Halo 4 (343 Industries)

Nur am Rand ein Shooter

Halo 4 (343 Industries)

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Mit einer Metacritic-Score von 87 und drölfmilliardenundtausend Abverkäufen darf sich Halo 4 glücklich schätzen, als erfolgreiches (und vor allem exklusives) Konzern-Unterhaltungs-Produkt zu gelten. RUDOLF INDERST hingegen stellt hingegen die einzig bedeutsame Frage: Warum hat Cortana uns das angetan?

Von 1992 bis 1996 gehörte der Schauspieler Andreas Elsholz zum Stammensemble der RTL-Soap-Truppe von Gute Zeiten, schlechte Zeiten. In einer weit im Voraus angekündigten, medial hochgepushten Ausstiegsfolge passierte jedoch dann das für zahlreiche Mädchenherzen Undenkbare. Der Elsholz alias Heiko Richter verschwand aus der Hitserie! Dass er wenig später als schmetternder Schmalzbarde die Ohren der Republik foltert , lassen wir in dieser Geschichte einmal außen vor (über die Toten nur Gutes!). Tja, damals lachten wir über Sabine und Jenny. Endlich war der Pomaden-Jimmy in den Fluten versunken! „Bravo-Gesicht!“ „Schöni-Terrorist!“ Aber nicht nur gute Buddhisten wissen, dass das Rad sich weiterdreht und nun…nun, am Ende von Halo 4 verschwand mein Heiko Richter, mein Andreas Elsholz. Kurzum: Cortana…warum hast Du uns alleine gelassen?

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FPS-Ménage-à-trois

Oh, süßlicher Trennungsschmerz! Ich stehe mit John-117 und starre in das Weltall. Für uns beide ist vor 5 Minuten eine Welt zusammen gebrochen. Seit 2002 gehören wir zusammen: der Master Chief, Cortana und ich. Wenn es jemals eine funktionierende, Funken sprühende Leidenschaft zu dritt gab, dann hatten WIR sie. WIR. In Halo: Kampf um die Zukunft hatten wir uns kennengelernt – eine sachliche Romanze (behaupten die Skeptiker), wenn man so will. Doch wir brachten Planungssicherheit und Leidenschaft stets zusammen und gingen gemeinsam durch, ja, Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Zuletzt machten wir uns in Halo: Combat Evolved Anniversary einen guten Namen. Jetzt mal ehrlich, natürlich hatten wir Angst, dass uns das neue Studio funktional oder ästhetisch zertrümmern würde, aber dieses Geburtstagsgeschenk war gelungen und machte ordentlich Druck wie die Bordkanonen der Pelicans.

Geskriptet wie die Großen

Halo 4 sieht fantastisch aus. Während Gameplay-Szenen im Vergleich zu Halo 3 noch einmal optisch aufgewertet wurden, sind es vor allem die vorberechneten Zwischensequenzen, die zu dem Besten gehören, was die betagte Xbox 360 zu bieten hat.

Auch die deutsche Synchronisation hat einen gehörigen Sprung gemacht, wenn man auch einwerfen mag, dass es einer von weit unten ins Mittelfeld ist. Warum der toitsche Master Chief in den alten Teilen (die ein exklusives Vorzeige-Produkt für die Microsoft-Konsole darstellten) stets nach zufällig ins Tonstudio geführten Passanten klang, war mir immer wieder ein Rätsel. Auch den Multiplayer, traditionell ein Zugpferd für die Serie seit Teil 2, hat das neue Studio im Griff, wenn auch nicht wenige Traditionalisten kritisch anmerken, dass man sich ein zu stark in Richtung Activision-Konkurrenz  beuge. Doch der wahre Grund, Halo 4 über den Klee zu loben, ist das Skript. Nicht, weil hier der neue Bildungsroman in einen Shooter gepresst worden wäre, sondern weil die Macher endlich bei einer Qualität angekommen sind, die man problemlos auch dergestalt in abendlichen Soap Operas finden könnte. Das ist alles andere als selbstverständlich. Wie unmotiviert, lächerlich und gequält in digitalen Spielen bis heute einfache Dialoge beizeiten klingen, kann an dieser Stelle mir nur beipflichten. Die Sätze bedienen zusammen mit den Bildbotschaften die richtigen emotionalen Tasten und zeichnen einprägsam das Bild einer zarten Romanze zweier digitaler Figuren. Cortana und der Master Chief geben seit einem Jahrzehnt aufeinander Acht. Sie „vertrauen“ sich blind, „schätzen“ sich und „wissen“, was sie aneinander haben. Jetzt jedoch treten Veränderungen auf.

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Cortana ist zunehmend mit ihrer vermeintlichen Endlichkeit durch programmierte AI-Systeminstabilitäten konfrontiert, was natürlich Konsequenzen in ihrer engen Beziehung zu John-117 hat (der Mann trägt die Frau sprichwörtlich im Kopf – noch enger geht es nun wirklich nicht). Aber auch John-117, der ewig funktionierende Soldat, entdeckt plötzlich eine andere Seite an sich. Es ist mehr als nur Pflichtgefühl, wenn er Cortana um jeden Preis „heilen“ möchte. Er betrachtet seine Begleiterin als wertvoll, jedoch als Persönlichkeit und weniger als einfache Technologie-Ressource. Als er sie zum vermeintlich letzten Mal (interessanterweise zum ersten Mal in erotisierender und erotisierter Menschengröße) sieht, stürzt direkt nach dem Verschwinden sinnbildlich seine Welt zusammen, und er befindet sich im freien Fall ohne Halt und Stütze. Um so entschiedener wirkt er – er wird das so nicht stehen lassen wollen.

Reißen Sie sich zusammen, Inderst!

Halo 4 ist ein Kaufgrund für die Konsole – nicht weniger. Es ist außerdem ein Anwärter auf das Xbox-Spiel des Jahres und macht zugleich klar, dass Halo 5 unbedingt ein Starttitel für die nächste Microsoft-Hardwaregeneration sein sollte, um diese auf die Überholspur zu bringen. Let’s do this, Spartans!

 

Veröffentlichungsdatum: Bereits erschienen

Originaltitel: Halo 4
Plattformen: Xbox 360 Genre: First Person Shooter
Entwickler: 343 Industries
Veröffentlicht von: Microsoft Game Studios

 

Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt Game Studies (aktuell u.a. in Neu-Ulm), trägt gerne Bart und vertrat jüngst eine Professur für "Intermediale Ästhetik" an der Hochschule Trier.

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