BioShock Infinite (Irrational Games)

Utopia in den Wolken

BioShock Infinite (Irrational Games)

bioshock_infinite_headerDas beste Spiel des Jahres? So weit will SEBASTIAN GEIGER jetzt noch nicht gehen, BioShock Infinite hat trotzdem einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen.

Ein Mann, eine Stadt – es klingt vertraut, doch dieses Mal ist alles anders. Denn wenn Booker DeWitt  in BioShock Infinite in die luftigen Höhen von Columbia startet, ist es kein Abgrund der Wahnsinnigen wie im Original-BioShock, der ihn erwartet. Stattdessen ein Utopia über den Wolken, das sich schnell in einen Alptraum verwandelt. Alles nur, weil Booker das Mädchen Elizabeth suchen soll, die sich schnell als etwas entpuppt, das die ganze Welt vernichten kann.

Ambitioniert ist das beste Wort, mit dem sich BioShock Infinite beschreiben lässt. Das Entwicklerstudio von Irrational Games hat schon den Vorgänger (BioShock 2 zählen wir hier explizit nicht) mit tiefen Ideen und hintergründigen Charakteren vollgepackt, bis aus dem Ego-Shooter ein höchst philosophisches Spiel mit einem brutalen Twist wurde. In BioShock Infinite gehen die Entwickler noch einmal gefühlte 100 Kilometer weiter. Was während der Spielzeit an Ideen über dem Kopf des Spielers ausgeschüttet wird, hätte anderen Studios für drei Jahreskataloge an Spielen gereicht. Auf seiner Jagd nach Elizabeth und der nachfolgenden Flucht aus Columbia bekommt Booker es mit Klassenkampf, Rassismus, religiösem Wahn und Konzepten zu tun, die man sonst nur aus der spekulativen Science-Fiction kennt. Und damit ist noch kein Wort über den eigentlichen Hauptcharakter des Spiels, Elizabeth, verloren.

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Selten hat ein Begleit-NSC so viel Tiefe und Emotion gehabt wie sie. Im Spiel füttert sie den Spieler vor allem mit Health-Kits und Power-ups, wenn sie nicht gerade die Realität zerlegt, um ihm zu helfen. In der Geschichte wird aus dem vermeintlichen hilflosen Mädchen, das Booker zunächst retten soll, schnell eine starke Frau, die am Ende die ganze Welt auf den Kopf stellt.

Spielt es da noch eine Rolle, dass das Spiel auch sonst ausgezeichnet ist? Die Grafik ist fabelhaft (sollte sie auch sein, denn dank Direkt X 10 läuft Bioshock nur noch unter Systemen ab Windows Vista), der Soundtrack gut, die Synchronstimmen ausgezeichnet, die Gegner knackig und die Steuerung schnell und präzise: Auch wenn man vergeblich den Adrenalinrausch herbeiwünscht, den die Kämpfe gegen die Big Daddies im Original-BioShock ausgelöst haben. Columbia selbst ist nicht ganz so organisch wie die Vorgängerstadt Rapture, aber man kann sich trotzdem sehr gut vorstellen, wie Leute in der fliegenden Stadt leben und zur Arbeit gehen. Die perfekte Grundlage für die Geschichte um Booker und Elizabeth, die beweist, dass Spiele, die sich auf eine gute Story und den einzelnen Spieler konzentrieren, nach wie vor unglaubliche Erfahrungen bieten. Multiplayer gibt es in BioShock Infinite nämlich nicht – dafür haben wir aber Call of Duty.

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BioShock Infinite ist ein Spiel, das die Spieler wegen seinem Ende lieben oder hassen werden. Kalt lässt es aber keinen. Damit hebt es sich jetzt schon von 90 Prozent der Games in den vergangenen Monaten ab und sollte deshalb seinen Weg in die Sammlung jedes Zockers finden. Bookers und Elizabeths Geschichte ist eine, die man einfach erlebt haben muss.

 

Bereits erschienen.

Originaltitel: Bioshock Infinite
Plattformen: PC, Xbox 360, PS3
Genre: Ego-Shooter
Entwickler: Irrational Games
Veröffentlicht von: 2 K Games

Im Netz

Wie auch schon das erste BioShock hat sich BioShock Infinite rasch zum Kristallisationspunkt eines ausuferenden kritischen Diskurses entwickelt. Im Zentrum stehen dabei die verbundenen Fragen, ob das Spiel eine in seinem Genre-Korsett seinem inhaltlichen Anspruch gerecht werden kann, und inwiefern das Gewaltdiktat des Shooters alle weitergehenden Ambitionen untergräbt. Einige der wichtigsten und kontroversesten Texte dazu:

Rainer Sigls charakterisiert das BioShock Infinite als “Quantenmärchen”, das auf der Ebene der Narration hinter seinen eigenen Vorgängern zurückbliebt — aber dennoch sehr spielenswert ist. Kirk Hamilton fragt sich, ob die Gewalt im Spiel nicht für die Ansprüche, die es selbst aufstellt, zum Problem wird. Michael Abbott dagegen vermutet, der unverkennbare Clash zwischen Ambitionen und Genre-Konventionen könnte Infinite in die Geschichte eingehen lassen als letztes Leuchtfeuer auf einer Strasse, die letztlich nirgends hinfühen muss. Dan Golding geht sogar noch weiter und argumentiert, BioShock Infinite sei in erster Linie ein Zeugnis davon, wie tief die Ansprüche an dieses Genre eigentlich sind. Und auch Leigh Alexander sieht ein Auseinanderklaffen zwischen unbestreitbarer Anmut in der Form und Armut im Inhalt. Und Kieron Gillen erkennt trotz und dank alledem in diesem Spiel eine Magie , die in diesem Medium ungemein selten und dadurch umso wertvoller ist: “I’d happily swap a lot of reality in games for much more of Infinite’s poetry.”

Dan Golding geht sogar noch weiter und argumentiert, Infinite sei ein Zeugnis davon, wie tief die Ansprüche an dieses Genre eigentlich sind: “This is thunderously stupid, and an insipid example of how terrifyingly low the bar is set for ‘intelligence’ in mainstream videogames (not to mention surprisingly accommodating given the widely-publicised problems with racism in online shooters).”

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