Ferdinand von Schirach: “Carl Tohrbergs Weihnachten”

Vom Strafverteidiger zum Bestsellerautor

Ferdinand von Schirach: “Carl Tohrbergs Weihnachten” (Drei Stories)

Dass ein Rechtsanwalt auch ein guter Rhetoriker sein sollte, ist wohl jedem klar. Doch selbst ein brillantes und mitreissendes Plädoyer ist lange noch kein literarisches Werk, und ein Anwalt folglich noch lange kein Autor. Es sei denn, sein Name ist Ferdinand von Schirach.

Von Stefanie Feineis.

carltohrbergsweihnachtenVon Schirach ist sicher ein sehr ungewöhnlicher Mann. Während die meisten Menschen mit einer erfolgreichen Karriere bereits höchst zufrieden sind, hat er deren zwei: Zunächst als Strafverteidiger, später als gefeierter Bestsellerautor, dessen Werke bereits in über 30 Sprachen übersetzt wurden und demnächst auch verfilmt werden sollen.

Anwaltsalltag?

Es überrascht nicht, dass von Schirachs Geschichten von seinem ursprünglichen Beruf stark geprägt sind. Doch statt Kriminalistik oder Geschichten aus dem banalen Alltag am Gericht finden sich in seinem Werk ungewöhnliche, fast schon anekdotenhafte Begebenheiten; nach Aussage des Autoren alles reale Fälle, in die er selbst als Verteidiger oder zumindest als Beobachter involviert war. Der Fokus liegt jedoch nicht auf ihm selbst, auf dem Gerichtsprozess oder der Darstellung einer genialen Verteidigungsstrategie. Nein, von Schirach will vielmehr die Vorgeschichte der Fälle aufzeigen und verständlich machen, was für ein Mensch hinter einem Verbrechen steht, und welche manchmal banalen oder kuriosen Gründe letztlich dazu führen, dass man sich vor Gericht wiederfindet. Daher wird auch ausschliesslich aus der Perspektive der jeweiligen Figur erzählt, die Stimme des Autors hält sich bis zum Ende zurück, und selbst am Schluss wird nicht verurteilt, sondern nur ergänzt.

Menschen wie du und ich

Obwohl die Hauptfiguren in den Geschichten aus verschiedenen Schichten stammen, unterschiedlichen Alters, Geschlechts oder Nationalität sind und verschiedenes durchgemacht haben, haben sie jedoch auch einiges gemeinsam: Es handelt sich stets um ‘ganz normale Menschen’; im vorliegenden Buch beispielsweise ein Bäcker, ein Industriellensohn und ein Richter am Amtsgericht. Irgendwann geraten sie alle mit dem Gesetz in Konflikt, jeder auf seine individuelle Weise und oft mit einer gewissen anfänglichen Unschuld. So versuchen alle drei Protagonisten lediglich, die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen und dennoch ihr persönliches Glück zu finden. Diese scheinbar so einfache Aufgabe erweist sich jedoch letztlich als unlösbar und führt zum Scheitern.

Ein grosses Erzähltalent

Der Bäcker, der sich nach der wahren Liebe sehnt, der Junge, der seinen Eltern ein guter Sohn sein will und dafür sogar bereit ist, die eigenen Träume zu opfern, und der soeben pensionierte Amtsrichter, der mit dem Ruhestand so gar nicht zurechtkommt – von Schirach präsentiert alle diese Persönlichkeiten realistisch und nachvollziehbar, in der glasklaren Sprache eines Juristen, jedoch mit all der Raffinesse eines grossen Schriftstellers. Der Leser kann die Wendungen und den Ausgang einer Geschichte oft nicht vorhersehen, versteht aber im Nachhinein genau, wie es so weit kommen konnte. So schwankt man zwischen Unverständnis für die Tat und Verständnis für den Täter, zwischen Genugtuung und Mitleid. Und es wird unmissverständlich klar, dass die tiefsten Abgründe hinter der Fassade des Alltäglichen lauern, und dass unter gewissen Umständen nahezu jeder zum Verbrecher werden kann.

Uneingeschränkt empfehlenswert und wegen der Kürze gerade für noch skeptische oder unsichere Leser zum Einstieg sehr geeignet. Und wen der Autor bereits in seinen Bann gezogen hat, dem seien die beiden anderen Kurzgeschichtensammlungen “Schuld” und “Verbrechen” oder der Roman “Der Fall Collini” wärmstens empfohlen.


Titel: Carl Tohrbergs Weihnachten
Autor: Ferdinand von Schirach
Verlag: Piper
Seiten: 64
Richtpreis: 14.00

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