Weihnachten am Flughafen


Frohe Weihnachten und vielen Dank, dass Sie mit Swiss fliegen!


Weihnachten am Flughafen

Weihnachten


Die Stille Nacht ist am Flughafen schon lange nicht mehr still und Oh du Fröhliche ist auch niemand, wenn man zwanzig Kilo Geschenke im Koffer mit sich rumschleppt. Aber wie weihnachtlich ist ein Flughafen überhaupt und wie passen Christbäume und Flugzeuge zusammen? Eine weihnachtliche Reise durch den Flughafen.

Von Elin Fredriksson.

Begibt man sich am Flughafen Zürich von der Check-In-Halle zu den Gates 52-67 läuft man gezwungenermassen durch einen eingeglasten Gang, der den Reisenden weg von schweizerischen Bahnhofidyllen und raus in die grosse weite Welt transportiert. Einen Vorgeschmack auf dieses bevorstehende Abenteuer bietet ein, authentisch in Poncho und Lederschuhe gekleideter, Panflötenspieler in eben diesem Gang. Mit dem hauchenden Klang der Panflöte, begleitet von sanften, südamerikanischen Akkorden aus dem Tonband breitet sich im Unterbewusstsein der Vorbeihuschenden mit Rollkoffer und Rucksäcken eine Sehnsucht nach verschneiten Anden und kauenden Lamas aus.

Doch alldem ist nichts am Tag vor Weihnachten. Lateinamerikanische Gitarren-Riffs werden ersetzt mit einem leicht exotisch klingendem Glockenspiel und statt der dezenten Latino-Melodien erklingen wohlbekannte, obschon schräge, Weihnachtsmelodien. Doch viel mehr Weihnachtsstimmung als diesen Stille-Nacht-flötender Latino-Musiker sollte man am Flughafen Zürich nicht erwarten.

Zwei Gegensätze

Als ich in der Schlange der Gepäckkontrolle stehe und darauf warte mich als Nicht-Terrorist zu beweisen, beobachte ich die Menschen die vor und hinter mir stehen. Nichts an ihnen scheint besonders weihnachtlich, besonders entspannt, besonders euphorisch oder besonders fröhlich zu sein. Überhaupt scheint nichts an ihnen besonders zu sein. Sie sehen aus wie ganz gewöhnliche Reisende mit Gepäck in der einen und Pass und Ticket in der anderen Hand. Und trotzdem gehe ich automatisch davon aus, dass der Grund, warum all diese Menschen am Tag vor Weihnachten hier am Flughafen sind, irgendwie mit Weihnachten verbunden ist: Familienbesuche, Flucht vor ausgelaugten Tradition, Neugierde auf Heiligabend mit südlichen Temperaturen usw.

Der Flughafen selbst gibt sein Bestes, wenn auch äusserst dezent, etwas weihnachtlich zu wirken. Weihnachtsmusik läuft zwar keine, aber ein paar dünne, kaum bemerkbare Glitzerketten hängen von der grauen Decke und ein Schild mit der Aufschrift „Santa at the Airport“ wurde aufgestellt. Nach den üblichen Rolltreppenwanderungen durch das Niemandsland Flughafen steige ich in das Flugzeug. Wie immer ärgere ich mich über die künstlich lächelnden Stewardessen und frage mich, warum sie sich nicht Weihnachtsmützen aufgesetzt haben, wenn sie schon blöd am Eingang rumstehen. Aber nichts deutet auf Weihnachten hin. Erst beim Swiss-eigenen Dessert-Schöggeli dankt man den Reisenden nicht nur dafür, dass sie mit Swiss fliegen, sondern wünscht auch noch frohe Weihnachten. Doch das Bild vom Flughafen geht in meinem Kopf nicht mit dem Bild des friedvollen Weihnachtsfests zusammen. Wie zwei Gegensätze kommen mir die beiden Welten vor, obwohl ich selbst seit Jahren aus familiären Gründen die Vorweihnachtszeit gezwungenermassen am Flughafen verbringe. Die hektische und anonyme Welt des mobilen Menschen und der gemütliche, vertraute Weihnachtsabend im heimatlichen Rahmen der Familie – das passt doch nicht zusammen.

Andeutung ist nicht genug

Trotz den immer wieder auftauchenden dezenten Versuchen, Weihnachten an hochmodernen Orten wie dem Flughafen und dem Flugzeug bemerkbar zu machen, könnte ich nicht weniger in Weihnachtsstimmung sein. Sogar nach der Ankunft am Flughafen Stockholm, wo die An- und Wegreisenden mit Weihnachtsmusik, erheblich präsenterer Weihnachtsdekoration und einem Geschenke-Einpack-Stand beglückt werden, will keine Weihnachtsstimmung aufkommen. Weihnachten an den Flughafen bringen zu wollen kommt mir vor Perlen vor die Säue zu werfen.

Der Flughafen ist einfach kein dankbarer Ort für weihnachtliche Atmosphäre. Das grelle Neon-Licht verschluckt jeden glitzernden Stern und die Weihnachtsmusik (wenn sie denn vorhanden ist) wird übertönt vom Gong, der verspätete Passagiere ausruft. Und doch wird Weihnachten in allen Ecken angedeutet. Aber Andeutung ist das komplette Gegenteil von Weihnachten. An Weihnachten wird nichts angedeutet. An Weihnachten ist alles viel und gross und leuchtend.

Christbaum oder Flugzeug

Irgendwie passt es zu uns modernen Menschen. Wir sind das ganze Jahr über mobil und rastlos. Wir wollen auf nichts verzichten müssen, im Alltag nicht und im Urlaub schon gar nicht. Natürlich lassen wir uns Weihnachten auch am Flughafen nicht entgehen, auch wenn wir es letzten Endes doch nicht wirklich umsetzen und wahrnehmen. Wir wollen dem Flughafen das heilige und traditionelle Weihnachten eben doch nicht ganz zum Fressen geben. Andeutung muss reichen, auch wenn es überflüssig scheint.

Wenn man es sich genau überlegt, haben Weihnachten und Flughafen sogar fast so viele Gemeinsamkeiten wie Gegensätze. Sie sind beide stark mit einer Sehnsucht verbunden. Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und Sinnfindung. Am Flughafen reisen wir in Gedanken an unsere Ferienziele und unter dem Christbaum begeben wir uns zurück in unsere Kindheit. Wir setzen uns ins Flugzeug weil wir irgendwo auf dieser Welt ankommen wollen, wir feiern Heiligabend weil wir zu Hause, bei uns selbst und unserer Familie ankommen wollen. Flugzeug und Christbaum – mit beiden begeben wir uns auf eine Reise, die realitätsfern ist aber deren Sehnsuchtspotenzial immer wieder neu auf ein hohes Niveau steigt.

Passt Weihnachten nun also an den Flughafen? Nein, weil ein Flughafen für Mobilität, Weihnachten für Sesshaftigkeit steht. Der Mensch der Moderne kann diese beiden Gegensätze nicht an einem Ort vereinen. Ja, weil wir Menschen sind und uns wie andere Menschen fühlen wollen, auch wenn wir am Tag vor Weihnachten lieber die Umwelt verschmutzen als uns mit einer Tasse Punsch und ein paar Plätzchen zufrieden geben. Ausserdem werden unsere Sehnsüchte nirgendwo so passend vereint wie im Weihnachtmusik-spielenden Panflötenspieler.


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