Burkhard Spinnen: “Nevena”

Das Leben ist mehr als ein Spiel

Burkhard Spinnen: “Nevena” (Roman)

Es ist ein Bild, das Kritiker der heutigen Jugend nur zu gerne zeichnen: der moderne Jugendliche, der seine Zeit nur vor dem Computer verbringt und keinerlei soziale Kontakte mehr pflegt. Der mehrfach ausgezeichnete deutsche Autor Burkhard Spinnen zeigt jedoch in seinem neuesten Roman, dass die temporäre Flucht in eine virtuelle Welt auch eine Suche nach sich selbst sein kann, und manchmal zu einem durchaus realen Abenteuer führt.

Von Stefanie Feineis.

nevenaSeit seine Mutter an Krebs erkrankt ist, flüchtet sich der 17-jährige Patrick in eine Welt, in der alles einfach scheint: sein Online-Computerspiel. Hier ist alles berechenbar, und nichts endgültig, denn schliesslich erstehen gefallene Helden schon kurze Zeit später wieder auf. Ganz anders als in Patricks wahrem Leben.

Virtueller Rückzugsort

Doch der wahre Grund, weshalb Patrick auch nach dem Tod seiner Mutter einen Grossteil seiner Freizeit am Computer verbringt, ist durchaus real: Nevena, ein gleichaltriges Mädchen, das nach eigenen Angaben in Belgrad lebt. Patrick weiss zwar wenig über das fremde Land, aus dem seine Freundin stammt, dafür aber umso mehr über sie selbst. Wenn die beiden nicht gerade als Zornelfe und Barbar im Spiel ihre Gegner besiegen, schreiben sie sich lange Emails, in denen Nevena gerne ausführlich von ihrer verrückten Grossfamilie und den Höhen und Tiefen ihres Lebens berichtet; ein normaler Alltag, wie er für Patrick schon lange nicht mehr existiert. Bald fühlt sich Patrick ihr näher als seinen Freunden im wahren Leben, und sogar näher als seinem eigenen Vater. Doch dann verschwindet Nevena plötzlich von einem Tag auf den anderen, und Patrick wird klar, wie wenig er in Wirklichkeit über sie weiss.

Rettungsmission oder Selbstfindungstrip?

Im Gegensatz zu seinem Sohn kann Vater Henner dem Computerspiel wenig abgewinnen. In seinen Augen ist die virtuelle Welt sogar Schuld daran, dass er und sein Sohn sich nicht mehr viel zu sagen haben und nur noch selten Zeit zusammen verbringen. Als ihm Patrick jedoch seine Sorgen um Nevena anvertraut, sieht Henner seine Chance, die Beziehung zu seinem Sohn zu retten. Schliesslich arbeitet er als Gutachter, und ein reicher Mäzen aus dem italienischen Triest möchte gerne seine Meinung zu einer Neuerwerbung hören. So schlägt Henner vor, gemeinsam mit dem alten Wohnmobil der Familie zunächst nach Italien, und dann nach Jugoslawien zu fahren, um vor Ort nach Nevena zu suchen. Patrick willigt schliesslich ein, hin- und hergerissen zwischen Sehnsucht, Sorge und Furcht vor der Wahrheit. Die Reise führt Vater und Sohn nicht nur durch ein kriegsversehrtes Land, sondern auch näher zu sich selbst. Kommen sich die beiden am Ende wieder näher? Und werden sie Nevena finden?

Grosse Bandbreite

Die grosse Stärke dieses Buches ist die Vielzahl an unterschiedlichen Themen, die Burkhard Spinnen nahezu problemlos zu verknüpfen weiss. Er erzählt von zeitlosen Themen wie Tod, Liebe, Familie und Krieg, aber auch von modernen wie Onlinespielen, Krebs und dem ganz normalen Alltag Jugendlicher im Computerzeitalter. Dank eines Grenzgängerstipendiums war es dem Autor möglich, vor Ort im ehemaligen Jugoslawien zu recherchieren, mit Einheimischen zu sprechen und die Reiseroute seiner Figuren selbst abzufahren. Diese persönliche Erfahrung ist deutlich spürbar und lässt die Geschichte besonders authentisch wirken. Zusätzlich zu der spannenden Handlung, die schon fast wie ein Detektivroman anmutet, erfährt man einiges über einen fast schon vergessenen Krieg und ein europäisches Land, das viele nur dem Namen nach kennen.

Ein spannendes Buch, das gleichzeitig auch informativ ist und nachdenklich stimmt – für Jugendliche und Erwachsene gleichermassen geeignet.


Titel: Nevena
Autor: Burkhard Spinnen
Verlag: Schöffling
Seiten: 378
Richtpreis: 28.40

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