Ingeborg Bachmann “Radiofamilie” | Schauspielhaus Zürich, Pfauen Kammer

Klamauk mit Rollentausch

Foto|Copyright: Raphael Hadad

Von Jolanda Heller.

Die Inszenierung ist amüsant und unterhaltend. Komödiantisch im Ansatz wirkt das viele Kleidertauschen fast berauschend. Es könnte einem durchaus zu viel werden. Ende der 1990er-Jahre wurden die komisch-belehrend-gesellschaftskritischen Hörspiele im Nachlass Jürg Mauthes – dem Radiokollegen von Ingeborg Bachmann – entdeckt und sie sind nun in einer Bühnenfassung von Stephan Teuwlssen als Schweizer Erstaufführung in der Pfauen Kammer zu entdecken.

Komödiantisch wollten bis zu einem gewissen Grade die Hörspiele von Ingeborg Bachmann (und ihren beiden Kollegen Peter Weiser und Jürg Mauthe) sein. Sie waren ja für ein Massenpublikum geschrieben und sollten die Zuhörerinnen und Zuhörer an das neue Radio Rot-Weiss-Rot der amerikanischen Besetzungsmacht binden. Und der Auftrag der Hörserie “Radiofamilie“ war,  zu einer bedeutenden Gegenkraft der Hauptsendung “Russische Stunde“ des österreichischen Nationalsenders RAWAG  heranzuwachsen. Diese war zudem sowjetisch geprägt. Weitere Merkmale, die die Hörspiel-Serie “Radiofamilie“  neben ihrem Unterhaltungswert liefern sollte, waren Bildungs- und Gesellschaftsrelevanz. Die in der Kammer vorgestellte Inszenierung hat ihren Fokus ganz auf die Unterhaltung gelegt.

Bürgerliche Komik
Die Radiofamilie  ist zwar eine bürgerliche, aber eben nicht spiess-bürgerlich. So auch nicht hier auf der Bühne. Deren Mitglieder sind der Oberlandesgerichtsrat Dr. Hans Floriani (Klaus Brömmelmeier), der von seiner Familie um den kleinen Finger gewickelt wird; seine Frau Vilma (Susanne-Marie Wrage) eine Generalstochter, der 12-jährige Wolferl (Sean McDonagh, der auch Onkel Guido spielt) und die 16-jährige Helli (Sarah Hostettler). Dann sind da noch der Bruder des Oberlandesgerichtsrats, Guido. Er ist einer, der auf Hitler reingefallen ist, aber „kein richtiger Nazi war“, ein Luftibus, interessiert an allem Neuen und ebenso rasch desinteressiert. Und nicht zuletzt Guidos Frau Liesl (Lisa-Katrina Mayer), die Bodenständige neben ihrem Luftibus, als Gegenpart zu ihrem Mann und zu Schwägerin Vilma.

Foto|Copyright: Raphael Hadad

Nicht ganz störungsfreies Radiofamilienbild
In der Inszenierung von Mélanie Huber konnte man die Verwandlungskunst der Schauspielerinnen und Schauspieler bewundern. Und diese barg einige amüsante Szenen, die hauptsächlich durch den ständigen Kleidertausch ausgelöst wurden. So etwa, wenn der Pullunder von Onkel Guido zum Neffen Wolferl wanderte und der Neffe dann plötzlich auch Onkel Guido ist. Oder Vilma war mit dem Kleidchen von Tochter Helli plötzlich “wirklich“ Tochter Helli usw. Wir alle spielen nicht nur eine einzige Rolle, das wird uns hier bewusst, wenn dies auch keine ganz neue Einsicht ist.

Foto|Copyright: Raphael Hadad

In der Kammer wurde viel gelacht. Und kaum etwas nachgedacht. Die Gesangseinlagen (arrangiert von Pascal Destraz) haben den komödiantischen Anstrich des Stücks betont und aus dem Ganzen etwas Rundes gemacht, das im Flug vorbei war. Die Bühne (Nadia Schrader) im Stil der Fünfziger Jahre, mit Anlehnung an einen alten Radiokasten, komplettierte das nicht ganz störungsfreie, aber immer wieder harmonische Radiofamilienbild ab.

Premiere am 24. Mai 2013; Dauer ca. 70 Minuten.

Weitere Vorstellungen am 12., 14., 15., 17., 18., 22., 26. Juni, jeweils 20.30 Uhr, am 23. Juni um 19.30 Uhr.

 

Besetzung
Sarah Hostettler
Klaus Brömmelmeier
Lisa-Katrina Mayer
Sean McDonagh
Susanne-Marie Wrage

Regie: Mélanie Huber
Bühne: Nadia Schrader
Kostüme: Ramona Müller
Komposition: Pascal Destraz
Licht: Daniel Leuenberger
Dramaturgie: Karolin Trachte
Regieassistenz: Simone Karpf
Praktikum Regie: Bahar Avcilar
Kostümhospitanz: Maryam Afschar

 

Im Netz
www.schauspielhaus.ch

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