Wargame: European Escalation (Eugen Systems)

European Escalation ist eine bloße Fortsetzung der Modelleisenbahn mit anderen Mitteln

Wargame: European Escalation (Eugen Systems)

Stick of Justice!

Strategiespiele befinden sich gerade am Scheideweg: In der einen Richtung liegt Star Craft, das auf Liga-Niveau zwischen 200 und 300 Aktionen pro Minuten braucht. In der anderen liegt European Escalation, wo man sogar noch die Zeit hat die Explosionsgeräusche selber zu machen oder händereibend zuzusehen, wie der Gegner in die Falle tappt. PETER KLEMENT über Technophilie und ungefähr zehn Sorten Bojevaja Maschina Pechoty.

In Star Craft gibt es sehr genau definierte Einheiten, die bis ins kleinste Detail gemanagt werden müssen und in einem komplexen Netz aus Kontern stecken. Dazu passt das Setting gut, denn Star Craft spielt in einem Science Fiction-Universum, in dem es nicht weiter stört, dass drei Krabbelviecher theoretisch einen Schlachtkreuzer abschießen können. Der Nachfolger zu RUSE von Eugene Systems hingegen spielt in einem eskalierten Szenario des Kalten Krieges. In European Escalation gibt es einen unüberschaubaren Wust an Einheiten, die alle irgendwie das Gleiche machen und an real existierende Vorbilder angelehnt sind. Doch das ist ziemlich großartig, wenn man seinen Tom Clancy gerne liest, Modelleisenbahnen liebt und einen leichten technophilen Militarismus an den Tag legt. Denn European Esclation gibt einem einen 60 Quadratkilometer großen Sandkasten an die Hand, in dem all die kleinen Fahrzeuge aufeinander losgehen können und es überall rumst und kracht. So ganz nebenbei ist es auch ein Spiel, das zur Völkerverständigung via Militärsnobismus beiträgt. Aber dazu später.

Nur wer mit geringen Mitteln Großes tut, hat es glücklich getroffen

Bereits im zarten Kindealter legt die Modelleisenbahn den Grundstein für ein überproportioniertes Wachstum des Gehirnareals, das sich unnütze oder sehr sehr spezifische technische Fakten merkt und das einen später dazu bringt European Escalation gut zu finden. So ein Triebfahrzeug beispielsweise ist nicht nur eine schnöde Dampf- oder eine Elektrolok – das ist ungefähr so als würde man Filme in die Kategorien „Mit Hüten“ und „Ohne Hüte“ unterteilen. Ein Tfz (!) ist eine Ansammlung von technischen Daten, obskuren Kürzeln und natürlich Spitznamen. „03.10“ lässt die Augen von Modellbahnfans aufleuchten und ein „Krokodil“ ist nicht nur ein Reptil. Das einzige, was noch toller ist als Modelleisenbahnen, sind große grüne Maschinen, die andere Maschinen kaputt machen: Kriegsspielzeug!

 

Auf dem Jahrmarkt gibt es vermutlich noch immer diese Beutel voller Plastiksoldaten in unterschiedlichen Posen, die dann daheim liebevoll aufgestellt werden, nur um kurz darauf mit einem mundgeformten „Kaboom“ und „Pew pew“ wieder durch die Gegend zu fliegen. Das ist die Fortsetzung der Modelleisenbahn mit anderen Mitteln, denn eigentlich wollen wir doch alle mal die Insel mit zwei Bergen gepflegt mit einem MLRS-Artilleriesystem in Schutt und Asche legen, oder? ODER?

Selten ist im Sandkasten Frieden, und nie geht der Krieg im Forum aus

European Escalation gibt uns eine Schublade mit allen Spielzeugsoldaten, die man sich nur wünschen kann, dazu einen riesengroßen Spieltisch und verlässt dann langsam rückwärtsgehend den Raum. Doch damit nicht genug, all diese Einheiten haben Bilder und Zahlen und technische Fachbegriffe, wunderschönes unnützes Wissen, mit dem sich Stunden in Foren vergeuden lassen, bevorzugt in Diskussionen über den besten Panzer der Welt (übrigens der Leopard 2, nur damit das klar ist).

Das Großartige daran: Man kann seine Lieblinge direkt aufs Schlachtfeld schicken und die Diskussion gepflegt im virtuellen Schlachtfeld fortführen – was selbstverständlich nur zu mehr Streit führt, egal wer gewinnt. Aber genug davon, Völkerverständigung via Militärsnobismus findet schließlich auch im Spiel statt: Als westlicher, ungesund technikaffiner Deutscher, der an die Heilige Dreifaltigkeit aus Autobahn, Kruppstahl und Benzmotoren glaubt, ist es ein interessantes Erlebnis, sich auf die andere Seite zu begeben. Dort warten nicht sprechende Namen wie Leopard, Wiesel oder Marder, sondern kryptische Zahlenkürzel (BMP-1, BMP-1 Obr. 1970, BMP-1 SP-1, BMP-1 SP-2, BMP-1D, BMP-1P, BMP-2, BMP-2 Obr. 1986, BMP-2D, BMP-3) hinter denen sich zwar immer das gleiche Fahrgestell verbirgt; doch wer in der Hitze des Gefechts fünf BMP-1D bestellt und damit Panzer abwehren will, der sollte sich nochmal mit dem Lexikon befassen, denn das Ding hat keine ATGM. Hinter den Kürzeln verbirgt sich auch eine andere Mentalität: Ein Leopard ist irgendwie auch ein mythisches Wesen, ein T-80 ein Werkzeug mit einer bestimmten Aufgabe.

Das äußerst sich auch in der Spielweise: Ein polnischer Bekannter hat sich einfach fünfzig billigste Infanterietransporter aufs Feld gestellt und mit dem Angriffsbefehl auf einen Wald geklickt. Die Antwort auf die Frage, ob er den komplett wahnsinnig sei: „You know what, I have more tanks than they have bulletts“ [sic]. Er sollte Recht behalten. Ich dagegen bring es nichts übers Herz, mein Spielzeug ohne Not in irgendwelche infanterieverseuchten Wälder fahren zu lassen, ohne vorher mit Spielzeugartillerie den Modellbaumbestand zu dezimieren.

So ganz nebenbei ist European Escalation auch ein ausgezeichnetes und forderndes Strategiespiel mit einem schönen Tempo und enormer Spieltiefe. Man muss nicht mal die Soundeffekte selber machen, auch wenn man dafür leider auf die aus Kindheitstagen lieb gewonnene absolute Deutungshoheit im Live-Action-Painting des digitalen Schlachtgemäldes verzichten muss.

Und von World in Conflict erzähle ich euch ein anderes Mal.

Veröffentlichungsdatum: Bereits erschienen

Originaltitel: Wargame: European Escalation
Plattformen: Windows, Mac
Entwickler: Eugen Systems
Veröffentlicht von: Focus Home Interactive

Im Netz:

Offizielle Seite
Trailer

Podcast bei manu spielt

 

2 Gedanken zu „Wargame: European Escalation (Eugen Systems)

  • 09.02.2013 um 10:18
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    Mittlerweile macht mit Peter Klement Angst. Er gibt vor, ein harmloser Spieler zu sein, tatsächlich sitzt er doch längst in geheimen Kommandobunkern und plant den Erst-, Dritt- und Fünftschlag!

  • 09.02.2013 um 14:50
    Permalink

    Die westliche Lebensart ist nur durch totale nukleare Vernichtung aufrecht zu erhalten!

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