Hotline Miami (Dennaton Games)

Hotline Miami ist nicht gut für dich!

Hotline Miami (Dennaton Games)

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Es gibt Spiele, die können nur Leute verstehen, die hin und wieder widerliches Fast Food kaufen. Hotline Miami von Jonatan Söderström ist eines davon: Schnell, grellbunt und überhaupt nicht gut für die (geistige) Gesundheit. PETER KLEMENT über Brechstangen und Burger.

Es gibt in jeder Stadt einen dieser Läden, von denen keiner weiß, warum sie überhaupt noch existieren: Denn drin arbeiten unfreundliche Menschen hinter einer versifften Theke, auf der sie unaussprechliche Verbrechen gegen den guten Geschmack und die menschliche Lebenserwartung in die Kühltheke packen. Dort warten die unheiligen Homunkuli dann geduldig drauf von einer haarigen Pranke gepackt und in die Mikrowelle geschoben zu werden. Um anschließend in den Händen eines armen Trottels zu landen, der den Laden noch nicht kennt oder aber in denen von jemand, der das so ungefähr einmal im Monat mit voller Absicht tut, so wie ich.

Hotline Miami ist nicht gut für dich!

Die Burger aus solchen Läden erkennen die geneigten Lebensmittelmasochisten daran, dass ein Finger von oben nach unten durch den Burger gleiten kann und dabei immer auf den gleichen Widerstand trifft. Da das Ding, das aus der Kälte kam, durch Mikrowellenstrahlung zu einer homogenen Masse zusammengebacken ist. Der erste Biss hat eine Geschmacksexplosion zur Folge, die irgendwo zwischen „awesome!“ und „abartig!“ liegt, denn einerseits verkürzt sich mit jedem Biss die Lebenserwartung vermutlich um einen Monat aber andererseits muss der Mensch eben gelegentlich etwas Dummes tun, um das Leben, das Universum und den ganzen Rest wieder besser schätzen zu können – und nichts erledigt das so gut wie das Kokettieren mit einer epischen Lebensmittelvergiftung.

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NIMM MICH IN DEN MUND!

In Hotline Miami bilden der Sound, das Gameplay und das grafische Design eine Einheit, die ein genauso cooles, abartiges Ganzes gibt. Und das ist eine beeindruckende Leistung, denn hier steuern die SpielerInnen einen Psychopathen, der in einem grellbunten Miami der Achtziger Jahre mit Brechstangen, Golfschlägern und Metzgermessern die kriminelle Unterwelt verhackstückt. Untermalt wird das Ganze von psychedelischer Musik, die sich langsam aber sicher ins Hirn frisst und die Motivation gibt immer und immer wieder mit einem Baseballschläger in einen Raum zu rennen, in dem drei Typen mit Schrotflinten auf die Spielfigur lauern. Denn Hotline Miami ist ein Spiel, das mit erbarmungsloser Konsequenz und mit erbarmungsloser Geschwindigkeit funktioniert: Es gibt für den Raum mit den drei Typen genau ein Zeitfenster, in dem ein Killer mit einem Baseballschläger eine Chance gegen drei bewaffnete Gangster hat und alle Beteiligten in diesem einsekündigen Blutbad halten genau einen Treffer aus. Am Anfang braucht es ungefähr zehn oder fünfzehn Anläufe, um diesen Zeitpunkt zu finden und es dabei nicht zu vergeigen oder einfach nur fies Pech zu haben.

Hotline Miami ist nicht gut für dich!

Doch nach einer kurzen Gewöhnungsphase reißt einen Hotline Miami in ein ziemlich verrücktes Flow-Erlebnis, das auch noch anhält, nachdem man zum zwanzigsten Mal auf „R“ hämmert, um das Level neu starten, weil doch einer schneller am Abzug war. Das Interface ist absolut minimalistisch, genauso wie das Gameplay, ein Level kann in weniger als drei oder vier Minuten erledigt sein. Doch dafür muss erst fleißig gestorben werden, denn Hotline Miami fordert blitzschnelle Reaktion und Entscheidungen, die in einem Sekundenbruchteil fallen müssen. Aber irgendwann ergeben sich im Kopf der SpielerInnen Lauf- und Reaktionsmuster, die sich Stück für Stück zwischen dem immer wieder eingeblendeten Satz „You are dead. Press R to restart“ schälen.

