René Pollesch – “Macht es für euch!” | Schauspielhaus Zürich, Schiffbau

Wenn aus Spiel Ernst wird

René Pollesch – “Macht es für euch!” | Schauspielhaus Zürich, Schiffbau

Foto/Copyright: Matthias Horn | Bild: Patrick Güldenberg (mit Blumenkranz), Jan Bluthardt (im bunten Anzug), Inga Busch (im Kleid), Statisterie
Foto/Copyright: Matthias Horn | Bild: Patrick Güldenberg (mit Blumenkranz), Jan Bluthardt (im bunten Anzug), Inga Busch (im Kleid), Statisterie

Im Zürcher Schiffbau ist derzeit die neuste Episode von René Polleschs “Work in Progress“ zu sehen. Mit seinem ihm ganz eigenen Stil versteht es der Meister des gesellschaftskritischen Denkanstoss-Theaters nicht nur vortrefflich zu unterhalten, sondern bringt einen auch noch dazu, sowohl gesellschaftliche Konventionen als auch das eigene Denken zu hinterfragen.

Von Lisa Letnansky.

Da rackert sich ein Ensemble wochenlang mit Proben ab, riesige Bühnenbilder werden wie neue Welten erschaffen, Texte bearbeitet und Ideen jongliert. Dann kommt das Publikum, und nach zwei, drei Stunden ist der ganze Spuk auch schon wieder vorbei. Da fragt man sich doch: Was will das Theater eigentlich bewirken? Wozu der ganze Aufwand? Klar, Aristoteles strebte mit seiner Poetik nach Katharsis, der Läuterung und Reinigung der Zuschauerseele von bestimmten Affekten, und Brecht wollte sein Publikum sozial erziehen und dazu bewegen, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Doch das ist doch alles alter Tobak. Was will das Theater denn heute bewirken?

Postdramatischer Diskurszirkus
Das ist eine der Fragen, die die Denkanstoss-Maschinerie von René Polleschs neuem Theaterabend “Macht es für euch!“ in Gang hält. Der umtriebige Regisseur, der alle paar Monate eine andere Stadt mit seinen gesellschaftskritischen Stücken aufmischt (allein 2012 fünf Uraufführungen), tut dies nun, nach “Calvinisums Klein“ (2009) und “Fahrende Frauen“ (2011), auch wieder einmal mit Zürich. Dass “Schreibblockade“ ein Wort ist, das dieser Mensch offenbar nicht zu kennen scheint, liegt sicherlich auch daran, dass sich seine Stücke oft aus einander entwickeln, sich mit jedem Werk weiterentwickeln – seine gesamte Produktion ein einziges, riesiges “Work in Progress“. So auch “Macht es für euch!“, dieser postdramatische Diskurszirkus, der nur Pollesch auf die Beine stellen konnte, weil es so ganz anders ist als alles andere, was man aktuell auf den Bühnen der Welt sonst noch so rezipieren kann. “Macht es für euch!“ ist nämlich auch der letzte Satz des Pollesch-Stücks “Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“, das dieses Jahr auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Mit “euch“ sind hier die Schauspieler gemeint, eine Anspielung auf Brechts Idee eines Theaters ohne Publikum und auf die Tatsache, dass die Wirkung eines Theaters auf seine Zuschauer rein spekulativ und nicht messbar ist.

Man merkt also schnell: Hier wird an diesem Abend keine Geschichte erzählt. Bereits der Titel öffnet den Durchgang zur Meta-Ebene der Wirkungs- und Auswirkungstheorien, mit denen das Publikum während der folgenden eineinhalb Stunden bombardiert wird. “Macht es für euch!“ ist ein Plädoyer für die Reflexion und die persönliche Auseinandersetzung mit zeitgenössischen philosophischen Theorien und bestenfalls auch deren Anwendung im Alltag. “Diese Theorien sind benutzbar und anwendbar auf das eigene Leben. Mein Ideal wäre, wenn der Zuschauer uns dabei beobachtet, wie wir mit besseren Sehhilfen auf unsere Wirklichkeit schauen, wie Donna Haraway sagen würde“, beantwortet Pollesch im Programmheft die Frage danach, was denn nun die beabsichtigte Wirkung seines neuen Stücks sei.

Foto/Copyright: Matthias Horn | Bild: Ensemble und Statisterie
Foto/Copyright: Matthias Horn | Bild: Ensemble und Statisterie

Die Orte der großen Gefühle
So bleibt es natürlich auch nicht bei wirkungsästhetischen Theatertheorien. Wie eine vielköpfige Aphorismenmaschine mäandert sich das Ensemble (begleitet von einer Filmcrew, durch die hier auch mal die Praktikantin und die Souffleuse zu Wort kommen) durch die zeitgenössischen Orte der großen Gefühle – vom Schlafzimmer durch den Supermarkt bis zur Oper und wieder zurück – und schlängelt sich dabei durch Theorien und Ideen von Brecht über Robert Pfaller und Michael Sandel bis zu Foucault. Das hört sich nach trockener Belehrung an, ist aber alles andere als langweilig. Die Schauspieler debattieren, was das Zeug hält, und haben sichtlich Spass dabei: Warum konstatiert man oft verächtlich, dass etwas “nur“ ein Spiel war, wenn doch zum Beispiel ein Fussball-Spiel für so manche Menschen ernster ist als der gesamte Rest der Welt? Warum betrachtet man persönliches Scheitern immer als Tragödie, und nicht auch mal als Komödie, aus der die eigene Selbstachtung neue Kraft schöpfen könnte? Warum haben wir so ein grosses Problem damit, wenn uns etwas vorgespielt wird, wenn doch der Effekt des Spiels angenehmer ist, als es die Wahrheit gewesen wäre? Solche und viele andere Denkanstösse rund um die Frage, wann, warum und wie aus Spiel Ernst werden kann, jagen einander im Sekundentakt und erlauben den Gedanken trotz Wiederholungen und Rückgriffen kaum zu verweilen.

Mittelpunkt des großartigen Bühnenbilds von Chasper Bertschinger ist übrigens eine ausladende Treppe, auf die, zerstückelt und durchbrochen wie auch der Rest des Stücks, Jean-François Millets “Die Ährenleserinnen“ gemalt ist, und auf der der Begriff des “Sich-Hochschlafens“ an einer Stelle dank des zur Hochform auflaufenden Jan Bluthardt eine ganz neue Dimension erhält. Ja, auch die Komik kommt hier nicht zu kurz!

So hat René Pollesch mit “Macht es für euch!“ – diesem augenzwinkernden Aufruf an die Schauspieler, bei ihrem Spiel mal nicht an die Zuschauer zu denken – seine Rechnung ohne das Publikum gemacht. Wir wurden nämlich nicht nur gedanklich angeregt, sondern haben uns dabei auch noch glänzend unterhalten.


Besprechung der Aufführung am 21. Dezember 2012.
Weitere Vorstellungen bis am 24. Januar 2013.

Dauer: etwa 90 Minuten


Besetzung
Jan Bluthardt, Inga Busch, Patrick Güldenberg, Jirka Zett und Lahcen Abounacer, Forrest Baumgartner, Yannick Billinger, Alejandra Cardona, Luzian Hirzel, Philipp Lüscher, Sarah Andrina Schütz, Michelle Steinbeck

Regie: René Pollesch
Bühne: Chasper Bertschinger
Kostüme: Svenja Gassen
Licht: Markus Keusch
Dramaturgie: Katja Hagedorn


Im Netz
www.schauspielhaus.ch



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