Marjana Gaponenko: “Wer ist Martha?”

Im Luxus sterben

Marjana Gaponenko: “Wer ist Martha?” (Roman)

In ihrem zweiten Roman erzählt Marjana Gaponenko nicht in erster Linie eine Geschichte, sondern vermittelt ein Lebensgefühl. Anhand eines alten, sterbenden Sonderlings schreibt sie von der Freude, am Leben zu sein, von der Schönheit der Schöpfung und substanziellen menschlichen Begegnungen.

Von Lisa Letnansky.

WerIstMarthaLuka Lewadski ist 96 Jahre alt, Professor emeritus der Zoologie, Vogelnarr und Musikliebhaber – und hat von seinem Hausarzt gerade das Todesurteil in den Telefonhörer gesprochen bekommen. Lungenkrebs heisst die Diagnose, die empfohlene Therapie besteht aus „Chemotherapie und Bestrahlung zur Lebensverlängerung (einige Monate)“. Doch davon will Lewadski nichts wissen. Stattdessen beschliesst er, der keine Nachkommen oder Freunde hat, denen er sein Hab und Gut vererben könnte, in die Stadt seiner Kindheit zurückzukehren, um dort seine letzten Tage damit zu verbringen, sein zwar nicht exorbitantes, aber dennoch beträchtliches Vermögen zu verprassen.

Im Hotel Imperial in Wien hatte er einst als Kind mit seiner Mutter Schokoladentorte gegessen; nun kehrt er als todgeweihter Greis an diesen Ort zurück und bezieht eine Suite mit Butlerservice, deren Badezimmer so gross ist wie seine gesamte private Wohnung. Nach einem langen, einsamen und einzelgängerischen Leben verspürt er auf einmal das „Bedürfnis, in Luxus zu sterben“.

Der Film des Lebens in Slow-Motion

In den folgenden Tagen lässt Lewadski sein Leben noch einmal Revue passieren. Als einziger Sohn einer Wiener Ornithologin und eines gräflichen Försters, der sich das Leben nahm, als Lewadski gerade mal sechs Jahre alt war, verbrachte er Kindheit und Jugend zwischen Ostgalizien, Wien und dem tschetschenischen Kaukasus. „Im politischen Sinn kam Lewadski aus der Ukraine, das stand schwarz auf weiß in seinem Pass, doch historisch gesehen kam er aus zwei Utopien: aus Österreich-Ungarn und der Sowjetunion.“ So findet er seine Heimat auch später nicht an einem geografischen Ort, sondern in der Welt der Vögel und der Liebe zur Musik. Nun erinnert er sich an frühe Besuche des Wiener Musikvereins mit seinen Tanten, an Ornithologenkongresse, die Zeit der Verbannung während dem Zweiten Weltkrieg – und an Martha. Wie wenn die letzten Sekunden vor dem Tod auf einige Tage ausgedehnt worden wären, ziehen die Szenen seines Lebensfilms quasi in Slow-Motion an seinem inneren Auge vorbei und lassen Lewadskis Stimmung zwischen Heiterkeit, Trauer und Übermut changieren.

Nachdem er in den letzten Jahren nicht mehr als fünf bis sechs Worte pro Tag gesprochen hatte, und diese auch noch an sich selbst gerichtet, lernt Lewadski nun, kurz vor seinem Tod, im Hotel Imperial die bewusste zwischenmenschliche Begegnung wertschätzen. Vor allem zum Butler Habib verspürt er schon bald eine tiefe Zuneigung. Im Lift lernt er dann schliesslich in Herrn Witzturn einen ebenso alten, gewieften und schlagfertigen Herrn kennen wie er selbst einer ist. Nach einigen Gesprächen über Gott und die Welt, Frauenfrisuren und Plastiknasen, verbindet die beiden eine komplizierte Beziehung irgendwo zwischen Freundschaft und Abscheu, Verachtung und tiefstem Respekt. Während Lewadski im einen Moment „die Anwesenheit von Herrn Witzturn mit einer Art Rausch, einem wachsenden, alles niederreißenden Triumphgefühl erfüllt“, sieht er in ihm wenig später nicht mehr als einen „eingebildeten Lackaffen“. Überhaupt könnte seine Stimmung nicht unbeständiger sein; wie ein Teenager in der tiefsten Pubertät lobt er die Dinge in den Himmel, nur um sie darauf wieder zu verteufeln.

Jeder stirbt für sich allein

Nichtsdestotrotz durchfährt Lewadski in seinen letzten Tagen noch einmal die volle Lebenslust, die Freude an den schönen Dingen genauso wie der Spass am Lästern. Diese Daseinsfreude, der Genuss des puren Seins und die Ehrfurcht vor der göttlichen Schöpfung vermittelt Marjana Gaponenko mit grosser Virtuosität und in einem ganz eigenen, rasant-poetischen Stil, wenngleich dieser auch zuweilen etwas arg assoziativ ausfällt. Die wenigen kitschigen Sprachschnörkel und metaphorisch aufgeladenen Leerformeln kann man aber problemlos überlesen. Dem eigenbrötlerischen Protagonisten folgt man gerne bis zu seiner letzten Sekunde, und Gaponenko beherrscht eine Form von Situationskomik, die in der zeitgenössischen Literatur noch ihresgleichen sucht. „Jeder stirbt für sich allein“, sagt die Autorin, die sich gegen Ende des Romans noch selbst in die Geschichte eingeschrieben hat. Ihre Geschichte beweist das Gegenteil.


Titel: Wer ist Martha?
Autorin: Marjana Gaponenko
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 237
Richtpreis: CHF 28.50

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