John Dos Passos: „Orient-Express“

Von Honigmelonen und Wasserpfeifen

John Dos Passos: „Orient-Express“ (Reisebericht)

Der Schriftsteller John Dos Passos reiste 1921 auf abenteuerlichen und verworrenen Wegen durch den schwer zugänglichen Nahen Osten. Er begegnet Missionaren, Banditen und blühenden Mandelbäumen. Nun wurde sein sensationeller Reisebericht erstmals auf Deutsch übersetzt.

Von Noemi Jenni.

Dospassos_Orienexpress_P06DEF.inddRussische Diamanten

Wir kennen die Region des Nahen Ostens aus den Nachrichten, eine Krisen geplagte, gefährliche Region, der eine gewisse mystische Aura anhaftet und deshalb noch heute viele Reisende anzieht.

1921 ist die Zeit der nationalistischen Autonomiebewegungen, die Zeit nach den ethnischen Säuberungen an den Armeniern, die Zeit nach der Russischen Revolution und vor allem eine Zeit der Armut und der Seuchen. John Dos Passos reist über Konstantinopel mit dem Schiff nach Georgien, mit dem Zug durch Armenien, mit dem Auto durch Persien und weiter über Bagdad nach Damaskus. Er scheut auch das Kamel als Fortbewegungsmittel nicht. Der Autor lässt sich ein Stück weit von Ort zu Ort treiben und schliesst zufällige Wegkameradschaften mit Predigern für den Nationalismus oder Angestellten vom diplomatischen Dienst, die ihm mit ihren Sprachkenntnissen und ihrem Verhandlungsgeschick weiterhelfen. So reist er ein langes Stück mit dem Sajjid, der als Arzt Kranke und Verwundete verarztet und diese Situationen jeweils nutzt, um zu missionieren und eigentlich als Courrier diplomatique unterwegs ist. Zusammen kochen sie im Zugabteil Tee und teilen Wassermelonen.

Der Weg geht vorbei an verbrannten Feldern, zerstörten Dörfern und verbotenen Städten. Die Bürgerkriege haben viele obdachlose hungernde Menschen hinterlassen und Krankheiten wie die Cholera breiten sich in den feuchten Hafenquartieren aus. Hat man Geld dabei, lässt sich der eine oder andere Beamte leicht bestechen, dies ist nötig, um die Reise fortsetzen zu können. Auf der Reise trifft er entthronte Adelige aus dem Russischen Reich, die ihre Pelzmäntel und Diamanten für ein Trinkgeld anbieten. Dos Passos ersteht so geschichtsbehaftete Souvenirs für seine Familie in Amerika.

Der verblassende Orient

Dos Passos schreibt in einer plastischen, präzisen Sprache, die auch Raum für Gefühle und Gedanken lässt. Wachsam beobachtet er im Detail und liest in den Gesichtern der ausgezehrten Menschen. Spannend sind seine Beobachtungen auch, weil er als Aussenstehender berichtet, dessen Nation nicht in die Kriege verwickelt ist und der somit emotional nicht Position beziehen muss. Dies zeigt sich vor allem in den wiederkehrenden Diskussionen zu den Armeniern und den Türken. Kritisch beschreibt er die Arbeitshaltung der Perser und charakterisiert sie als verschlafen. „Als Randepisode ist dieser verblassende Orient nicht immer sehr schön. Der unbeschreiblich weiche, federnde Gang eines zweihöckrigen Kamels, die alten Männer mit karminroten Bärten, die mächtigen Turbane…(p. 94)“. Diese Kostprobe veranschaulicht, wie bildhaft Dos Passos versucht, die Stimmungen greifbar werden zu lassen.

Für den Leser, der den Orient schon bereist hat, wird hier fassbar, wie fundamental die Veränderung der Region in den letzten hundert Jahren ist. Dank der langen Reise und den vielen Stationen liefert der Autor Einblicke in einen grossen Teil der Region und schildert alle Hauptstädte in ihrem damaligen Zustand. Der Reisebericht motiviert, selber auf Entdeckungsreisen zu gehen, genauer zu beobachten und aus vollem Atem zu leben.


Titel: Orient-Express
Autor: John Dos Passos
Übersetzer: Matthias Fienbork
Verlag: Nagel & Kimche
Seiten: 208
Richtpreis: 26.90 CHF

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