Marc Wiese reiste vor drei Jahren nach Seoul und wartete geduldig, bis Shin Dong-Hyuk bereit war, ihm vor der Kamera seine Geschichte zu erzählen – im Gegensatz zu einigen Journalisten, die Shin viel Geld anboten und nicht merkten, dass er dazu gar keine Verbindung hatte. So gelang es Wiese, das Vertrauen von Shin zu gewinnen. Wieses Assistentin, einer südkoreanischen Journalistin, erreichte zudem, für den Film einen ehemaligen Chef eines Camps sowie einen Ex-Offizier der Geheimpolizei zu Aussagen vor der Kamera zu bewegen. Der ehemalige Camp-Chef erzählt nun ungerührt, wie er folterte, Frauen vergewaltigte und diese, wenn sie schwanger wurden, tötete. Pro Exekution bekam er eine Extraportion Fleisch und zwei Flaschen Alkohol. Dem Ex-Offizier, der Hunderte Menschen verhaftete und in Camps deportierte, hat Angst, dass Korea einmal wiedervereint werden und er dann Menschen begegnen könnte, die er gefoltert hat. Wiese ist mit „Camp 14 – Total Control Zone“ ein unheimlich starker Dokumentarfilm gelungen, der auch formal – die Erzählungen Shins werden teilweise durch Animationen illustriert – fasziniert, jedoch keine leichte Kost ist und einen bis in die Träume verfolgt.

Die Lebensgeschichte des Shin Dong-Hyuk ist, aufgezeichnet vom amerikanischen Journalisten Blaine Harden, auch als Buch unter dem Titel „Flucht aus Lager 14“ im DVA Sachbuch-Verlag erschienen.

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