Lot Vekemans – “Gift. Eine Ehegeschichte” | Theater Winkelwiese, Zürich

Sichtbare Vergangenheitsbewältigung

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Foto|Copyright: Judith Schlosser

Mit dem Kammerspiel “Gift. Eine Ehegeschichte“ der niederländischen Autorin Lot Vekemans bringt das Theater Winkelwiese ein Stück über Trauer und Neuanfang, Akzeptanz und Verarbeitungsstrategien auf die Bühne, das niemanden kalt lässt.

Von Lisa Letnansky.

Das Wartezimmer, in das die kleine Bühne des Theaters Winkelwiese verwandelt worden ist, spiegelt die distanzierte Kälte wider, die zwischen den beiden Darstellern herrscht. Kahle, kühle Wände ohne jegliche Schnörkel sowie zehn einfache, leere Stühle beherrschen den Raum. Kein Ort mit Wohlfühl-Potential also. Und auch der Frau und dem Mann, die diesen Raum bald betreten, ist ihr Unbehagen förmlich anzusehen. Nach neun Jahren der Trennung stehen sie sich zum ersten Mal wieder gegenüber, da das Grab ihres gemeinsamen Sohnes wegen giftiger Stoffe in der Erde verlegt werden soll. Weder wissen sie, wie sie mit der neuen Situation umgehen sollen, noch wie der jeweils andere in den letzten Jahren sein Leben verbracht hat. Auf die verantwortlichen Personen wartend tasten sie sich Schritt für Schritt aneinander und an ihre Vergangenheit an.

Das Leben in der Endlosschlaufe
Die Bewältigungsstrategien der beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Er hat den Verlust akzeptiert, möchte seine Geschichte in Buchform zuklappen und wegstellen können und ist gerade dabei, eine neue Familie zu gründen; sie will und kann noch nicht loslassen, funktioniert zwar oberflächlich, lebt aber auch zehn Jahre nach dem Tod des Sohnes in ständiger, heftiger Trauer und kann nicht verstehen, wie man mit dieser Thematik je abschliessen könnte. Naturgemäss wird die Stimmung zwischen den ehemaligen Eheleuten bald von bitteren Vorwürfen dominiert. Sie hält ihm vor, den Sohn vergessen und sie im Stich gelassen zu haben, er gibt zurück, sie sei süchtig nach Leiden. In der Tat scheint die Frau seit dem Autounfall ihres Sohnes, bei dem sie zugegen gewesen war und er nicht, in einer Art Endlosschlaufe zu leben. Der Blitz, den sie trifft, als sie erfährt, dass ihr Ex-Mann nach immerhin fast einem Jahrzehnt der Trennung wieder geheiratet hat und bald wieder Vater werden wird, steht ihr förmlich ins Gesicht geschrieben.

Ansteckende Traurigkeit
Stephan Roppel hat mit seiner Inszenierung zwar die Welt nicht neu erfunden, aber was wir Zuschauer in diesem Stück geboten bekommen, ist ein seltenes Zusammentreffen grossartiger Voraussetzungen. Den Stoff, den Lot Vekemans gewählt hat, eignet sich hervorragend, um auf kleinem Raum grosse Themen der Menschlichkeit und des menschlichen Daseins zu reflektieren, und dabei noch den abgelenktesten Theaterbesucher ins Herz zu treffen. Messerscharfe Formulierungen, von denen man sich am liebsten einen nach dem anderen aufschreiben möchte, um sie nicht zu vergessen, tun dabei ihr übriges, damit die einzelnen Szenen noch lange in den Zuschauerköpfen nachhallen werden.

Das Grossartigste an diesem Abend ist aber eindeutig die Leistung der beiden Schauspieler. Wie Samuel Streiff hin- und herpendelt zwischen den Wünschen, ehrlich sein zu wollen, seine Ex-Frau nicht zu verletzen oder ihr vielleicht sogar helfen zu können, während die Vergangenheit auch über ihn wieder hereinbricht; wie Sibilla Semadenis Mimik sämtliche Nuancen der Trauer und Traurigkeit in ihrem Gesicht widerspiegeln lässt und die Brüchigkeit ihrer klagenden Stimme Wogen der Gänsehaut durch den Raum sendet – das ist ganz grosse Schauspielkunst. Beim Schlussapplaus (der fast nicht enden will) kann man förmlich beobachten, wie sich die Akteure Schicht um Schicht aus ihrer Rolle zurück in die Realität kämpfen müssen, und auch beim Zuschauer wird es noch ein Weilchen gehen, bis sich der Kloss im Hals und die leise Melancholie vollständig verflüchtigt haben wird.

Besprechung der Premiere am 31. Januar 2013.
Weitere Vorstellungen bis am 23. Februar 2013.

Dauer: 1 Std. 15 Min.

Besetzung
Sibilla Semadeni
Samuel Streiff

Regie: Stephan Roppel
Bühne und Kostüme: Marcella Incardona
Licht: Michael Omlin, Tashi-Yves Dobler
Dramaturgie: Andrea Schmid, Laura Greminger
Technik: Michael Omlin, Tashi-Yves Dobler

 

Im Netz
www.winkelwiese.ch

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