Anita Augustin: “Der Zwerg reinigt den Kittel”

Schwarz, bitterböse und politisch inkorrekt!

Anita Augustin: Der Zwerg reinigt den Kittel (Roman)

Eine originelle, gnadenlose Geschichte über das Altsein.

Von Angela Stella Hoppmann.

derzwergreinigtdenkittelDass vier Omas im Knast sitzen, hat etwas Komisches. Schnell vergeht dem Leser aber das Lachen, als der Grund dafür bekannt ist: Schwere Körperverletzung, vermutlich sogar mit Todesfolge. Doch nicht nur das Szenario ist böse, auch die Figuren haben es in sich. So kann Almut, eine der Damen, seit Jahrzehnten nicht schlafen, ist Kettenraucherin und hat ziemlich ausgeprägte, teilweise richtig angsteinflößende Gewaltphantasien.  Sie erzählt auch die Geschichte der vier Frauen, die aus Angst, eines Tages alleine im Bett zu sterben, gemeinsam beschließen, kollektiv in ein Altersheim zu ziehen. Ein Leben à la „Golden Girls“ hat keine der Damen erwartet, doch das Altersheim entpuppt sich schnell als Endlagerstätte für Senile, die in der Gesellschaft nur noch als Last empfunden werden…

Altwerden ist kein Zuckerschlecken

Anfangs ist es schwer, sich in der Geschichte zurechtzufinden. Almas Erzählungen werden unterbrochen, wirken vorerst unzusammenhängend und – wenn man bedenkt, wer die Geschichte überhaupt erzählt – auch etwas psychotisch. Nach und nach lässt sich aber das Puzzle zusammensetzen und Almas Worte besitzen plötzlich eine erschreckende Tiefgründigkeit. Unfähiges Personal, seltsame Nebenfiguren und der Tod, der einem über die Schulter schaut… Oft muss der Leser schmunzeln, doch darf er das überhaupt? Bei allem Lachen bleibt nämlich ein Rest Angst und Entsetzen zurück. Entsetzen über die Zustände, die auf uns warten, wenn wir älter werden, den Umgang mit dem Altern überhaupt und natürlich den erschreckenden Zerfall des Körpers, der keinen schont.

Die bittere Wahrheit

Es gibt wenige Bücher, die sich mit der bitteren Realität des Alterns befassen, schon gar nicht auf solch schwarze, tiefschwarze Art. Anita Augustin legt den Finger in die Wunde, in dem sie genau die Themen anspricht, die uns früher oder später zwangsweise beschäftigen werden. In einer Gesellschaft, die immer steriler zu werden scheint, in der Altersgebrechen und der Tod keinen Platz mehr haben und tabuisiert werden, ist „Der Zwerg reinigt den Kittel“ genau der richtige Wachrüttler. Empfehlenswert ist der Roman für alle, die keine Hemmungen haben, sich mit Lachen den eigenen Ängsten zu stellen. (Freud lässt grüßen!)

Sozialkritisch, politisch, klug!

Einen Kriminalroman sollte man hier nicht erwarten. Ganz woanders liegen die Schwerpunkte dieser Literaturperle. Sozialkritisch, gar politisch ist das Werk, welches sich mit seinem knallpinken Cover als harmlose Frauenliteratur zu geben scheint. „Don’t judge a book by its cover“ – Hier trifft der Spruch zu!

Deutlich zeigt sich Anita Augustins philosophischer Hintergrund: Gekonnt regt die Romandebütantin das Leserhirn zum kritischen Nachdenken nach, ohne demagogisch zu werden, und wer sich schon intensiver mit ethischen Fragen befasst hat, weiß, dass sich mache Fragen nur mit einer Prise Zynismus behandeln lassen. Am Ende legt der Leser „Der Zwerg reinigt den Kittel“ mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück… Frau Augustin, wir wollen mehr!


Titel: Der Zwerg reinigt den Kittel
Autor: Anita Augustin
Verlag: Ullstein Verlag
Richtpreis: 21.90
Seiten: 332

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