Jørn Lier Horst: „Winterfest“

Von einem, der sein Handwerk versteht

Jørn Lier Horst: „Winterfest“ (Kriminalroman)

Aufgebrochene Ferienhütten, eine Leiche und tote Vögel. Das ist nicht das Norwegen, von dem Reiseführer und Urlaubsheimkehrer berichten. Selbst auf Kriminalkommissar Wiliam Wisting wirkt das, womit er es in seinem neusten Fall zu tun hat, surreal. Die Ermittlungen entpuppen sich als Albtraum, denn auch seine Tochter scheint involviert zu sein.

Von Fee Anabelle Riebeling

winterfestEin paar ruhige Tage am Meer. Genau die wünscht sich Ove Bakkerud, als er am Ende des norwegischen Sommers noch einmal zu seinem Ferienhaus rausfährt. Doch seine Vorfreude nimmt ein abruptes Ende, als er sieht, dass nicht nur die Eingangstür aufgebrochen, sondern auch das Innere der Hütte verwüstet wurde. Bakkerud reagiert sofort und ruft die Polizei. Die Zeit bis zu ihrem Eintreffen will er nutzen und bei den Nachbarn nach dem Rechten sehen. Aber welches Domizil er auch ansteuert: Überall bietet sich ihm das gleiche Bild.

Persönlicher Albtraum

Als Kommissar William Wisting kurze Zeit später am Tatort eintrifft, erwartet ihn Ove Bakkerud schon aufgeregt. Er ist mit den Nerven am Ende. Denn in einer der Hütten hat er nicht nur das ihm nun schon bekannte Chaos, sondern auch die grausam verstümmelte Leiche eines Mannes vorgefunden. Der erfahrene Ermittler beruhigt, schaut nach und ahnt: Die Lösung des Falls wird kein Zuckerschlecken.

Und tatsächlich findet er sich kurz darauf in seinem persönlichen Albtraum wieder. Erst wird er auf dem Rückweg vom Tatort überfallen, dann taucht das Auto seiner Tochter Line, einer Polizeireporterin, auf mehreren Überwachungsvideos auf. Und ausgerechnet Line zieht sich zum Unmut ihres Vaters für eine Auszeit in ein Ferienhaus unweit des Tatorts zurück. Der Verdacht liegt nahe, dass … aber diesen Gedanken mag Kommissar Wisting nicht weiter verfolgen. Kann er auch nicht. Denn der mysteriöse Fall lässt ihm keine Ruhe. Als nächstes bedürfen tote Vögel am Strand seiner Aufmerksamkeit.

Harter Tobak

Doch nicht nur der Kommissar, auch andere sehen sich in „Winterfest“ plötzlich mit ihren schlimmsten Ängsten konfrontiert. Das packt und reisst mit. Das Schicksal der Protagonisten berührt. So emotional aufgeladen folgt der Leser nur zu gern den falschen Fährten, die Autor Jørn Lier Horst taktisch klug ausgelegt hat: Jeder Versuch, den Fall vor dem fiktiven Ermittler zu lösen, wird unsanft ausgebremst. Denn immer dann ändert eine neue Information alles.

Das macht Spass zu lesen und hält bei Laune. Jørn Lier Horst versteht etwas von seinem Handwerk und auch davon, wovon er schreibt. Denn der Bestsellerautor, der 2004 sein Debüt gab, arbeitet hauptberuflich als Kriminalhauptkommissar bei der norwegischen Polizei. Er kennt sich aus im Milieu. Und so überzeugt „Winterfest“ nicht nur mit seinen vielen Erzählebenen und «Twists in the tail», sondern auch mit einer absolut glaubwürdigen Geschichte. Chapeau! „Winterfest“ ist 2011 nicht ohne Grund zum Lieblingsbuch der norwegischen Buchhändler gekürt worden.


Titel: Winterfest

Autor: Jørn Lier Horst
Übersetzung: Dagmar Lendt

Verlag: Grafit

Seiten: 384

Richtpreis: CHF 32.90


Ein Gedanke zu „Jørn Lier Horst: „Winterfest“

  • 14.06.2013 um 11:50
    Permalink

    Nachdem bereits “Winterfest” mehrfach ausgezeichnet wurde, erhält Jørn Lier Horst den “Skandinavischen Krimipreis 2013” für sein aktuelles Buch “Jagdhunde”.

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