„Das pralle Leben“

„Das pralle Leben“

Erlebnisbericht aus Helwan, Süd-Kairo

 

Wesentliches Merkmal von Ägyptern: Neugier
Wesentliches Merkmal von Ägyptern: Neugier

Die ägyptische Metropolregion Kairo gehört nicht nur zu einer der dichtbevölkersten Flächen der Welt – sie erreicht auch Spitzenplätze was Lärm und Verschmutzung anbelangt. Umso mehr erstaunt der Lebenswille der Einheimischen. Ein Augenschein in Helwan, südlich von Kairo.

Von Giannis Mavris.


Nimmt man die Metro-Linie 1 unterhalb des Tahrir-Platzes im Zentrum Kairos, sind es ungefähr 40 Minuten Richtung Süden bis zur Endstation. Am Ostufer des Nils breitet sich Helwan aus, zusammengewachsen mit Städten im Norden und Süden, ein weiteres urbanes Teilstück in einem der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt. Ursprünglich im 19. Jahrhundert von den Osmanen als Kurort mit Bädern gebaut, hat sich Helwan mittlerweile zu einer Industriestadt entwickelt. Neben der Schwermetallindustrie kann die Stadt eine Universität vorweisen, die grösste und älteste Psychiatrie des Landes und sogar einen japanischen Garten, inklusive Buddha-Statuen.

Rund um die Metrostation befindet sich ein grosser Markt, in dem Händler laut schreiend ihre Produkte anpreisen: Von Lebensmitteln und Werkzeug, zu Kleidungsstücken und Haushaltsartikeln findet sich alles. Durch die engen Strassen schlängeln sich auf erstaunlich flüssige Art und Weise Menschen, Karren und Autos gleichzeitig. Dem Besucher wird sofort klar: Helwan vertritt das typische Ägypten. Während man in Kairo noch hie und da Ausländer sieht, in gewissen Quartieren einen Hauch von Modernität und Wohlstand erhascht und ansatzweise das Gefühl einer Weltstadt erhält, ändert sich nach einer kurzen Metro-Fahrt die Szenerie. Dichtbevölkert, quicklebendig, laut und schmutzig, präsentiert sich Helwan dem Besucher als die Schnittstelle zwischen dem ländlichen, traditionellen Ägypten und der krassen Urbanität einer Grossstadt wie Kairo.

Küsschen und Pistolen

Die Strassen werden schlechter und die Gebäude höher, je tiefer man in die Wohnviertel vordringt. Die kleinen Gassen sind kaum beleuchtet, überall hängen Kleider an Wäscheleinen aus den Fenstern. Die Gebäude bestehen meist nur aus Backsteinziegeln, eingeklemmt zwischen den tragenden Betongerüsten. Eine eigenartige Stille herrscht vor, bis man auf kleine Plätze gelingt, in denen sich der grösste Teil des sozialen Lebens der Nachbarschaften abspielt. Kinder spielen auf den Strassen, Frauen erledigen Einkäufe, Jugendliche schlagen die Zeit tot.

Privatsphäre ist offenbar ein rares Gut hier, die wärmende Gemeinschaftlichkeit der Bewohner gibt dem Besucher schnell das Gefühl willkommen zu sein. Dazu gehören literweise starker Tee und Unmengen von Zigaretten. Bereits am zweiten Tag kennen die meisten den Fremden, es ist unumgänglich mit allen Handschläge und Wangenküsse auszutauschen. Allen Kommunikationsbarrieren zum Trotz versucht man sich zu verständigen, oftmals mehr mit Körpersprache als mit Worten. Jugendliche versuchen den Besucher zu beeindrucken, indem sie stolz präsentieren was sie besitzen: Pistolen, die aussehen als stammen sie aus dem ersten Weltkrieg, zahlreiche Klappmesser, Haschisch eigener Produktion, die am weitest verbreitete Alternative zu Alkohol in der arabischen Welt.

 

Achmed vor seinem Wohnblock
Achmed vor seinem Wohnblock

„Als ich mit sechzehn die Schule beendete, ging ich sofort nach Sharm el-Sheikh um Arbeit zu finden“ erklärt Achmed, der aus Helwan stammt und bereits seit sieben Jahren mit Touristen in Sharm arbeitet. Sein Russisch ist besser als sein Englisch. Nicht dass ihm Helwan nicht gefallen würde: „Es gibt einfach zu viel Mafia. Das hier ist das Neapel Ägyptens!“ sagt er lachend. Was Achmed meint, offenbart sich dem Besucher besonders im Zentrum von Helwan, in der Nähe der Metrostation, wo sich viele Geschäfte mit Gold- und Silberschmuck befinden. In den schmalen Seitengassen trifft man immer wieder auf Männer mit Kalaschnikows. Seit der Revolution habe sich die Sicherheitslage rapide verschlechtert meinen diese, man müsse sich und sein Geschäft halt selbst verteidigen. Meistens besitzen Familien gleich ganze Gebäude in derselben Nachbarschaft, in denen sich sowohl ihre Wohnungen wie auch ihre Geschäfte befinden. Die Männer mit den Kalaschnikows übernehmen polizeiliche Funktionen und sind für die Sicherheit der gesamten Nachbarschaft verantwortlich.

Immer wieder machen Gerüchte von Überfällen die Runde, abends hört man oft Schüsse, wobei nie klar ist, wie sie einzuordnen sind. Waren es nun Freudenschüsse von einer der zahlreichen öffentlich gefeierten Hochzeiten? Oder war es tatsächlich ein Überfall? Bei einer Schiesserei an einem Abend gibt es fünf Tote und vier Verwundete, Opfer einer Familienfehde, die sich offenbar durch die Absenz der Sicherheitskräfte einfacher austragen lässt. Helwan hat seine dunkle Seiten; in Zeiten der mangelnden staatlichen Kontrolle tauchen sie öfter auf.

