Bedeutung und Interpretation von archäologischen Funden

Blick in die Vergangenheit oder in den Spiegel?

Ötzi. wie sich ihn die holländischen Künstler Adrie und Alfons Kennis vorstellen.
Eine Rekonstruktion auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zeigt, wie Ötzi ausgesehen haben könnte. (Archäologiemuseum Südtirol)

 

In Höhlen und tief in der Erde stößt die Archäologie immer wieder auf interessante Funde aus einer vergangenen Zeit. Das Gefühl in die Vergangenheit zu blicken, löst oft Faszination und Staunen aus. Es kann jedoch ebenfalls spannend sein, sich zu fragen, was wir denn eigentlich wirklich sehen, wenn wir solche Funde vor uns haben.

Von Andreas Schuler

Entdeckungen wie die von Ötzi oder der Höhlenmalereien in El Castillo schaffen es immer wieder Menschen zu faszinieren. Solche Funde interessieren längst nicht nur Archäologen und Altertumswissenschaftler, sondern vermögen breite Massen zu beeindrucken. Der Status dieser Funde als Zeugen der Vergangenheit verleiht ihnen eine spezielle Aura.

Nackte Tatsachen
Die Aufgabe der Wissenschaft bei solchen Funden ist es, in einem ersten Schritt  Fakten zu sichern. Mit immer besseren Hilfsmitteln und immer genaueren Verfahren kann die Forschung die Stücke aus der Vergangenheit „befragen“. Dabei werden Bestimmungen wie die der chemischen Zusammensetzung von Materialien oder dem Alter von Knochenfunden immer genauer.

Dies zeigt der Fall Ötzi , von dem immer mehr Fakten dieser Art ans Licht kommen. So konnte am Institut für Technische Biochemie der Saarland-Universität in Saarbrücken 2008 gezeigt werden, dass Ötzi für seine Kleidung neben Rinder- und Schaffellen auch Felle von Gämsen und Rothirschen benutzte. Institute in Zürich und Oxford bestimmten  Ötzis  Todeszeitpunkt  auf 254 Jahre genau und legten sein Ableben um das Jahr 3200 vor Christus fest.. Durch die Arbeit von Wissenschaftlern wie dem italienischen Arzt Eduard Egarter Vigl wurden auch immer mehr Details über Ötzis DNA, seine Tätowierungen, seine Verletzungen und die Todesursache bekannt.

Allerdings sind es oft nicht nur die Beschreibungen dieser nackten Tatsachen die faszinieren, sondern auch die Frage: Was bedeutet dies alles? Man will wissen, wie Ötzi gelebt hat, ob er Streit gehabt hat, wieso er so schwerverletzt unterwegs war. Bei solchen Fragen nach dem Wieso, wird die Grenze von der Analyse von Fakten zur Interpretation unweigerlich überschritten. Die Neugierde und der Erklärungshunger zwingt den Menschen gewissermassen zu diesem Übertritt. Dabei ist es wichtig, sich auch der Schwierigkeiten bewusst zu sein, die dieser Schritt mit sich bringt.

Neue Begriffe in vergangenen Zeiten
Die zentrale Schwierigkeit hängt mit der Sprache zusammen: Bei der Interpretation von Fundstücken ist die Forschung auf Begriffe aus der Gegenwart angewiesen. Sie kann dieser Problematik auch nicht durch den Versuch entgehen, eine möglichst neutrale Wissenschaftssprache zu sprechen. Auf die Unmöglichkeit einer Sprache dieser Art hat etwa der Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn hingewiesen. Wir benutzen Wörter, die kulturell immer schon geprägt sind – andere stehen uns schlicht nicht zur Verfügung. Wir kommen also bei der Beschreibung oder Deutung von Funden aus der Vergangenheit nicht umhin, neue Begriffe in eine längst Vergangene Zeit zu „importieren“.

Wenn man Höhlenmalereien etwa als Ausdruck von „Kunst“ oder „Kultur“ bezeichnet, sind mit diesen Begriffen ganz spezifische Konzepte verbunden. Auch im Bezug zu Ötzi werden solche Konzepte immer wieder aktualisiert. So findet man auf der Seite des Südtiroler Archäologiemuseum etwa Aussagen über die Religion und der Wirtschaft zu Ötzis Lebzeit. Dabei werden eigene Wirtschaftsformen charakterisiert und der Totenkult mit den dazugehörigen Jenseitsvorstellungen angesprochen. Es ist jedoch zumindest nicht abwegig, dass in der Vergangenheit die Wirklichkeit durch andere Konzepte gegliedert wurde, die wir mit der heutigen Sprache unmöglich zu fassen vermögen. Daher scheint die Forderung nach einer Darstellung davon „wie es wirklich gewesen ist“ kaum einlösbar zu sein.

Die Vielfalt möglicher Geschichte
Die Interpretation von archäologischen Fundstücken ist jedoch nicht blosse Erfindung: Durch die von Wissenschaftlern erarbeiteten „harten Fakten“ werden klare Grenzen vorgegeben, innerhalb dessen sich die Interpretation zu bewegen hat, wenn sie glaubwürdig bleiben soll. Durch diese Grenzen können plausible von eher unwahrscheinlichen Interpretationen geschieden werden. So kann etwa nicht behauptet werden, Ötzi sei ein überzeugter Vegetarier gewesen, da die Fakten dem schlicht widersprechen.

Oft  besteht jedoch innerhalb des vorgegebenen Rahmens  immer noch eine Vielzahl von möglichen und plausiblen Geschichten, zwischen denen aufgrund der Fakten nicht entschieden werden kann: Mehrere mögliche Interpretationen der jeweiligen Funde stehen demnach zur Auswahl.

Welche dieser Interpretationen von der Wissenschaft favorisiert werden, hängt schliesslich immer auch damit zusammen, in welcher Vorstellungswelt der Betrachter sich befindet. Die Interpretation von archäologischen Fundstücken ist damit immer eine Mischung zwischen einem Blick in die Vergangenheit und einem in den Spiegel.

 

Im Netz
Südtiroler Archäologiemuseum (wo Ötzi heute liegt)
Rekonstruierte römische Villa Borg

rXXmischeXvilla

 

 

 

 

 

 

Literatur zum Thema
Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt a. Main, 1976. (orig. The Structure of Scientific Revolutions, University of Chicago Press, 1962)

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