Barbara Kirchner: “Die verbesserte Frau”

Pimp My Mädel

Barbara Kirchner: “Die verbesserte Frau” (Roman)

Emanzipation, Gentechnik, mafiöse Verbindungen zwischen Wirtschafts- und Gesundheitsindustrie – mit Barbara Kirchners Roman „Die verbesserte Frau“ legt der Verbrecher Verlag ein Werk neu auf, das in den letzten zehn Jahren kein bisschen an Aktualität eingebüßt hat.

Von Lisa Letnansky.

DieverbesserteFrauBorbruck, „die liebenswerte Stadt der Brücken, wie das Fremdenverkehrsamt warb, war im Sommer 1997 Sin City geworden. Dunkel, böse.“ Denn nicht nur, dass zwielichtige Gestalten vor kurzem einen gefesselten und geknebelten Mann von einer Brücke gestoßen hatten; immer wieder verschwinden auch junge Frauen spurlos. Natürlich vermutet man dahinter erst das Werk eines durchgedrehten Triebtäters. Doch wir Leser wissen es besser, denn wir folgen schon ganz zu Beginn dem sogenannten „Jäger“ auf seiner Suche nach „Mädels“, wie er seine Beute zu nennen pflegt. Diese fängt er jedoch nicht für sich, sondern bringt sie seinem Arbeitgeber, überzeugt davon, das Richtige zu tun: „Der Jäger sah sich als eine Art Wildhüter. Die Frauen – die Mädels –, die er ablieferte, konnten ihm dankbar sein, meinte er. Sie wurden verbessert.“ Bald schon ahnt nicht nur der Leser, dass das mysteriöse Institut auf dem Guten Weißen Berg irgendwie in die Sache verstrickt sein könnte. Diese medizinisch Forschungseinrichtung, dessen Namen „MORGEN & Partner“ so gar nicht nach Medizin, sondern eher nach Finanzbranche tönt, hatte seine Arbeit schon vor einigen Jahren aufgenommen, doch bis zu diesem Tag hat die Öffentlichkeit keine Ahnung, was dort eigentlich genau getrieben wird. Gerüchte über üble Tierversuche und andere unethische Praktiken halten sich jedenfalls hartnäckig.

Wissenschaftsroman und Thriller in einem

Auch an der Uni sind die verschwundenen Mädchen Thema Nummer eins. In der Mensa IV arbeitet Bettina, die gerade ihr Musik- und Geschichtsstudium unterbrochen (und nicht abgebrochen, wie sie sich einzureden versucht) hat, von Job zu Job dümpelt, und nun über verschiedene Zufälle unfreiwillig in den Strudel der Ereignisse hineingezogen wird. Nachdem eine Bekannte, die anscheinend Nachforschungen über den Guten Weißen Berg angestellt hatte, zerstückelt in ihrer Wohnung aufgefunden wurde und sich herausgestellt hat, dass ihr Schwarm Ursula ausgerechnet in diesem Institut arbeitet, folgt Bettina den Spuren, die unter anderem in ihre eigene WG führen. Von da an überstürzen sich die Ereignisse, die Toten und Verstrickungen häufen sich und Barbara Kirchners Wissenschaftsroman verwandelt sich in einen haarsträubenden Thriller inklusive zwielichtigem Personal und rücksichtslosen Gewaltszenen. Da ist Ansgar, der schleimige Germanistikstudent, den Bettina so abstoßend findet, Veronique, eine sich verdächtig verhaltende Freundin der zerstückelten Studentin, „Bob“ und „Tony“, zwei prototypische Ausgaben des amerikanischen Auftragskillers, die so prototypisch sind, dass ihre Namen ausnahmslos mit Anführungszeichen versehen sind – und da ist Dr. Dr. neur. tech. Arndt, allem Anschein nach der wissenschaftliche Kopf hinter MORGEN & Partner.

Die Umwandlung von Schmerz in Lust

Dieser Dr. Dr. Arndt verfolgt mit seinen Forschungen kein geringeres Ziel als das, den Menschen zu „verbessern“. Das kennt man natürlich schon aus unzähligen Filmen und Büchern, doch auf dem Guten Weißen Berg strebt man weder die Erschaffung des Supergenies an, das im Gegensatz zu uns seine gesamte Hirnkapazität nutzen kann, noch die eines cyborghaften Supersoldaten à la Captain America, sondern – und da kann es einem schon mal kalt den Rücken runter laufen – die einer absolut unterwürfigen Sexgespielin für Gewalt-Fetischisten, die zu allem dazu auch noch Spaß daran findet, beinahe zu Tode gequält zu werden. Oder wie es Dr. Dr. Arndt einmal sagt: „Es geht uns im wesentlichen um die Umwandlung von Schmerz in Lust.“

Die Brisanz der Tatsache, dass die zukünftige Möglichkeit solcher „Verbesserungen“ des Menschen mindestens in der Theorie nicht gänzlich unvorstellbar ist (Kirchner ist übrigens Professorin für Theoretische Chemie), ist es jedoch nicht, was Kirchners Roman so speziell macht. Die Stärke dieses Thrillers liegt nämlich eindeutig in der Wahl der Protagonistin. Bettina ist so frech, witzig, schlagfertig, eigensinnig, dickköpfig, aufbrausend und hartgesotten, wie das in solchen Geschichten sonst nur Männern zugestanden wird. Schade ist nur, dass Kirchner einen solchen Charakter anscheinend keiner x-beliebigen Frau zutraut, sondern dass sie zu allem Überfluss auch noch lesbisch sein muss – das ist der Emanzipation dann doch ein Hauch zuviel. Und überhaupt scheint in der fiktiven Stadt Borbruck die Hälfte der Bevölkerung homosexuell geartet zu sein – natürlich allesamt starke, selbstbewusste Persönlichkeiten –, wie sich auch sonst gegen Schluss die Klischees etwas zu arg häufen (die „Endkunden“ für die verbesserten Frauen beispielsweise sind natürlich hyperreiche Amerikaner). Dennoch tut dies dem Leseerlebnis keinerlei Abbruch. „Die verbesserte Frau“ ist nicht nur gesellschaftskritisch und aktuell, sondern auch packend, grauenerregend, zuweilen hochnotkomisch – und vor allem: spannend bis zur letzten Seite.


Titel: Die verbesserte Frau
Autorin: Barbara Kirchner
Verlag: Verbrecher
Seiten: 256
Richtpreis: CHF 20.90

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