“Elektra“ | Schauspielhaus Zürich, Schiffbau

Oh Elektra don‘t you weep no more

Aischylos, Sophokles, Euripides, Hugo von Hofmannsthal “Elektra“  | Schauspielhaus Zürich, Schiffbau

Bild: Carolin Conrad | Foto|Copyright: Matthias Horn
Bild: Carolin Conrad | Foto|Copyright: Matthias Horn

Karin Henkel präsentiert im Schiffbau des Schauspielhauses Zürich eine überaus menschliche Elektra – und lässt hierfür die Tragödien von Aischylos, Sophokles, Euripides und Hugo von Hofmannsthal ineinander verfliessen.

Von Tamara Schuler.

Schlimmes geschieht in Elektras Kindheit: Um den trojanischen Krieg beginnen zu können, muss ihr Vater Agamemnon seine erstgeborene Tochter Iphigenie opfern. Dies wiederum veranlasst die vor Trauer rasende und um ihre Lieblingstochter beraubte Klytaimnestra dazu, den vom Krieg heimkehrenden Ehemann mit der Axt zu erschlagen. Die kleine Elektra muss den Mord an ihrem geliebten Vater mitansehen und schwört Rache. Sie kommt in Form ihres Bruders Orest, welcher das Elternhaus vor langer Zeit verlassen hat.

Damals und heute
Der Theaterabend der “Elektra“ ist zeitlich und räumlich in zwei Teile gegliedert: Die Hälfte des Publikums sieht zuerst das Schicksal von Elektra im Kindesalter, die im Haus der Atriden den Mord des Vaters miterlebt und Vergeltung schwört. Die zweite Hälfte des Stückes spielt vor dem Haus und zeigt Elektra im Jetzt, erwachsen geworden und doch gefangen in ihren Rachegedanken, die sie selbst nicht ausführen kann. Die Zuschauer wissen dabei im Vorhinein nicht, welchen Teil sie zuerst zu sehen bekommen, in der Pause erfolgt dann der Wechsel (Dramaturgie: Roland Koberg).

Vor dem Haus/jetzt
Im hinteren Teil der Schiffbauhalle, die durch eine Trennwand geteilt ist, erwartet den Zuschauer ein düsteres Szenario: Vor der Fassade des Atridenhauses steht die erwachsene Elektra (Carolin Conrad), durchnässt von wiederkehrenden Regenschauern (Bühnenbild: Muriel Gerstner). Barfuss und verwahrlost klagt sie vor dem Grab des Vaters, gibt sich ihren Vergeltungsgedanken hin, die keinen Platz für anderes übrig lassen. Weder ihre Schwester Chrysothemis (Lena Lauzemis) noch die Amme (Kate Strong) können sie dazu bewegen, die Vergangenheit zu vergessen und der Mutter (meisterhaft: Lena Schwarz) zu vergeben. Diese erscheint selbst vor dem Haus, schillernd im roten Abendkleid und salamandergleich schlängelt sie sich Elektra entgegen, eine Getriebene ihrer Tat, die zwar Angst vor der möglichen Vergeltung durch Elektra und Orest hat, sich aber gleichzeitig als Opfer sieht und um die Mutterliebe ihrer Tochter wirbt.

Als der verlorene Bruder Orest (Michael Neuenschwander) kurz vor der Pause tatsächlich auftaucht, sind die beiden Elektras (mit einer stilsicheren Paula Blaser als junge Elektra) Hand in Hand vereint, eine Erlösung aus der Vergangenheit, eine Zukunft scheint plötzlich möglich zu werden.

Im Haus/früher
Das Innere des Hauses unterscheidet sich deutlich von der Szenerie draussen: Warmes Licht, ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer mit vielen Sitzgelegenheiten, Postkarten an der Wand, Spiele und Puzzles auf den Tischen. Doch die Idylle währt nur kurz: Klytaimnestra hat sich bereits mit Aigisth (Alexander Maria Schmidt) zusammen getan, um den heimkehrenden Agamemnon (Michael Neuenschwander) zu töten. Aigisth will damit seine Geschwister rächen, die allesamt von Agamemnons Vater umgebracht wurden.

Als Agamemnon nach Hause kommt, kriegsversehrt und schwermütig, versucht er sich zu erklären, hält Zwiegespräche mit der geopferten Tochter Iphigenie (Lena Lauzemis) und zeigt damit die griechischen Verhältnisse jenseits von glorreichen Helden und mutigen Kriegern.

