Christoph Bareither: „Ego-Shooter Spielkultur. Eine Online-Ethnographie“

Hinter den Kulissen spielen auch nur Menschen

Christoph Bareither: „Ego-Shooter Spielkultur. Eine Online-Ethnographie“ (Sachbuch)

Dichte Beschreibung statt Vorurteile: Christoph Bareither hat sich mit dem Rüstzeug des Ethnologen dem Phänomen Ego-Shooter genähert — und dabei statt Sensation ein Stück Alltag gefunden.

Von Volker Bonacker.

bareither_ego_shooterMarilyn Manson hat einmal etwas gesagt, dass ich nicht vergessen habe. Von Michael Moore in “Bowling for Columbine” danach gefragt, was er Kids, die in der Schule Mobbing und Hass ausgesetzt sind, sagen würde, entgegnete der Schockrocker: “Ich würde ihnen gar nichts sagen. Ich würde ihnen zuhören.” Nun passt dieses Zitat in gleich mehrfacher Hinsicht zur Buchveröffentlichung “Ego-Shooter Spielkultur: Eine Online-Ethnographie” von Christoph Bareither. Zunächst, weil beim erwähnten Moore-Film natürlich Erinnerungen an School Shootings wach werden — die wiederum in Deutschland untrennbar mit drei Stichwörtern verbunden sind: Erfurt, Counter-Strike, “Killerspiele”. Langjährige SpielerInnen seufzen nun auf, sind sie es doch leid, mantraartig zu wiederholen, dass ein Kausalzusammenhang zwischen Spielgewalt und Amoklauf weiterhin nicht gefunden ist; ermüdet es sie, ihr Hobby immer wieder gegen Anfeindungen zu verteidigen und gleichzeitig um jene gesellschaftliche Anerkennung zu werben, die Fußball- oder Formel 1-Fans schon lange genießen und weitaus unproblematischer zugestanden bekamen. Bareither hat in einer wissenschaftlichen Arbeit nicht nach Antworten auf die Frage gesucht, ob der Bildschirmgewalt die reale folgt, sondern lediglich das getan, was Manson vorgeschlagen hat: zugehört, beobachtet — und aufgeschrieben. Nicht abstrakte Forschungsergebnisse, sondern die so gewonnenen Einblicke in den Alltag des vermutlich meistdebattiertesten Ego-Shooters der Spielegeschichte sind es, die “Ego-Shooter Spielkultur” so wertvoll machen.

Dichter dran am digitalen Alltag

“Die Ethnographie eines Online-Alltags wird diesem gerecht, indem auch sie online stattfindet”, so die Ausgangsposition des Forschungsprozesses, in dessen Verlauf Bareither nicht nur in die Grundlagen von Counter-Strike einführt, sondern vor allem über das (all)tägliche Geschehen auf öffentlichen Servern und im Clan berichtet. Über Regeln der Konversation, das Verständnis von Counter-Strike als Sportart (inklusive der dazu gehörigen, kompetitiven Elemente) bis hin zur Rolle des Geschlechts der SpielerInnen wird ein umfangreicher, vielfach unterhaltsamer Einblick in eine Spielergemeinschaft geboten, deren Sujet zwar vielen ein Begriff ist, über dessen kulturelle Praxis jedoch wenige wirklich informiert sind – ein Umstand, der immer wieder auch von SpielerInnenseite kritisiert wurde. Gerade hier liegt die Stärke von “Ego-Shooter Spielkultur”: Die Lektüre erzählt vom Alltag der Counter-Strike-Gemeinde nicht aus der Vogelperspektive, sondern durch die Augen derer, die aktiv daran teilnehmen.

Daraus können Einstiegshürden folgen: Wer einmal einen Ego-Shooter in Gemeinschaft mit anderen SpielerInnen gespielt hat, weiß um die Besonderheiten in der Konversation. Von Emoticons bis hin zu spezialisierten Begriffen und Abkürzungenen erscheinen das Geschriebene und (vielmehr noch) das Gesprochene Außenstehenden mindestens als krude, oftmals schlicht als unverständlich. Lol, N00b. Bareither hat Text und Sprache glücklicherweise im Original belassen, statt auf allgemeinverständliche Beschreibungen zurückzugreifen – was der Authentizität zugute kommt. Vielfach erzängt durch Klammer-Bemerkungen und mit einem umfangreichen Glossar versehen, stellt der Autor sicher, dass Personen, die mit der Online-Routine eines Ego-Shooters nicht vertraut sind keine Verständnisprobleme haben. Geht es doch letztlich bei der Lektüre vorrangig darum: Verständnis.

Shooter im sozialen Netzwerk

Nicht die Schaffung dessen im emotionalen, mitfühlenden Sinne oder ein Plädoyer für Counter-Strike, sondern schlicht das Beschreiben täglicher Abläufe und eingespielter Mechanismen. Die von Kritik an der Verwendung einzelner Waffen bis hin zu Lebensberatung bei Beziehungsproblemen reicht — und damit facettenreicher ist als die mediale Berichterstattung der vergangenen Jahre über sie. So entsteht das Bild von Menschen, die nach Feierabend letztlich nichts anderes tun als einem Hobby nachgehen. In das sie (hobby-typisch) gerne große Teile ihrer Freizeit investieren, dessen Gemeinschaft durchaus in der Lage ist, ihnen sozialen Halt zu bieten und dessen virtuelle Freunde für sie in manchen Fällen auch abseits des Online-Ballerns zu echten wurden.

Ohne einen Gewaltdiskurs kommt jedoch auch “Ego-Shooter Spielkultur” nicht aus und so widmet sich Bareither im abschließenden Kapitel “Spielkultur und Gewalt” der Frage, welche Perspektiven SpielerInnen haben, welche Problematik der Gewaltbegriff mit sich bringt und warum ludische Gewalt in ihrer Komplexität eben nicht abschließend bewertbar ist. Ein äußerst interessanter, oftmals humorvoller Blick hinter die Kulissen eines Spiels, das sich dank Fremdbeschreibungen seit Jahren härtester, oft ungerechtfertigter Kritik ausgesetzt sieht, findet – ohne Counter-Strike in die Opferrolle zu bewegen – einen gelungenen Abschluss. An dessen Ende ein für SpielerInnen nicht überraschendes Fazit steht: Counter-Strike-Fans sind auch nur Menschen.

 

Titel: Ego-Shooter Spielkultur: Eine Online-Ethnographie
Autor: Christoph Bareither
Verlag: Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V.
Seiten: 133
Richtpreis: 13 Euro

 

Im Netz:
Verlagsseite inkl. Leseprobe

 

2 Gedanken zu „Christoph Bareither: „Ego-Shooter Spielkultur. Eine Online-Ethnographie“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *