Albert Ostermaier: “Die Liebende”

Am Ende das Requiem

Albert Ostermaier: “Die Liebende” (Erzählung)

Lyrisch und verwegen zeichnet Albert Ostermaier in seiner jüngsten Erzählung das Verhör einer mutmaßlichen Serienmörderin nach. Dank seinem ihm ganz eigenen Stil gleicht das schmale Werk aber mehr einem rauschhaften Trip als einer Kriminalgeschichte. Ein großartiges Stück Literatur für Sprachliebhaber und Freunde der experimentellen Literatur!

Von Lisa Letnansky.

DieLiebendeDie äussere Erscheinung dieses 81-seitigen Büchleins der Suhrkampschen “Kleinen Reihe” ist unscheinbar, unspektakulär, man könnte aber auch sagen: unaufdringlich elegant. Kein Bild ziert den Einband und auch den Klappentext sucht man vergebens. Und das ist auch besser so, denn jeder Versuch, die Handlung von “Die Liebende” aufschlussreich und appetitlich zu umreißen, wäre zum Scheitern verurteilt. So scheint es einleuchtend, dass der Verlag offenbar darauf vertraut, dass die Erzählung auch ohne großes Tamtam ihre Leser finden wird, denn wer die Romane “Zephyr” (2008) und “Schwarze Sonne Scheine” (2011) von Albert Ostermaier gelesen hat, oder wer seine Gedichte oder Dramen kennt, weiß, worauf er sich mit “Die Liebende” einlässt.

“Die Liebende”, das ist eine mysteriöse, betagte Frau, die behauptet, ihre Liebhaber und Liebhaberinnen in Tiere oder Gegenstände verwandelt zu haben. Sie scheint Gedanken lesen zu können und spricht in lyrischen Rätseln von Odysseus, Circe und vor allem von einer verzehrenden, alles umfassenden, unbedingten Form der Liebe: “Wer zu mir kommt, der bleibt bei mir, bis ich ihn ausspucke wie die Klippen die Wellen zurück ins Meer.” Gerichtet sind ihre Worte an den Polizisten Olivier, ein menschenscheuer, desillusionierter, schlafloser Einzelgänger, mehr noch aber an das Diktiergerät, das vor ihr liegt. Während sie ihre Umwelt meist völlig ausgeblendet zu haben scheint und ihre Reden immer mehr ins Mythisch-Nebulöse abschweifen, spricht sie Olivier aber zuweilen auch direkt an, was diesen zunehmend verunsichert: “Immer sprach sie von Betrug. Machte ihn direkt verantwortlich. Als hätte er sie betrogen, als kennte sie ihn. Als gehörte er zu der großen Zahl der Männer, von denen sie sich betrogen glaubte. Als sei er deren Widergänger.”

Heilige. Hure. Hexe.

So beginnen die Schicksale des Kommissars und der Liebenden sich zu verstricken. Nicht nur, dass Olivier weiter ihre Stimme zu hören glaubt, wenn weder sie selbst noch das Tonband zu hören sein dürften; er träumt auch von ihr und findet morgens verräterische Lippenstiftspuren an seinen Gläsern und Büchern. Obwohl sie seine Großmutter sein könnte, fühlt sich Olivier von ihr an seine erste Liebe erinnert, ist angewidert und betört zugleich. Er sieht in ihr gleichzeitig die Heilige, die Hure und die Hexe, ihre Stimme hat für ihn “etwas von Hypnose”, etwas, dem er sich nicht entziehen kann. Auch nach Feierabend kann er nicht von ihr ablassen, hört zu Hause und im Auto ihre Tonband-Monologe wieder und wieder, gerät in ihren sibyllinischen Bann und verirrt sich darin. “Sie war eine Operndiva. Sie sprach eigentlich nicht, sie sang, und er hörte die Geigen, und am Ende das Requiem, wenn sie die Toten, von denen sie sprach, finden würden jenseits des Orchestergrabens.”

Genauso fühlt sich auch die Lektüre von “Die Liebende” an. Mehr Requiem als Erzählung, wird man unversehens von diesem Ostermaierschen rauschhaften Sog erfasst, seiner musikalisch-lyrischen Sprache, die zuweilen an Homers “Odyssee” oder Ovids “Metamorphosen” erinnert, meist aber auf eine eigentümliche, unverkennbare Art nur um ihrer selbst willen zu bestehen scheint. Leser, die dem Pathos eher abneigend begegnen, könnten nun genau dies dem Autor zum Vorwurf machen. “Die Liebende” ist sicherlich keine Literatur für jedermann, dafür ist sie zu verspielt, zu enigmatisch, zu radikal. Doch wer willens ist, sich auf dieses experimentelle Konstrukt zwischen Mythenverarbeitung, Sprachexperiment und prosaischem Langgedicht vollauf einzulassen, kann sich auf ein lustvolles Lesevergnügen gefasst machen.


Titel: Die Liebende
Autor: Albert Ostermaier
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 81
Richtpreis: CHF 21.90

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