Pamela Druckerman: “Warum französische Kinder keine Nervensägen sind”

Der Rahmen macht das brave Kind

Pamela Druckerman: “Warum französische Kinder keine Nervensägen sind” (Sachbuch)

Eine Amerikanerin bekommt in Frankreich ein Kind und stellt fest, wie gut erzogen die Kinder in ihrer neuen Heimat alle sind. Sie sind geduldig, schlafen früh durch und essen im Restaurant gepflegt wie die Grossen. Was machen die Franzosen besser?

Von Tamara Beck.

warumfranzösischePamela Druckerman ist Amerikanerin. Wenn es um Kinder geht, glaubt sie zu wissen, dass Quengeln, Nerven und all die anderen schlechten Eigenschaften bei Kindern einfach dazugehören. Ein Essen im Restaurant wird zum Spiessrutenlauf, am Sandkasten muss sie aufpassen, dass ihr Kind nicht mit Sand nach den anderen wirft, und in Ruhe telefonieren geht im Beisein eines Kleinkindes schon mal gar nicht. Mit grossem Erstaunen fällt ihr aber immer wieder auf, wie anders die französischen Kinder zu sein scheinen. Werte wie Anstand, Respekt und gutes Benehmen sind ihnen offenbar kein Fremdwort. Darüber hinaus bewundert sie die französischen Mütter, die so gar nicht wie Mütter aussehen. Sie nehmen in der Schwangerschaft kaum zu, passen spätestens drei Monate nach der Geburt, rechtzeitig zum Arbeitsbeginn, wieder in die alten Jeans und sind sowieso von Kopf bis Fuss immer perfekt gestylt. Dass sie arbeiten, ist überhaupt kein Thema. Nur, warum geben sie sich so arrogant-reserviert und grüssen sie kaum?

Feldforschung in Paris

Entschlossen, hinter das Geheimnis der Kindererziehung à la française zu kommen, klemmt sich Druckerman den Laptop unter den Arm und begibt sich auf Feldforschung. Sie befragt Mütter in ihrem Umfeld, Krippenangestellte und Kinderärzte und stösst auf einfache, aber offenbar effektive “Methoden”. Sie bewirbt sich sogar für einen Platz in der crêche (Krippe) für ihr eigenes Kind, um “dazuzugehören”.
Nach und nach ergründet Druckerman nicht nur die französische Familienpolitik, sondern auch das Konstrukt der französischen Erziehung, deren Basis schon bei Rousseau auszumachen ist. Sie lüftet das Geheimnis um den cadre, den Rahmen, der die Kinder umgibt. Er beinhaltet strikte Grenzen, die indiscutable sind, Grenzen, die die Kinder nicht überschreiten dürfen, innerhalb dessen sie sich aber frei bewegen dürfen. Sie lernt die pause kennen, die französische Eltern bewusst einsetzen, um ihr Kind zu beobachten, es sanft ans Durchschlafen zu gewöhnen (laut Druckerman schläft der Grossteil der französischen Kindern mit 3 Monaten durch), und um es Geduld zu lehren.

Bonjour

Druckerman lernt die vielen Vorteile des französischen Krippen- und Vorschul-Systems kennen, wohnt Sitzungen bei, in denen stundenlang über den Menuplan in der crêche diskutiert wird und weiss nach einigen Monaten um die immense Bedeutung eines “bonjour” Bescheid.
Es dauert ein Weilchen, aber bald kann sich Druckerman auch mit ihren eigenen Kindern im Restaurant zurücklehnen und das Essen, sogar mehrere Gänge, halbwegs entspannt geniessen. Sie nimmt viele der französischen Erziehungsmaximen an, wägt sie aber auch immer gegen die bekannten, amerikanischen Methoden ab, um zu entscheiden, was für sie stimmt. Denn nicht alles, was in Paris à la mode ist, ist auch automatisch ideal. Oder weshalb nochmal sind die Franzosen ein Volk, das den Besuch beim Psychotherapeuten so selbstverständlich wahrnimmt wie die Amerikaner das Bikini Waxing?

Gesunder Menschenverstand

Das Buch hat mich als Mutter von der ersten Seite an gefesselt. Bei der Schilderung eines zum Scheitern verurteilten Versuchs, mit einem Kind in Ruhe auswärts ein Essen einzunehmen, erkenne ich mein Kind und uns als Eltern sofort wieder. Das Buch liest sich flüssig und ist in verschiedene, relevante Kapitel unterteilt. Es ist eine sehr persönliche Untersuchung darüber, wie die französischen Eltern mit ihren Kindern und der Elternschaft umgehen.

Ich kann das Buch nur empfehlen. Es liefert gute Inputs und Erklärungen und hilft vielleicht, dem eigenen Kind bessere Manieren beizubringen – mit gesundem Menschenverstand genossen und angewandt natürlich.


Titel: Warum französische Kinder keine Nervensägen sind
Autorin: Pamela Druckerman
Übersetzung: Christiane Burkhardt
Verlag: Willhelm Goldmann Verlag, München
Seiten: 367
Richtpreis: CHF 25.90

2 Gedanken zu „Pamela Druckerman: “Warum französische Kinder keine Nervensägen sind”

  • 04.04.2013 um 08:35
    Permalink

    Französische Eltern haben beim Erscheinen des Buches herzhaft gelacht und sich gefragt, was sie nach jeder Mahlzeit vom Boden wischen, wenn ihre Kinder nicht mit Essen werfen?
    Es gibt keine standard “französische Erziehung”, so wenig wie eine standard “Schweizer”, “Deutsche” oder “Österreichische” Erziehung.
    Druckerman beschreibt ein autoritatives Erziehungskonzept, das vor allem in der gebildeten Mittelklasse zum Einsatz kommt. Nicht nur in Frankreich.

    A propos Frankreich: Frankreich hat die höchste Rate an Kindesmisshandlungen Europas und eine der höchsten Jungendkriminalitätsraten. Meiner Meinung nach zählt das Endresultat und nicht, ob eines schon mit Drei mit Messer und Gabel essen und eine Mahlzeit im Restaurant durchstehen kann.

  • 16.07.2013 um 15:28
    Permalink

    Hallo Katharina,

    wieso glaubst du, die französische Jugendkriminalität ginge auf das französische Erziehungsmodell zurück? Weißt du eigentlich, wieviel Prozent der Kriminellen in französischen Gefängnissen algerische oder tunesische oder marokkanische oder senegalesische Einwanderer sowie deren Kinder sind? Die bestimmt nicht im französischen Erziehungsstil aufgewachsen sind? Bloß, weil die Statistik nicht ordentlich unterteilt wird, ist das kein Grund, ein Volk derart an den Pranger gestellt. Wird aber mit den Deutschen genauso gemacht.

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