Polizeistation als öffentliches WC

Mohsen hat vor zwei Monaten ein kleines Geschäft für Haushaltsartikel eröffnet. Das Geld dazu erarbeitete er sich als Taxi-Fahrer. Der dreifache Familienvater ist Mitglied der ägyptischen Muslimbruderschaft und trägt einen langen Bart nach islamischer Tradition. Er und sein Bruder Mostafa, der mit ihm das Geschäft betreibt und ebenfalls Muslimbruder ist, werden von Freunden und Bekannten ehrwürdig sheikh genannt, ein Titel, der vertrauenswürdigen und angesehenen Männer verliehen wird. Gastfreundschaft und die Bereitschaft, stundenlang mit Besuchern über Gott und die Welt zu plaudern, gehören für sie zur korrekten Lebensführung, wie sie bemerken.

 

Symbole religiöser Verbrüderung sind überall zu sehen
Symbole religiöser Verbrüderung sind überall zu sehen

Bei einer Spazierfahrt durch Helwan weist Mohsen immer wieder auf die zahlreichen Kirchen unterschiedlichster Konfessionen und betont das reibungslose Zusammenleben von Christen und Muslimen. Obwohl die Situation nicht ganz einfach ist für die ägyptischen Christen, die dank grossen Kreuzen um den Hals oder Kreuz-Tätowierungen auf dem Handrücken erkennbar sind, seien sie genauso so vollwertige Mitglieder der ägyptischen Gesellschaft wie alle anderen, bekräftigt Mohsen. Er fühlt sich oft von Westlern missverstanden, zum Extremisten oder gar potentiellen Terroristen abgestempelt. Unter Mubarak sass er vier Mal im Gefängnis. „Warum? Nur weil ich einen Bart trage und Mitglied der Muslimbrüder bin. Das ist doch ungerecht.“ Bei den Unruhen im Januar 2011 fackelten erzürnte Jugendlichen die Polizeistation ab. „Seitdem benutzen wir sie als öffentliches WC!“ lacht Mohsen, der trotz den anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes froh um die Niederschlagung des verhassten Regimes ist.

Enges gesellschaftliches Korsett

Perspektivlosigkeit und Armut setzen den Bewohner Helwans genauso zu, wie den übrigen Ägyptern. Dabei gehört Helwan nicht zu den ärmsten Gegenden in Ägypten. Besonders unter den Jugendlichen, die die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, macht sich jedoch Resignation breit. Arbeitslosigkeit, sexuelle Frustration und eine konservative gesellschaftliche Ordnung tragen ihr Übriges dazu bei. Der Konsum von Haschisch und Tabletten, vor allem von Schmerzmitteln, ist eine verbreitete Art der Ablenkung in Gegenden, die ausser der alltäglichen Routine nicht viel zu bieten haben. Kombiniert mit dem offenen Tragen von Waffen und der offensichtlichen Armut bietet sich dem Besucher eine oftmals beklemmende Szenerie.

Angesichts der zahlreichen Probleme erstaunt umso mehr die tiefe Kriminalitätsrate in Ägypten. Das traditionelle Wertesystem, das zum grössten Teil aus dem Islam abgeleitet wird, ist stark im Alltag präsent. Für seine Einhaltung sind, besonders in Gegenden in denen die Staatsgewalt weniger präsent ist, die Familien und Gemeinden zuständig. Konflikte werden weniger vor staatlichen Instanzen geregelt, sondern in der Öffentlichkeit unter den Augen der Allgemeinheit ausgetragen. Verstösse gegen gesellschaftliche Regeln werden also schnell bekannt, was für den Täter schwerwiegende Konsequenzen haben kann. Ist nämlich jemand bekannt als Dieb oder Schläger, verliert er seine Ehre. Dies erschwert nicht nur die Jobsuche oder die Partnerwahl, sondern schädigt auch das Ansehen der Familie. Individualismus geniesst in Ägypten eine viel kleinere Rolle als in westlichen Ländern. Das Kollektiv, das sich als Familie, Nachbarschaft oder Gemeinschaft manifestiert, ist weitgehend die bestimmende Leitlinie für die gesellschaftliche Ordnung.

Die engen gesellschaftlichen Regeln führen zwar einerseits besonders unter Jugendlichen oftmals zu Frustration, insbesondere was die Beziehungen zum anderen Geschlecht angeht. Andererseits sorgen sie für das soziale Gleichgewicht im Alltag. Die Komplexität der ägyptischen Gesellschaft ist für Aussenstehende eine Herausforderung – und führt oftmals zu falschen Schlussfolgerungen.

Problematisches, aber lebenswertes Leben

Mohammed ist kürzlich von Dubai zurück nach Helwan gezogen. Als Bankmitarbeiter hat er in den knapp zehn Jahren, in denen er da war, genug verdient um sich ein Haus zu kaufen, eine Familie zu gründen und ein eigenes Personalvermittlungs-Geschäft zu starten. „Dubai war nicht schlecht“ sagt er, “es ist ein guter Ort um Geld zu verdienen. In den letzten Jahren hat sich die Situation aber verschlechtert; der Boom ist vorbei.“ Zurückgekehrt ist Mohammed allerdings nicht nur deswegen: „Weißt du, Dubai, das ist nur Arbeit und Schlaf. Ich habe zehn Jahre nichts anderes gemacht. Hier aber, trotz unseren vielen Problemen, ist das Leben lebenswert. Helwan, das ist das pralle Leben!“

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