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I’M BEAUTIFUL ON THE INSIDE!

Nach ungefähr vier Leveln, in denen in schreiend bunter Pixelgrafik Schädel zertrümmert, Augen eingedrückt, Bäuche aufgeschlitzt und Brustkörbe zersiebt werden, stellt man fest, dass man unbewusst angefangen Billard zu spielen, Billard mit Brechstangen und Köpfen. Anstatt in einen Raum zu rennen und möglichst effizient alles aus dem Weg zu räumen, lässt man plötzlich die Schrotflinte links liegen um es…cool…zu machen: Den ersten Typ umhauen, dem zweiten den Baseballschläger an den Kopf werfen, seine Flinte aufsammeln, ihn als menschliches Schutzschild missbrauchen, währenddessen den letzten mit der erbeuteten Schrotflinte weg pusten. Das Ganze dauert unwesentlich länger als zu blinzeln.

Hotline Miami ist nicht gut für dich!

Die meisten Spiele, die mit derart expliziter Gewaltdarstellung arbeiten tun, geben den SpielerInnen meist ein Augenzwinkern mit auf den Weg und einen Klaps auf die Schulter: Ist doch nur ein Spiel, kann man ja Dampf ablassen. Ist alles cool, Alter! Alternativ präsentieren sie die Spielfigur in einer Zwangslage, die mehr oder minder alles rechtfertigt. Hotline Miami blinzelt nicht und Erklärungen wird man in dem verschachtelten Plot ebenfalls vergeblich suchen. Die einzige Sicherheit in diesem Spiel ist, dass die Spielfiguren gelangweilte Psychopathen sind, die die Sache jederzeit hätten beenden können, aber das wollen sie nicht. „The devil made me do it“ gilt hier nicht. Wer Hotline Miami spielt, begibt sich auf einen abgefahrenen Trip aus ultraschneller, ultrabrutaler Gewalt – trotz Pixelgrafik – die durch die Kombination aus Spielmechanik, Grafik und Musik einen seltsamen Trancezustand auslöst, der mit dem Flowbegriff nur unzureichend beschrieben ist. Moral, eine Rechtfertigung oder einen Sinn sucht man hier vergebens. Genauso wie jeder Biss in einen Burger direkt aus der Hölle der Lebensmittelindustrie mit Logik nicht zu rechtfertigen ist, bliebt am Ende die Erkenntnis: Ich wollte es so und ich fand es großartig und ich werde es wieder tun, weil ich es wieder tun kann.

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What remains.

Hotline Miami ist nicht gut für dich! Aber, scheiß drauf! Du willst ja nicht ewig leben und eigentlich schmeckt das Teil gar nicht so schlecht, muss wohl an der Barbecue Soße liegen…

Bereits erschienen.

Originaltitel: Hotline Miami
Plattform: PC
Genre: 2D top-down action
Entwickler: Dennaton Games

Im Netz

Der fantastisches Soundtrack kann in Gänze online gehört werden.

3 Gedanken zu „Hotline Miami (Dennaton Games)

  • 18.12.2012 um 11:52
    Permalink

    Peter made me play it!!!

  • 18.12.2012 um 14:39
    Permalink

    Für die Bebilderung holt man gerne das alte Wort “kongenial” aus der Schublade.
    Ich hoffe, nie in dem Laden zu landen, in dem du das erstanden hast.

  • 18.12.2012 um 16:19
    Permalink

    Ich werde das Geheimnis mit in mein (frühes) Grab nehmen!

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