Beschämt, erregt und ergriffen

Beschämt, erregt und ergriffen

Betrachtungen eines Chorkonzerts von der Empore


Bild: Vocabella
Bild: Vocabella

Wer dieser Tage an Wochenendabenden an einer Kirche vorbei schlendert, wird von drinnen oftmals gedämpftes Singen vernehmen. Die Laienchorsaison ist eröffnet, und das Besuchen eines Konzertes ist Pflicht. Zumindest, wenn die eigene Mutter singt.

Von Elvira Wepfer.


Laiengesangschöre gibts wie Sand am Meer, und jetzt, mehr oder weniger kurz vor Weihnachten, haben sie Hochsaison. Jeder Chor lädt ein zum Herbst-, Advents- und Winterkonzert. Laienchöre mögen manchmal Bach und Fauré, aber meistens lieber Gospel, Pop und (Weihnachts-) Evergreens. Chorkonzerte gibts a cappella, mit Orchestern und Begleitmusik, es gibt sie unisex und bunt gemischt. Von Allerheiligen bis Heilig Abend werden wir nur so überschwemmt mit ehrgeiziger Laienmusik, vorgetragen vorzugsweise in städtischen wie ländlichen Kirchen. Und doch schwingt jedes Mal, wenn wir uns an einem Freitag- oder Samstagabend gegen zwanzig Uhr durch ein behäbiges Holztor mit Eisenscharnieren stehlen ein Quäntchen Scham mit. Es ist nicht cool, an ein Chorkonzert zu gehen; es ist nicht hip, auf Kirchbänken sitzend zu klatschen. Wer in Gesellschaft zugeben muss, an ein Chorkonzert zu gehen, gibt meist als Grund eine Verwandte an – gewöhnlich die Mutter, denn deren Hobbies sind, wie sie selbst, heilig. „Ich mache ihr eine Freude damit“: die Universal-Ausrede. Und so finden wir uns dann an einem vor-vor-weihnachtlichen Wochenende im gedämpften Licht der Kirchenleuchten wieder, die wir zuletzt in unseren Konfirmandentagen gesehen und verachtet hatten. Wir setzen uns auf die Chorempore – dort, wo die Orgel steht – und hoffen, keinen Bekannten zu treffen. Wenn die Frauen und Männer dann feierlich und aufgeregt auf die Bühne treten, die Dirigentin ein paar einleitende Worte sagt und ein paar alte Männer gedämpft husten, lehnen wir uns zurück und ergeben uns der Chormusik.

Auf Nummer sicher

Der bunte Mix diverser Stile kommt beim Chorkonzert am besten an. Er lockt diverse Zielgruppen an und ist leicht verdaulich. Solange der Wiedererkennungswert hoch ist, darf jedes Lied gesungen werden. So sind dann auch viele Chorkonzerte Potpourris aus oft Gehörtem. Die Hoffnung der Dirigentin dabei ist, dass durch Wiedererkennung aus der Scham des Chorkonzertbesuchs eine Erregtheit, ja eine Ergriffenheit des Beiwohnens wird. Die a cappella Nummer zum Beispiel fehlt nie. Egal, welche instrumentale Unterstützung dem Gesangsverein zuteilwird, auf seine Mehrstimmigkeit ist der Chor stolz und präsentiert sie mindestens ein Mal in ihrer ungeschminkten Nacktheit. Auch der Gospel ist Pflicht. ‚Praise‘ und ‚holy‘ sind dabei die Schlagwörter, egal, wo sonst der thematische Schwerpunkt des Konzerts liegt. Gross sind für Chöre auch Lieder, die aus einzelnen Silben bestehen, anstatt aus ganzen Worten oder Sätzen. ‚Chi-qui Chi-qua‘ wäre hier ein Beispiel, oder auch das in der Eingangsrede einer jeden Dirigentin als feurig ausgewiesene ‚Baraba Ba‘. Die Evergreens aus Pop, Rock und Weihnachtsgesangbuch schliesslich ziehen immer: bunt gemischt, jedem bekannt und gern im Radio gespielt. Wenn dieser Höhepunkt des Chorkonzerts überschritten ist, bleibt meist nicht viel zu erwarten. Deswegen schämen wir uns des Chorkonzertbesuches trotz Mutteralibi: weil Chormusik zu oft auf Nummer sicher geht und die ewig gleichen Nummern wiederkäut – auch wenn die Arrangements variieren. Die Ergriffenheit, die ein Chor für sein Publikum anstrebt und bei der er von seinem Aufführungsort, der Kirche, grosszügig unterstützt wird, bleibt meist aus. Hie und da jedoch wagt sich ein Chor über die sicheren Nummern hinaus. Dann sitzen wir auf den Kirchbänken und sind erstaunt.

Von leisen Schauern und lautem Klatschen

Wenn plötzlich Jazz, Twist oder gar ein jamaikanisches Seemannslied erklingen, horcht das Publikum auf. Ein Welsches Chanson ist noch ungewöhnlicher, und völlig apart klingt uns ein Schweizerdeutsches Volkslied mit Beatboxeinlage. Eine der Frauen singt darin ein Solo – übrigens nicht das Einzige an diesem Abend, und die Chorempore ist angenehm überrascht vom Talent der Laien. Dies Solo nun tanzt nie gehört und unverwandt daher, stemmt der Vielzahl der Chorstimmen kleine Jodel entgegen und macht, was Chormusik selten schafft: es erstaunt. Die Frau, die singt muss über fünfzig sein; sie schaut immer wieder zu unserer Empore hinauf, wo neben uns ein über fünfzigjähriger Mann sitzt. Da ist er, der wirklich Ergriffene, und tupft was Weisses über seine Augen. Nun sind wir froh, das Mutteralibi angegeben zu haben: es gibt der Erregtheit, die wir fühlen, eine Legitimation, wenn wir später an der Party davon erzählen. Als nun das beatbox verklingt, der Chor leiser wird und die Altstimme der Frau endet, klatschen wir laut. Nach dem Konzert treten wir aus dem Kirchtor und fühlen leise Schauer über den Rücken jagen: es ist kalt geworden in dieser Vor-vor-Weihnachtszeit.



Im Netz:

http://www.usc-scv.ch/index.php?p=was-ist-die-scv&l=de

Webpage der Schweizerischen Chorvereinigung weltlicher Ausrichtung


http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Stadt-der-90-Choere/story/25095320

Die Laienchöre Berns 2012


http://www.himmelried.ch/index.php/m_vereine/m_vocabella.html Ein Chor, der estaunt

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