E-Books und Krise des Buches

Die Zukunft des Lesens

Idee des Buchs der Zukunft im Jahr 1935
Es kam dann doch anders: Idee des Buchs der Zukunft im Jahr 1935

Zuerst gab es die Musik zum Herunterladen, dann die Tageszeitung und nun wurde auch das Buch von dieser Entwicklung eingeholt – eines der letzten von der Technik verschonten Medien. Der Vormarsch der E-Books auf dem Buchmarkt bringt weitgehendere Veränderungen mit sich, als man zunächst denkt.

Von Louanne Burkhardt

Die Geräte sind flach, schick und ahmen das Rascheln der Seiten beim Umblättern nach: Elektronischen Büchern begegnet man abends im Pendlerzug inzwischen genauso häufig wie dem traditionellen Taschenbuch. Seit ein paar Jahren schon sind die E-Books auf dem Vormarsch.: Waren es 2008 auf dem amerikanischen Buchmarkt erst etwa zwei Prozent, so dürfte  ihr Verkaufsanteil im Jahr 2011 etwa zehn Prozent betragen.

Alle bekommen die neue Technologie zu spüren
Die Tatsache, dass sich Bücher im Internet komfortabel und sehr preiswert von Zuhause aus herunterladen und anschliessend in einem elektronischen Lesegerät herumtragen lassen, bereitet Menschen aus der Buchbranche nicht nur Freude. Die neuen Technologien betreffen alle, die mit Büchern zu tun haben, ob sie sie schreiben, verlegen oder produzieren. Oder ob sie Bücher verleihen, verkaufen oder lesen. Am ärgsten sind zurzeit die stationären Buchhandlungen betroffen. Sie wissen, dass ihnen der Buchverkauf der über das Internet die Lebensgrundlage entziehen wird.

Auch die Verlagslandschaft, hat den richtigen Umgang mit den neuen ökonomischen und vor allem rechtlichen Herausforderungen, die die Literatur zum Herunterladen mit sich bringt, noch nicht gefunden. Das bewährte System des traditionellen Buchmarkts, das auf Tantiemen und Urheberrechtsschutz basiert, muss neu überdacht werden. Von Nöten wäre eine weltweit gültige rechtliche Lösung, die mit neuen Phänomenen wie der digitalen Selbstveröffentlichung  oder der Vorherrschaft Amazons umzugehen weiss. Doch wie schon in der Musikbranche hinkt auch hier die Justiz dem technologischen Fortschritt hinterher.

The medium is the message
Und der Leser? Inwiefern ist er von dem Wandel in der Buchbranche betroffen? Es ist keine Tendenz ersichtlich, die zeigen würde, dass weniger gelesen wird. Von Jahr zu Jahr werden gar immer mehr Titel produziert. Aber es wird anderes und vor allem anders gelesen.
Einige Erfahrungsberichte zum Leseerlebnis mit E-Book-Readers liegen bereits vor.Verschiedene Benutzer von elektronischen Büchern bemängeln, dass sie nicht praktisch seien, um lange Texte zu lesen. Es sei schwierig, sich wirklich in ein literarisches Werk zu vertiefen.

Die grosse Frage aber ist:,“Wer liest denn heute überhaupt noch lange Texte?“  Mit dem World Wide Web, das uns ständig Hyperlinks zu Bildern, Tönen und anderen Texten anbietet, hat sich die Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen verändert. Gerade die junge Generation, die schon in den Kindesjahren mit dem Internet in Kontakt gekommen ist, pflegt einen neuen Umgang mit den Unterhaltungsmedien, der nicht mehr der strengen Linearität des Buches entspricht. Diesen Menschen fällt es schwer, sich auf längere, abgeschlossene Texte zu konzentrieren.

„The medium is the message“ (Das Medium ist die Botschaft) ist ein berühmter Satz  aus der Medienwissenschaft. Der kanadischen Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan. meinte damit, dass eine Veränderung des Mediums also sehr wohl auch eine Veränderung des Inhalts, oder dessen Wahrnehmung durch den Konsumenten bewirken kann. Das Leseverhalten unserer Gesellschaft hat sich durch den wachsenden Einfluss des Internets bereits verändert und die Lektüre von E-Books wird es weiter beeinflussen.

