Public Irritation‽

Public Irritation‽

Ein Plädoyer für öffentliche Irritation

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Unseren Alltag bewältigen wir in genormten Bahnen und Strukturen. Ob festgefahrene Formulierungen, gewohnte Gesten oder fixe Abläufe – vieles läuft schon zu lange im ewigselben Trott. Grund genug seine eigenen Gepflogenheiten zu reflektieren und daraus auszubrechen.

Von Valerio Moser.


Als sich Diogenes von Sinope im alten Griechenland aufmachte, das Orakel von Delphi danach zu befragen, was er tun sollte, antwortete ihm dieses „paracharattein to nomisma“, was soviel bedeutet wie „die geltenden Werte umwerten“. Diesen weit interpretierbaren Ausspruch nutzte Diogenes auf seine eigene Art und Weise. Gemeinsam mit Antisthenes, seinem Lehrer der Philosophie, begründete er in der Folge die Schule der Kyniker. In Form von Satire und Provokation wollten sie ihre Mitmenschen irritieren und in diesem irritierenden Moment Spielraum zur Selbstreflexion und somit zum Umwerten der geltenden Werte bieten. Dabei war es Diogenes wichtig seine Kritik nicht in schriftlicher Form zu äussern. In aller Öffentlichkeit hielt er der Gesellschaft mit irritierenden Aktionen den Spiegel vor.

Elitäre Irritation

In der Literatur des 20. Jahrhunderts hielt die Irritation als Mittel zur Herausforderung des Publikums ebenfalls Einzug. Bertold Brecht ist mit seinem Verfremdungseffekt wahrscheinlich das bekannteste Beispiel. Die Verfremdung nach Brecht zielt darauf, den Konsum des Auditoriums dadurch zu unterbinden, dass irritierende Momente die Harmonie des einfachen Erzählflusses durchbrechen. Durch irreale Elemente den Zuschauer aus dem Fluss der Vorstellung herausreissen, ihn gar dazu animieren, das Gesehene zu reflektieren.

Nicht nur in der Philosophie oder der Literatur, sondern in unterschiedlichsten Sparten haben sich Denker und Kunstschaffende mit der Irritation als Stilmittel beschäftigt. So konstruiert David Lynch in seinen Filmen surreal scheinende Geschehnisse, in denen die Protagonisten zwischen unterschiedlichen Rollen, Träumen und der Realität umherwandeln – teilweise keiner eindeutigen Chronologie folgen. Der Zuschauer wird aktiv in das Geschehen eingebunden, indem Erwartungen gebrochen und Rätsel gestellt werden, oft den Betrachter in Aufschlüsselungswut versetzen und zu irrwitzigsten Interpretationen animieren. Dabei wirkt der immanente, partizipative Aspekt der Irritation, welcher beinhaltet, dass der Leser sich in Folge der gestellten Rätsel seine eigenen Antworten generieren und sich somit eine textinhärente Wirklichkeit konstruieren soll. Falls Sie, lieber Leser, nun irritiert sind, dann hat alles seine Richtigkeit.

Diese Irritation ist zwar spannend, im Gegensatz zum Grundgedanken des Kynismus aber elitär. Die Irritation als Anstoss zum Denken verschanzt sich hierdurch im oftmals benannten Elfenbeinturm der elitären Künste und wird dadurch unverständlich.

Du bist dran!

Mit Beginn des neuen Jahrtausends entstanden neue Formen der positiven Irritation der Mitbürger. Ausgehend von Performancegruppen wie Improve Everywhere, die inszenierte Szenen im öffentlichen Raum umsetzen, hat sich der Flash Mob als Bewegung etabliert. Die Irritation im Sinne der Kyniker bedarf jedoch keiner Gruppen oder Inszenierung; die Irritation im Sinne der Kyniker ist eine Lebenshaltung. In Anlehnung an diese Ursprungsform plädiere ich hier für mehr Irritation im öffentlichen Raum – für public irritation: Irritation als Grundhaltung. Es geht nicht darum politische Statements zu postulieren oder jemanden zu verletzen, sondern darum, Erwartungen im üblichen Umgang miteinander zu brechen. L’irritation pour l’irritation. Anstelle pompöser Selbstinszenierung tritt dezente Kritik am Normalen und Gewohnten. Es bedarf keiner Parolen, es braucht keine Propheten, es muss nichts erklärt oder erläutert werden – eine Irritation wird verstanden, oder wird nicht verstanden.

Am einfachsten lässt sich dies in festgefahrenen Formulierungen, die wir alltäglich gebrauchen, ausprobieren. Betonen Sie an der Theke in der Bäckerei explizit, wie sehr Sie sich über das leckere Brot freuen; bedanken Sie sich beim Fahrer der S-Bahn für die kurze und angenehme Fahrt; loben Sie unbekannte Menschen für Kleider, Gesten, Frisuren etc., die Ihnen gefallen.

Public irritation ermöglicht es dem Irritationsempfänger, erlernte und festgefahrene Abläufe, Normen und Werte selbstreflexiv zu erkennen und die Welt, in der wir leben, neu zu interpretieren. Etablierte Muster aufzubrechen hat noch nie geschadet, im Gegenteil: Menschen, die mit Irritationen umgehen können, sind in der Lage gefasster auf neue Situationen zu reagieren. Da scheint es fast schon eine Pflicht zu sein die Mitmenschen mit Irritationen zu konfrontieren.

Also versucht euch selbst, gehet in die Welt und irritiert!



Literatur zum Thema:

Manfred Geier: “Worüber kluge Menschen lachen” (Rowohlt, Reinbek)

Das Buch beschreibt wie der Philosophie das Lachen abhanden kam. Dabei widmet es Diogenes von Sinope ein ganzes Kapitel, welches die Lebensweise von Diogenes dokumentiert.


Im Netz

http://de.wikipedia.org/wiki/Verfremdungseffekt

Die Verfremdung nach Brecht auf Wikipedia


http://improveverywhere.com/

Webauftritt von Improve everywhere

Ein Gedanke zu „Public Irritation‽

  • 24.10.2012 um 11:51
    Permalink

    Kein Wunder, dass alle Menschen heutzutage so schwach sind — denn sie glauben, alles besitzen zu müssen: Einfamilienhäuser, Landbesitz, Fernseher, Autos, Religion, Haustiere, Partei, etc. (“Religionszugehörigkeit besitzen”).

    Aber ein starker Mensch (“Kyniker”) braucht dies nicht (nicht mal Religion!).

    Aber leider sind alle starken Menschen (inkl. Diogenes) schon längst tot, nur noch Schwächlinge überall…

    Jeder Besitz — inkl. Hundebesitz — ist letztlich ein Zeichen von Schwäche…

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