Doch Agamemnons Schicksal ist besiegelt, schon spritzt das Theaterblut: die kleine Elektra, erschüttert durch den Vatermord, wartet von nun an auf die Rückkehr Orests. Als dieser schliesslich kommt, zeigt auch er sich nicht als starker, unantastbarer Adonis, vielmehr ist die Ermordung seiner eigenen Mutter eine Pflicht, vor der er sich nicht drücken kann.

Ohnmacht und Verständnis
Die Inszenierung “Elektra“ porträtiert seine Protagonisten menschlich und als Produkte ihrer Umstände: Für die Figur Elektra ist die Zeit stehen geblieben, als der Vater gemordet wurde. Dieses Trauma hält sie davon ab, zu leben. Es bleibt ihr nichts anderes, als auf Rache zu warten. Ihre Mutter Klytaimnestra ist ihrerseits traumatisiert von der Opferung ihres eigenen Kindes und wurde dadurch ihres Verstandes und Realitätssinnes beraubt. Und Agamemnon könnte, wie er so schweigsam, apathisch vom Krieg nach Hause kommt, genauso gut anstatt von Troja auch aus Afghanistan oder Irak heimgekehrt sein. Sie alle sind gefangen in einer Ohnmacht und einer Machtlosigkeit, hervorgerufen durch den wiederkehrenden Drang nach Gewalt, Vergeltung, zu dem es keine Alternativen zu geben scheint.

Karin Henkels Stück präsentiert sich modern und zugänglich, die griechischen Sagen und ihre Darsteller zeigen sich verständlich und realitätsnah. Das fantastische Bühnenbild vermag genauso zu überzeugen wie die Darsteller, einzig die musikalische Untermalung (Alain Croubalian) hätte besser durchdacht sein können: Während der klagende Gesang vor dem Haus durchaus noch der Stimmung des Stückes entspricht (“Oh Elektra don‘t you weep no more“), wirken die E-Gitarren und die kurzen, rockigen Gesangseinlagen im Haus fehlplatziert und störend.


Besprechung der Premiere am 11. Januar 2013.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten.

Weitere Vorstellungen im Januar und Februar 2013.


Regie: Karin Henkel
Bühne: Muriel Gerstner
Kostüme: Klaus Bruns
Musik: Alain Croubalian
Licht: Michel Güntert
Dramaturgie: Roland Koberg

Besetzung
Carolin Conrad (Elektra), Michael Neuenschwander (Orest/Agamemnon), Lena Schwarz (Klytaimnestra), Alexander Maria Schmidt (Aigisth), Fritz Fenne (Pylades/Chronist), Lena Lauzemis (Chrysothemis/ Iphigenie), Kate Strong (Amme), Paula Blaser/Anna-Lou Caprez-Gehrig (Elektra als Kind), Alain Croubalian (Electric Dark Orchestra)

Im Netz
www.schauspielhaus.ch/


Ein Gedanke zu „“Elektra“ | Schauspielhaus Zürich, Schiffbau

  • 22.01.2013 um 01:57
    Permalink

    Ohne schriftliche Erläuterung oder alternativ klare Einführung erscheint das Stück verworren und undurchschaubar. Es setzt voraus, dass der/die Besucher/in diesen Teil der Griechischen Mythologie bestens kennt. (ich kannte zwar die Opferung von Iphigenie und weiter bis zur Ermordung von Agamemnon, jedoch nicht das Schicksal der Klytaimnestra und der Elektra.)
    Das sehr schnell Gesprochene war über weite Teile nur teilweise verständlich. Der Sinn dieser lauten (untermalenden oder begleitenden?) Musik war nicht einzusehen und deshalb störend bis überflüssig. Das Schauspielerische trat gegenüber der Story (dem Inhalt) zu sehr in den Vordergrund. Etliche Regieeinfälle schienen Staffage ohne Sinn (der Regen, die kleine Elektra, die vom Fenster herab der Erwachsenen Elektra (Abschied?) zuwinkte – und dann überraschenderweise doch wieder auf der Bühne erschien!). Mir schien, das Stück war lediglich Vehikel für die Akteure wie auch teilweise für die Regisseurin, statt umgekehrt. Alles in Allem eher künstlerisch eher enttäuschend.

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