Boris Cyrulnik: „Wenn Kinder sich selbst töten“

Ernst, aber nicht ernst genug

Boris Cyrulnik: „Wenn Kinder sich selbst töten. Das Unfassbare begreifen und verhindern“ (Sachbuch)

Ein Sachbuch, das mit Vorsicht zu genießen ist!

Von Angela Stella Hoppmann.

WennKinderBoris Cyrulnik, ein französischer Neuropsychiater und bekanntester Psychotherapeut Frankreichs, schreibt mit diesem Buch nicht seinen ersten, aber wohl seinen ambitioniertesten Ratgeber. „Wir alle können Suizid verhindern“ und  „dieses Buch kann Leben retten!“

Das nicht zu Verstehende verstehen

Boris Cyrulnik nähert sich dem Thema Suizid bei Kindern aus Sicht der Neurobiologie, der Psychologie, der Soziologie und weiteren Wissenschaften, und gibt einen Gesamtüberblick über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Im Fokus steht die Entstehung von Vulnerabilitäten und Entwicklungsproblemen durch Traumatisierung. Cyrulnik zeigt beispielhaft, wie fragil menschliches Leben ist. Das Buch führt den Leser Kapitel für Kapitel zum Thema Suizid hin, und am Ende gibt es präventive Ratschläge.

Verstehe, wer will

Das Buch hat keinen Adressaten, richtet sich an alle und damit auch an niemanden. Für wen kann dieses Buch dann hilfreich sein? Für die betroffenen Eltern, die bereits in der Kindheit einiges falsch gemacht und so den Suizid (unbewusst) mit verursacht zu haben scheinen? Für Professionelle, denen mit plakativen und sehr einfachen Darstellungen weisgemacht wird, es könne so einfach sein, Leben zu retten? Oder gar für Jugendliche, die sich selbst in diesem Buch wiedererkennen und ihre eigenen suizidalen Gedanken verstehen und sich selbst retten können? All diese Zielgruppen sind es ganz offensichtlich nicht.

Was zu verstehen war

Die wichtigen Fakten am Anfang des Buches sind interessant und decken ein Phänomen auf, das heute noch ein Tabuthema ist. Es lässt den Leser staunen und zugleich erschüttern. Schnell entsteht der Wunsch, etwas zu tun. Doch Cyrulnik kann die Motivation des Lesers nicht mitnehmen, sondern verliert sie durch plakative Anschuldigungen und oberflächliche Darstellungen. Alle Kapitel, von der Entstehung des Suizids über die Entwicklungspsychologie von Kindern und Jugendlichen bis hin zum tatsächlichen Vollzug, enden mit einem letzten mahnenden Satz, der fast wie eine Ohrfeige daherkommt und alle Erklärungen zunichtemacht. Die genannten Beispiele sind leider nicht als solche gekennzeichnet und so verkommt das Buch zu einer Wenn-dann-Kausalitätskette, die dem Thema nicht annähernd gerecht wird.


Titel: Wenn Kinder sich selbst töten. Das Unfassbare begreifen und verhindern
Autor: Boris Cyrulnik
Verlag: Patmos
Seiten: 168
Richtpreis: 25.90

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