Joachim Meyerhoff: „Wann wird es endlich so, wie es nie war“

Reise in die Vergangenheit

Joachim Meyerhoff: „Wann wird es endlich so, wie es nie war“ (Roman)

Wenn einer in einer Psychiatrie aufwächst, dann kann er was erzählen. Das weiss Joachim Meyerhoff aus eigener Erfahrung. Und weil er nicht nur Schauspieler ist, sondern auch Autor, lässt er auch in seinem zweiten Roman andere an seinen Erinnerungen teilhaben. Er berührt damit, ohne rührselig zu sein.

Von Fee Anabelle Riebeling.

wannwirdesendlichwiedersoJoachim Meyerhoff wächst als Sohn eines Psychiatriedirektors auf, in der Mitte einer riesigen, von dicken Mauern begrenzten Anstalt. Seine direkten Nachbarn: über 1200 geistig und körperlich behinderte Patienten, deren nächtliche Schreie seine Träume begleiten. «Blödis» und «Spackos» nennt er sie. Nicht um sie zu diskriminieren, sondern aus Anerkennung. Denn wenn er mit ihnen zusammen ist, empfindet er eine Art von Glück. Sie sind sozusagen seine Freunde.

Erfinden heisst erinnern

Was auf andere befremdlich wirkt, ist für Joachim, den der Vater «Josse» nennt, ganz normal. Ihn irritiert es nicht, wenn die Patienten ihm «Ah, wieder ficki-ficki machen?» zuraunen, wenn er das Anstaltsgelände in Richtung Schule verlässt. Auch dass andere sich an den Mauern den Kopf blutig schlagen, lässt ihn auf merkwürdige Weise kalt. Vielmehr bestaunt er, was er alltäglich sieht. So ist es halt, scheint der junge Knabe sich zu sagen. Möglich, dass ihm seine eigenen, unerklärlichen Wutausbrüche, die ihm den Spitznamen «die blonde Bombe» bescheren, das Verstehen erleichtern.

Die bizarre Coming of Age-Geschichte ist gespickt mit zum Schmunzeln anregenden Szenen. Doch wie auf der Bühne, auf der Theaterschauspieler anders als ihre Kollegen vom Fernsehen immer ein bisschen mehr geben müssen, um auch die Zuschauer in der letzten Reihe zu erreichen, schmückt Meyerhoff auch seine niedergeschriebenen Schilderungen mit zusätzlichen Details. «Erfinden heisst Erinnern», sagt der Autor dazu. Und so wird seine Lebensgeschichte zu einem autobiografischen Familienroman.

Kapitel wie Theaterstücke

Dem Lesegenuss tut dieser schriftstellerische Kniff keinen Abbruch. Im Gegenteil: Dank diesem bekommen die vielen kleinen Dramen eine erfrischende Leichtigkeit, die einen weiterlesen lässt. Doch gegen Ende des Buches wechselt der Tonfall. Denn die Unbeschwertheit, mit welcher der Ich-Erzähler seiner Familie und der näheren Umgebung begegnet, weicht dem Wissen um die Endlichkeit des Lebens. Erst verunfallt der Bruder, dann droht der Rest der Familie zu zerbrechen.

Man merkt «Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war» an, dass es zunächst für die Bühne geschrieben wurde. In jedem niedergeschriebenen Satz klingt das gesprochene Wort. Auch sonst ist Joachim Meyerhoffs beruflicher Hintergrund – sein Gespür für das Szenische, Pointen und Wirkung – klar erkennbar. Und so kommt jedes Kapitel wie ein kleines Theaterstück daher. Applaus.


Titel: „Wann wird es wieder so, wie es nie war“
Autor: Joachim Meyerhoff
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seiten: 352
Richtpreis: 28,90 CHF

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