Ayman Sikseck: „Reise nach Jerusalem“

Israel, mein Zuhause

Ayman Sikseck: „Reise nach Jerusalem“ (Roman)

Vom israelisch-arabischen Konflikt lesen wir regelmässig. Immer geht es um Politik, oft um Aggressivität und um klare Fronten. Auch Ayman Sikseck macht die komplexe Situation in Israel zum Gegenstand seines Romans, aber sein Fokus ist ein anderer: Es ist das Nebeneinander der Kulturen, die Identitätssuche und das Sich-hin-und-hergerissen-Fühlen, das ihn interessiert.

Von Louanne Burkhardt

reisenachjerusalemDer Erzähler ist ein junger Student aus Jerusalem. Wie der Autor selbst, ist er israelischer Staatsbürger, gehört aber zu den ca. 20% Arabern in Israel. So gross die Spannung zwischen Juden und Palästinensern auch sein mag, der Student lebt seit seiner Kindheit inmitten der beiden Kulturen, die sich genauso wie die Sprachen und Schriften vermischen. So waren dem jungen Mann als Kind jüdische Bräuche wie Chanukka oder das Laubhüttenfest so vertraut, dass es ihm als Erwachsener schwer fällt, zu akzeptieren, dass sie nicht zu seiner eigenen Kultur gehören.

Zwischen den Kulturen, zwischen Moderne und Tradition

Dieses Nebeneinander und Miteinander von jüdischer und arabischer Lebensweise führen beim Erzähler manchmal zu Verwirrung oder gar Verzweiflung. Der modernen Generation angehörend, kommt ihm das religiöse Traditionsbewusstsein seiner Familie zuweilen sehr fremd vor. Trotzdem flüchtet er sich manchmal nach Hause, in seine Geburtsstadt Jaffa, und denkt daran, seinen Kampf für die eigene Bildung aufzugeben und dem Wunsch der Mutter nachkommend die Rolle des Familienoberhaupts einzunehmen.

Seine Suche nach der eigenen Identität, seine empfundene Zweigeteiltheit widerspiegelt sich nicht nur in seinen zwei Wohnsitzen Jerusalem und Jaffa – auch in der Liebe kann er sich nicht entscheiden zwischen seiner arabischen Freundin Scharihan, die er nur heimlich treffen darf, und der weltoffenen, emanzipierten Jüdin Nitzan. Dass er sich mit seiner jüdischen Geliebten in aller Öffentlichkeit sehen lassen darf, seine palästinensische Freundin aber ein grosses Geheimnis bleiben muss, ist Ausdruck von der Komplexität der Lage in Israel. Es ist eben nicht alles so schwarz-weiss, wie es zuweilen scheinen mag.

Stimmungen statt Handlung

Ein stiller Beobachter ist er, der Erzähler: Ohne Wut und ohne Aufregung schildert er das Lebensgefühl im Kulturenkonglomerat Israel. Der Roman des Palästinensers – der übrigens im Original nicht auf Arabisch, sondern auf Hebräisch erschien – ist voll von kleinen Geschichten und Anekdoten, welche die Frage nach der Zugehörigkeit von verschiedenen Seiten beleuchten sollen.

Die Ambitionen des Autors sind hoch zu schätzen. Sein Ziel, Stimmungsbilder aus Israel zu zeichnen, gelingt gut, aber es fehlt ein wenig an Tempo. Nach einer eigentlichen Handlung sucht man vergebens.

Es gibt viele eindrucksvolle Passagen, zum Beispiel dann, wenn nacheinander zuerst die Schwester und dann die arabische Geliebte des Erzählers verheiratet werden, oder wenn der Erzähler in einem Telefongespräch aufgewühlt gesteht, dass er an seinem Glauben zweifelt. Aber letztendlich verlässt einem beim Lesen von „Reise nach Jerusalem“ nie der Eindruck, dass das Ganze ein wenig zu konstruiert ist, die Figuren zu abstrakt und künstlich bleiben.

Achtenswerte Absichten

Doch der Roman ist ein lobenswertes Vorhaben. Streckenweise gelingt es dem Autor in seinem Erstlingswerk ausgesprochen gut, die Suche nach einem Zuhause und nach einem Selbstverständnis abzubilden und mit Sprachwitz all die Grauschattierungen des Lebensalltags eines jungen, gebildeten Israeli aufzuzeigen. Der Plot der Geschichte mag nicht begeistern, die grosse Frage, wie es sich zwischen – oder in – zwei Welten lebt, die sich dermassen konfliktgeladen gegenüberstehen, ist dennoch imponierend aufgeworfen. Als Leser von Siksecks Romans wird man die Berichterstattung aus Tel Aviv das nächste Mal bestimmt differenzierter wahrnehmen.


Titel: Reise nach Jerusalem
Autor: Ayman Sikseck
Aus dem Hebräischen von: Ruth Achlama
Verlag: Arche
Seiten: 155
Richtpreis: 24.90 Fr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.