Viola di Grado: „Siebzig Acryl, dreissig Wolle“

Stille, wo bist du hin?

Viola di Grado: „Siebzig Acryl, dreissig Wolle“ (Roman)

Die 19 Jahre alte Camelia übersetzt Waschmaschinenanleitungen, bis ihr Wen mit chinesischen Schriftzeichen wieder Leben einhaucht. Viola di Grado zieht in ihrem Erstling alle Register und malt in Leuchtfarben jugendliche Abgründe an graue Wände.

Von Noemi Jenni

siebzigacryldreissigwolleVerbale Kommunikationsfähigkeit wird überbewertet; oder doch nicht? Lebt man lange Zeit zusammen, versteht man sich auch wortlos – ansonsten kann man sich auch ignorieren. Camelia ist 19, alle ihre Träume haben sich in Rauch verflüchtigt und neue lässt sie erst gar nicht aufkommen. Sie wohnt im tristen Leads mit ihrer apathischen Mutter. Sie sprechen nicht miteinander, Satz für Satz hat sich zurückgezogen, die Worte wurden durchsichtig und zurückgeblieben ist eine erdrückende Stille, die sich wie ein Kokon um die beiden formt.

Camelias Leben war perfekt, Tochter einer berühmten Flötistin und eines Journalisten, begann sie fröhlich mit ihrem Studium. Der Vater verunfallte tödlich mit seiner bis dahin unbekannten Geliebten. Es bildete sich ein tödlicher Strudel, der auch Mutter und Tochter erfasste, nur auf eine langsame, unaufhaltsame Weise. Zuerst starben die Töne, dann die Ästhetik und auch die beiden wurden immer dünner – begannen sich aufzulösen. Eines Tages macht Camelia die Bekanntschaft des jungen Chinesen Wen, der ihr anbietet, ihr Chinesischunterricht zu geben. Und mit jedem Schriftzeichen, das sie lernt, kommt ihre Sprache wieder, sie beginnt die Wohnung mit den gemalten Zeichen zu tapezieren, um die Stille auszufüllen, sie fassbar zu machen. Mit Wen entwickelt sich eine Beziehung  – die Idee eines Frühlingslüftchens kommt auf. Camelia schickt ihre Mutter in einen Fotokurs – unter die Leute. Doch dann lernt sie den Bruder des Chinesen kennen und es kommt zum Showdown.

Abgründe in fetten Pinselstrichen

Die Jungautorin Viola di Grado versucht in ihrem ersten Roman mit starken Pinselstrichen zu malen. Ihre Andeutungen illustriert sie mit satten Bildern. So lässt sie etwa Camelia ihre Kleider unzählige Male zerschneiden und neu zusammennähen, um ihrer Trauer und Wut Ausdruck zu verleihen und um sie nach einer Haut suchen zu lassen, die zu ihrem Gemütszustand, ihrer Persönlichkeit und ihrer Orientierungslosigkeit passt und nach aussen trägt – wenn die Worte schon eingefroren sind. Mit ihrer frischen jugendlichen Sprache kommt die Autorin ihrer Protagonistin sehr nahe und lässt diese für die Lesenden plastisch werden und ihre Konflikte und Zerreissproben nachvollziehbar erscheinen. Die Autorin überzeichnet aber ihre eigenen präzisen Ideen und verstrickt sich stark in Klischees und Extreme. So ist die düstere, dunkle und trostlos beschriebene englische Kleinstadt Leads Schauplatz dieser trübseligen Geschichte. Die Chinesen essen ganze Pekingenten und dann gibt es noch die geheimnisvolle Burg im Umland, wo das erste Date stattfindet. Oft sind die Bilder sehr grob zusammengefügt, obwohl die Protagonistin feine Entwicklungen durchmacht – ein seltsamer Widerspruch, der sich mit der Zeit immer stärker bemerkbar macht. Doch geschickt und originell lässt di Grado die chinesischen Schriftzeichen einfliessen, lässt ihre Bedeutungen für Camelia und ihre Situation sprechen. Somit lädt sie den Lesenden auf einer weiteren Ebene ein. Wie die klassischen Dramen gliedert sie ihren Erstling und lässt die Heldin in einem grandiosen Aufbäumen untergehen.

Wer Furioses, Lautes und schreiende Bilder mag, wird von diesem Buch begeistert sein und ein Stück freche Frische entdecken.


Titel: Siebzig Acryl, dreissig Wolle
Autorin: Viola di Grado
Übersetzerin: Judith Schwaab
Verlag: Luchterhand
Seiten: 254
Richtpreis: CHF 21.90


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