16952 Meilen übers Meer

16952 Seemeilen übers Meer

Schüler erobern die Meere


Alle Bilder von Teilnehmer und Photograph Robert Müller
Alle Bilder von Teilnehmer und Photograph Robert Müller

Die „High Seas High School – Das segelnde Klassenzimmer“ bietet Gymnasiasten der 10. oder 11. Klasse einen Auslandsaufenthalt der etwas anderen Art: einen siebenmonatigen Segeltörn von Hamburg bis in die Karibik und zurück. Und ich war an Bord.

Von Isabell Greenshields.


Die letzten Freunde werden gedrückt, Taschentücher werden ausgeteilt, die letzten Worte werden ausgetauscht. Dann heißt es „Leinen los!“ und schließlich verschwindet die Menschenmenge langsam in der Ferne, während wir noch mit Tränen in den Augen die Elbe hinunter in Richtung Meer fahren.

Als ich vor knapp vier Jahren über Bekannte von dem Projekt erfuhr, war mir sofort klar: Da will ich auch mit! Nach zwei weiteren Jahren des Wartens kam endlich die Zusage; ich habe geweint vor Freude. Die Crew bestand aus 26 Schülern aus ganz Deutschland und ich aus der Schweiz, davon zwölf Mädchen und vierzehn Jungen. Dazu kamen unsere vier Lehrer und eine sechsköpfige professionelle Stammcrew, die nach jeder großen Etappe wechselte. Kennengelernt hatten wir uns alle schon auf dem Probetörn im Sommer, eine Art Auswahlverfahren für die Projektleitung und gleichzeitig eine Prüfung für uns, ob wir uns dabei wohlfühlten. Mitte Oktober schließlich ließen wir Hamburg zurück und segelten über Portsmouth, Brest und Madeira nach Teneriffa. Dies war der letzte Halt vor der großen Atlantiküberquerung.

Dreissig Tage lang über den Atlantik

Eigentlich sollte es nur 25 Tage dauern. Am 22. Dezember kamen wir letztendlich in Barbados, auf der anderen Seite des großen Teichs an, nach vollen dreissig Tagen auf See. Von dort aus ging es weiter nach Curaҫao. Weihnachten waren wir auf See, das war ziemlich anders als Zuhause. In Panama gingen wir für einen Monat an Land und reisten von dort nach Costa Rica, wo wir zehn Tage bei Gastfamilien untergebracht waren. Nächster Stopp war Honduras vor Kuba und den Bahamas, wo wir wegen Reparaturen am Schiff eine Woche ausharren mussten. Dann traten wir unsere Rückreise an, nochmals 31 Tage Atlantik, bis wir auf den Azoren ankamen. Guernsey, eine britische Kanalinsel, war der erste Halt in europäischen Gewässern, Glücksstadt (Deutschland) der Letzte. Nach sieben Monaten auf Reisen legten wir dort an, wo unsere Reise begonnen hatte: am Sandtorkai in Hamburg.

Als ich wieder in Basel war, fragten mich alle: „Wie war es denn?“ Ja, wie war es gewesen? Meistens habe ich „gut“ gesagt, aber „gut“ sagt nicht ansatzweise aus, was wir erlebt haben. „Unbeschreiblich“ passt da wohl eher, denn sieben Monate Abenteuer lassen sich nicht so schnell in Worte fassen. Teil der Reise war die Besteigung des Vulkans Teide auf Teneriffa (3718m), zwei Tauchkurse auf Curaҫao und Utila (eine Insel vor Honduras), Arbeiten auf einem Zuckerrohrfeld mit unseren Gastfamilien, eine zweitägige Wanderung durch den costaricanischen Regenwald und Whale Watching auf den Azoren. „Gut“ ist das nicht. Es ist viel besser.


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Die zweite Frage, die mir immer gestellt wird, ist „Habt ihr denn auch mal Sturm gehabt?“. Natürlich haben wir auch das. Meistens versuchten wir zwar Gewitter zu umfahren, aber bis zu zwölf Meter hohe Wellen hatten wir ab und zu trotzdem. Dann hieß es beim Essen: alles festhalten, was in greifbarer Nähe ist; keinen heißen Kaffee trinken und sich mit den Beinen so unter der Bank einklemmen, dass man möglichst wenig hin und her geschleudert wird. Keine leichte Aufgabe, aber zum Glück kam das nicht so oft vor.

Zwei Wochen lang jeweils vier Tage hintereinander Reis essen

„Wart ihr denn seekrank?“ ist der Klassiker schlechthin. Einen Tag nach Ablegen in Hamburg hatte die Seekrankheit eingeschlagen. Eine Woche lang kämpften Schüler wie Lehrer damit, ihr Essen im Magen zu behalten. Ich gehörte zwar zu den Glücklichen, die nicht täglich die Fische fütterten, musste dafür aber für die anderen beim Küchendienst (Backschaft) einspringen. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend all den Essensgerüchen unter Deck ausgesetzt zu sein, da hätte ich lieber mit den anderen mein verwertetes Essen an Neptun abgegeben. Nun ja, seekrank sein gehört halt dazu. Doch auch wenn es keine schöne Zeit war, haben wir es doch immer mit Humor genommen. „Macht bitte Nudeln, die schmecken in beide Richtungen“ wurde zum Leitsatz. Und daher gehört die Seekrankheit eindeutig zu den Highlights.

Aber nicht nur die großen Erlebnisse werden mir für immer in Erinnerung bleiben. Es sind vor allem die kleinen Momente, die diese Reise ausmachen: Delfine, die uns täglich für ein paar Stunden begleiteten. Die unbeschreiblich schönen Sonnenuntergänge, die den ganzen Himmel in alle erdenklichen Farben tauchten. Den unglaublichen Sternenhimmel und die unzähligen Sternschnuppen. Die Unendlichkeit des Atlantiks, wenn man ganz vorne auf der Bugspitze sitzt. Das stetige Beisammensein mit seiner „Familie“. Mit zwölf Mädchen in einer Kammer zu schlafen. Zwei Wochen lang jeweils vier Tage hintereinander Reis essen, als der Proviant zu neige ging. Jeden Morgen und jede Nacht mehr oder weniger liebevoll geweckt zu werden. Einfach alles.


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Vor zwei Woche haben wir, die High Seas High School 2010/11, uns wieder in Hamburg getroffen: Zur Abfahrt der nächsten Reise. Wir haben ihnen Tipps mit auf den Weg gegeben, wie etwa: Bücher immer am Fußende lagern, sonst fallen sie einem bei einer großen Welle auf den Kopf! Oder: Bei starkem Seegang keine Lasagne im Ofen machen, die schwappt über und hinterlässt eingebrannte, schwarze Striemen.

Und dann werden die letzten Freunde gedrückt, Taschentücher ausgeteilt und die letzten Worte ausgetauscht. Dann heißt es „Leinen los!“ und schließlich verschwindet der Zweimaster langsam in der Ferne, während wir am Hafen bleiben und mit Tränen in den Augen an den Moment zurückdenken, als wir auf der anderen Seite der Reling standen.



Im Netz

http://www.hshs.eu Die offizielle Website der High Seas High School


Infos

Das Projekt „High Seas High School“ wird seit 1993 von der Hermann-Lietz-Schule auf Spiekeroog geleitet. Ziel ist es, jungen Menschen eine Abwechslung in den Schulalltag zu geben, wo man auch mal Hand anlegen und mithelfen muss. Seit zwanzig Jahren fahren jedes Jahr bis zu dreissig Schüler auf einem Zweimaster zur See, seit 2007 auf dem Gaffelschoner „Johann Smidt“.

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