Harold Pinter – “Le Retour (Die Heimkehr)” | Schauspielhaus Zürich, Pfauen

Kammerspiel mit Starbesetzung

Harold Pinter – “Le Retour (Die Heimkehr)” | Schauspielhaus Zürich, Pfauen

Foto: Emmanuelle Seigner | Bild, Copyright: Ruth Walz
Foto: Emmanuelle Seigner | Bild, Copyright: Ruth Walz

Ein solches Staraufgebot hat man auf der Pfauenbühne selten gesehen! Luc Bondy, einer der bekanntesten Vertreter und Verteidiger des Schauspieler-Theaters, setzt aber nicht allein auf den Glanz bekannter Namen und Gesichter, sondern hat mit “Le Retour“ von Literaturnobelpreisträger Harold Pinter auch genau das richtige Stück für sie ausgewählt.

Von Lisa Letnansky.

Johannes Schütz’ Bühnenbild ist schon fast überrealistisch. Nachdem die Glühbirnen reingeschraubt wurden, sehen wir eine etwas altmodische Wohnung, die nicht nur stilisiert wird, sondern mit vielen liebevollen Details versehen wirklich bewohnt wirkt. In der Küchennische sind Herdplatten installiert, der Kühlschrank scheint funktionstüchtig und an der Wand lehnt ein altes Radio. Auch die Couch und die Stühle sehen so aus, als ob seit Langem rege benutzt werden. Allein der Grundriss der Wohnung scheint einen symbolischen Impetus zu beherbergen: verwinkelt und verschachtelt und mit vielen grösseren und kleineren Nischen versehen bietet das Heim gleichzeitig Raum für Geheimnisse und Heimeligkeit, Heimkehr und Heimlichkeit.

Foto: Ensemble | Bild, Copyright: Ruth Walz
Foto: Ensemble | Bild, Copyright: Ruth Walz

Unheimlich heimelig
Mitten im Raum thront ein blauer Ledersessel, wobei “thronen“ hier tatsächlich das richtige Wort ist, denn dies ist der angestammte Platz des autoritären Hausherren Max, eines pensionierten Fleischermeisters. Der steht gerade in der Küche und hackt auf das Fleisch ein, während drei andere männliche Gestalten emsig die Wohnung putzen. Ein Männerhaushalt also. Und wie man sich halt so einen Männerhaushalt vorstellt, herrscht dort ein eher rauer Umgangston. Von Respekt oder gar Sympathie der Bewohner untereinander ist nicht viel zu spüren, geschweige denn von einer intakten Vater-Sohn-Beziehung. Ausser Max wohnen da nämlich noch dessen Söhne Joey und Lenny, ein (noch) erfolgloser Boxer und ein etwas erfolgreicherer Zuhälter, sowie Max’ etwas verstockter Bruder Sam.

Dennoch scheint der Männerhaushalt im Grossen und Ganzen einigermassen zu funktionieren – mindestens bis zur im Titel angekündigten Heimkehr, und zwar jener von Max’ drittem Sohn Teddy, seines Zeichens Philosophiedozent in Amerika, sowie dessen Frau Ruth, einer kühlen Blonden mit ominöser Vergangenheit. Ruths Ankunft weckt Sehnsucht, sexuelle Begierde und Neid in den Männern – Gefühle, deren Präsenz im Spiel der Darsteller unterschwellig brodelnd stetig greifbarer werden. Überhaupt wirkt die Atmosphäre in Bondys Inszenierung von Minute zu Minute bedrohlicher und mysteriöser, denn “Le Retour“ erweist sich trotz allem visuellen Realismus als ziemlich surreales Stück. Wie Lenny sich da mit tief in die Pyjamahosen gesteckten Händen lüstern über die mehr amüsiert als irritiert scheinende Ruth beugt, und wie Teddy während der immer aufdringlicher werdenden Anmachversuche seiner Brüder wie bestellt und nicht abgeholt daneben steht und schliesslich sogar diskussionslos einwilligt, seine Frau an die Familie abzutreten, kann nur staunend nachverfolgt, nicht aber nachvollzogen werden.

Foto: Bruno Ganz, Micha Lescot | Bild, Copyright: Ruth Walz
Foto: Bruno Ganz, Micha Lescot | Bild, Copyright: Ruth Walz

Heimkehr nach Zürich
Dass ein handlungstechnisch so reduziertes Stück nur mit grossartiger Schauspielerleistung funktionieren kann, ist klar. Und tatsächlich hat Bondy, der seit kurzem das Odéon Theater in Paris leitet, für sein Vorhaben nicht nur bekannte Namen, sondern auch erstklassige Schauspieler verpflichten können. Louis Garrel, der dem vom Testosteron kontrollierten Boxer Joey eine naiv-natürliche Note verleiht, und Micha Lescot, dessen schlaksig-unbeholfener und gleichzeitig beunruhigend lüsterner Lenny ein absoluter Hingucker ist, sind wohl in Frankreich bereits etwas bekannter als hierzulande. Pascal Greggory hingegen dürfte dem einen oder anderen noch aus Filmen wie „Arsène Lupin“ oder “La vie en rose“ bekannt sein. Gleichfalls Reminiszenzen cineastischer Natur weckt Polanski-Ehefrau Emmanuelle Seigners Spiel; den diabolisch verführerischen Nimbus, den sie bereits in “The Ninth Gate“ an der Seite von Johnny Depp umgeben hatte, hat sie für “Le Retour“ gleichsam in Ruth verfrachtet, die sich von der kühlen Ehefrau zur Familienhure und zugleich eigentlichem neuen Familienoberhaupt verwandelt. Dass aber mindestens für das hiesige Publikum kein Franzose, sondern ein Zürcher der Star des Abends war, rührt sicherlich nicht nur von dessen Herkunft, sondern auch von der unglaublich ausdrucksstarken, wandelhaften und kraftvollen schauspielerischen Leistung, die Bruno Ganz da hinlegte. Wenn er zum Schluss zusammen mit Luc Bondy auf der Bühne steht, die beiden um die Wette strahlen und der Applaus langsam frenetisch wird, fühlt sich auch das Gastspiel aus Paris mehr wie eine Heimkehr an.


Besprechung der Zürcher Gastspielpremiere am 23. Januar 2013.
Weitere Vorstellungen am 24. und 25. Januar 2013.

Dauer: etwa 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Besetzung
Max: Bruno Ganz
Ruth: Emmanuelle Seigner
Joey: Louis Garrel
Sam: Pascal Greggory
Teddy: Jérôme Kircher
Lenny: Micha Lescot

Regie: Luc Bondy
Übersetzung: Philippe Dijan
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Eva Dessecker
Licht: Dominique Bruguière
Maske. Cécile Kretschmar
Ton: Jean-Louis Imbert/Peter Cant

Im Netz
www.schauspielhaus.ch



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