Run, Play, Think! – Resident Evil 2 Retrospective

Ich fand meinen Meister… auf YouTube.

Run, Play, Think! – Resident Evil 2 Retrospective

Laserfrog lehrt uns Demut.
Laserfrog lehrt uns Demut.

„Remember 1998. It wasn’t like it is today.“ So beginnt der Clip Run, Play, Think! – Resident Evil 2 Retrospective von „Laserfrog“.  Er stellt das Beste und Unterhaltsamste an New-Game-Journalism-Semi-Close-Reading dar, was mir in den letzten Monaten unterkam. RUDOLF INDERST würde sich schämen, nicht über dieses Phänomen einen kleinen Text zu verfassen.

Am 2. April, es war ein nichtssagender Dienstag nach dem Ostermontag, stieß ich auf meiner Twitter-Timeline auf eine begeisterte Äußerung: Jemand hatte einen Clip auf YouTube gesehen, diesen in höchsten Tönen gelobt und angekündigt, den Kanal von User „Lasefrog“ sofort zu abonnieren. Da ich mich sehr leicht von Enthusiasmus hinreißen lasse, etwas spontan nachzuahmen, konnte ich auch diesmal der Versuchung nicht widerstehen. Ein paar Klicks später weinte ich vor Glück.

Where were you when Racoon City exploded, people used to say all the time

Ich will versuchen, ganz nüchtern zu bleiben. Sachlich zu beschreiben, auf was für eine erstaunliche Perle ich da zufällig stieß. Der Videoclip Run, Play, Think! – Resident Evil 2 Retrospective ist, wie der Titel schon andeutet eine Rückschau auf Capcoms Untoten-Erfolgssequel rund um die finsteren Machenschaften des Umbrella-Konzerns. In etwa fünf Minuten stellt der Erzähler das Spiel auf eine Art und Weise vor, die so anrührend, so herzlich und doch so nachdenklich zugleich ist, dass man gezwungen ist, sein Haupt vor Scham zu senken. „Laserfrog“, Du bist der Beste.

No, that wouldn’t be survival horrory enough

Unter Run, Play, Think! Findet man eine Reihe von unterschiedlichen Retrospektiven: Neben der Nippon-Zombiehatz sind auch Virtua Tennis, Paperboy oder Mad Dog McCree dabei. Sie alle eint die unglaubliche hohe Qualität des Skripts. Doch es sind nicht nur die Inhalte, die, mal jauchzend-euphorisch, mal bekümmert-traurig, vollends überzeugen, es ist vor allem der britischen Erzählstimme geschuldet, dass die Videobeiträge eine solche Wirkung entfalten.

They don’t age. Not like us. We just decay and die

Doch zurück zu den Darmfressern und Hirnlutschern. Über die Qualität lässt sich „Laserfrog“ wie folgt aus: „Residen Evil 2 is a classic. Is it the Citizen Kane of video games? Well, for one thing it has got more zombies than Citizen Kane. So yes, it (…) is the Citizen Kane of gaming.“

They do age.
They do age.

Neben grundsätzlichen Betrachtungen über das Genre Survial Horror, wird der Sprecher auch konkret: Es entlockt nur Hirntoten keine Lächeln, wenn er die Vermutung äußerst, dass die Polizisten in Racoon City sich angesichts der Größe ihres Polizei-Reviers andauernd selbst verlaufen müssten: ein perfider Seitenhieb auf einen schwerfälligen Staat, einen sich im Kreis drehenden Beamtenapparat und dem nervtötenden A-weiß-nicht-was-B-tut-Tum.

Zombies are the new World War II games aren’t they

Dann nimmt „Laserfrog“ mit einer eleganten Überleitung die Industrie ins Visier. Eben noch beklagt er, dass wir alle im Gegensatz zu den zeitlosen Polygon-Helden nicht von einem Alterungsprozess verschont bleiben („They are forever stuck in 1998. (…) With their Tamagotchis, pagers and painfully slow internet.“) und schon ist er mitten in einer feinen Schelte. „Laserfrog“ hebt den Zeigefinger und mault über die Tatsache, dass Zombies heutzutage völlig inflationär auftauchten, Weltkriegs-Shooter hätten ein ganz ähnliches Schicksal erlitten („We liked those, too!“). Begleitet von hypertragischen Streichern beschreibt der Laserfrosch die widerliche Konsequenz: „You got bored of zombie games. What could they do? They put zombie games in World War II games. Just trying to make you happy!“

Polygons were bigger. That’s a scientific fact

Obgleich die Schelte universal und kognitiv herausfordernd ausfällt, spürt man deutlich die unendliche Liebe für das Produkt. Ich wünschte, ich hätte einen ähnlich konsistenten Text zu einem Spiel vorzuweisen. Das macht mich traurig. Es ist jedoch eine wohlige, warme Traurigkeit – eine nach vorwärts gerichtete Melancholie, die mich sanft in den Treibsand der Vergangenheit zieht. Unten angekommen, ist der Goldschatz.

Rudolf Inderst

*1978 in München. Studierte Poltikwissenschaften in München und Kopenhagen. Arbeitet aktuell an seiner zweiten Dissertation. Übernimmt Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Holt sich blaue Flecken im Krav Maga. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 35 Jahren. Trägt gerne Bart.

2 Gedanken zu „Run, Play, Think! – Resident Evil 2 Retrospective

  • 09.04.2013 um 14:42
    Permalink

    Oh ja, den Kerl hatte ich auch erst kürzlich entdeckt und freue mich fortan über jedes neue Video von ihm. Erst war ich etwas: “Wassen das jetzt?”, aber schon nach dem zweiten Video ging’s mir mehr wie: “Baha, nice!”. 😀

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