Vor drei Jahren zum Beispiel wurde mit dem Thriller „Level 26“ von Anthony Zuiker im Dutton Verlag der erste digitale Roman veröffentlicht. Er ist eine Kombinationen von Text, Audio- und Videomaterial sowieComputerspielen. „Bücher“ dieser Art haben grosses Potenzial: Gerade Kinder und Jugendliche, die den Fernseher dem Buch vorziehen, könnte damit das Lesen wieder schmackhafter gemacht werden.

Zukünftige Bücherwelt im Ungewissen
Das Buch beginnt sich vom Papier zu lösen. Damit scheint das elektronische Zeitalter das Buch ebenso tiefgreifend zu verändern, wie dies die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhunderts tat. Und dessen Auswirkungen auf die Kulturgeschichte waren enorm.Wie diese Veränderungen aussehen werden und welche langfristigen Folgen die neuen Technologien für das Buch und für das Leseverhalten haben, kann heute noch niemand sagen.

Ob unsere Gesellschaft an den künftigen technologischen Entwicklungen kulturellen Schaden nehmen wird, ist nicht gesagt. Das Buch ist sehr tief in unserer Gesellschaft verankert – wir leben seit Jahrhunderten in einer Schrift- bzw. Buchkultur. Vielleicht werden in zehn, zwanzig Jahren tatsächlich nur noch nostalgisch veranlagte Bücherliebhaber ein Hardcover auf dem Nachttisch liegen haben, vielleicht funktionieren die Medien aber auch nebeneinander. Das einzige, was wir schon heute mit Sicherheit sagen können, ist dass die Welt des Buches grösser und komplizierter wird .

 

Im Netz:

Peter Haber, Privatdozent für Geschichte der Universität Basel, spricht in einer Sendung des Schweizer Radios DRS 3 auch von einer „funktionalen Ausdifferenzierung“. Was so viel heisst wie: Die Einflüsse des elektronischen Buches werden in jedem Teilgebiet der Buchbranche verschiedenartig ausfallen. Am schwächsten betroffen von dem Wandel ist die Belletristik, am stärksten sind momentan die wissenschaftlichen Publikationen und Nachschlagewerke. Sie werden kaum noch in Papierform konsultiert. Wikipedia und ähnliche Portale haben sie zum Verschwinden gebracht.

Umberto Eco: Innerer Monolog eines E-Books

Artikel in der Frankfurter Allgemeinen

 

Literatur:

Thomas Hettche, Was wir verlieren, Cicero – Magazin für politische Kultur, August 2012.

Martyn Lyons, Das Buch – Eine illustriere Geschichte, Gerstenberg-Verlag 2012.

Architecting an ebook revolution, Intermedia, Jul2011, Vol. 39 Issue 3.

Emily Williams, Copyright, E-books and the Unpredictable Future, Publishing Research Quarterly: Mar2011, Vol. 27 Issue 1.

2 Gedanken zu „E-Books und Krise des Buches

  • 10.10.2012 um 11:03
    Permalink

    Aus aktuellem Anlass:
    Spannend ist gerade zu beobachten, wie eBooks dank digitaler Vertriebsmöglichkeit neue Geschäftsmodelle ausprobieren können.
    Jüngst wird zum Beispiel gerade experimentiert mit dem im Game-Sektor entstandenen “Bundle”-Model (also auch eine Form von Medienkonvergenz), in dem mehrere eBooks “gebündelt” gekauft werden für einen vom Käufer festgelegten Preis. Vgl. da:

    http://www.guardian.co.uk/technology/2012/oct/09/customers-pay-what-want
    http://storybundle.com/

    Die empfundene Bedrohung durch das eBook sollte, da stimme ich zu, vermutlich nicht eine davor sein, dass sie das gedrduckte Buch obsolet machen wird – aber das eBook wird sicher auch künftig weiter Selbstverständlichkeiten im literarischen System in Frage stellen, auf Produktionsseite, aber eben auch auf den Ebenen, die im Text und in meinem Kommentar angesprochen sind. (Was bekanntlich ja sowohl gut wie schlecht, aber auf jeden Fall anders herauskommen wird, als man es sich bislang gewohnt war.)

  • 18.10.2012 um 16:43
    Permalink

    @Christof:

    Ich bin ganz deiner Meinung. Das ursprüngliche Buch wird wahrscheinlich nie verschwinden. Allerdings wird das eBook eine große Konkurrenz darstellen. Sehr interessant zu dem Thema finde ich http://www.veroeffentlichen-heute.de , da dort über die Zukunft des Verlagswesens, Bücher und eBooks gesprochen wird.

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