Joey Goebel: “Ich gegen Osborne”

Der ganz alltägliche Highschool-Wahnsinn

Joey Goebel: “Ich gegen Osborne” (Roman)

Jeden Tag, wenn er die Schule betritt, ist James Weinbach nur einer von vielen. Und ist es gleichzeitig auch nicht, denn schliesslich hebt er sich in seinem Anzug schon rein optisch deutlich von seinen Mitschülern ab. Und das ist auch gut so. Oder doch nicht?

Von Stefanie Feineis.

ichgegenosborneAuf jeden Fall soll der heutige Tag ein ganz besonderer werden. James hat sich fest vorgenommen, seine Freundin und heimliche Liebe Chloe endlich zu fragen, ob sie mit ihm zum Abschlussball geht. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse, und es wird in der Tat ein unvergesslicher Tag… wenn auch auf ganz andere Weise, als James das erwartet hat.

Grosse Enttäuschung

Noch bevor James seiner Angebeteten die entscheidende Frage stellen kann, erfährt er Unglaubliches: statt langweilige Ferien mit der Familie zu machen war Chloe mit einigen anderen Schülern beim Spring Break in der Partymetropole Panama City Beach. James ist vor den Kopf gestossen – hat Chloe ihn nicht nur eiskalt belogen, sondern ist sie in Wirklichkeit auch nur eine von ‘denen’? Den Jugendlichen, die nur an Spass und Sex denken, denen ihr Ruf bei den Gleichaltrigen wichtiger ist als alles andere? James’ Hoffnung, dass alles nicht so schlimm sein könnte, wird immer kleiner, je mehr Details und Gerüchte er von verschiedenen Mitschülern erfährt. So war Chloe angeblich nicht nur an Alkohol- und Sexexzessen beteiligt, sondern sei nun auch mit dem einst von ihr und James verachteten Streber Hamilton Sweeney zusammen und wolle mit diesem sogar auf den Schulball.

Grosse Wende

Als im Kurs für Kreatives Schreiben dann auch noch James’ Romanversuch heftig kritisiert wird, bricht seine Welt endgültig zusammen. Da er sich nicht anders zu helfen weiss, vergreift er sich am Wodka seines Spintkollegen, wird prompt erwischt und zum Schuldirektor zitiert. Doch überraschenderweise ergibt sich gerade hier die Chance zur Rache. James gelingt es, den Direktor zu überzeugen, dass der Schulball in diesem Jahr ausfallen sollte. Die Nachricht schlägt in der Schülerschaft ein wie eine Bombe und hat Konsequenzen, mit denen James selbst nicht gerechnet hätte. Eine überraschende Wendung erwartet auch den Leser etwa in der Mitte des Buches. Sah man James zunächst als rebellischen und exzentrischen “Aussenseiter aus Überzeugung”, erfährt man nun einiges über seine Familiengeschichte, das ein völlig anderes Licht auf ihn wirft. Man fragt sich unwillkürlich, ob James je eine Wahl hatte, und ob seine fehlende Anpassung an die Mitschüler in Wirklichkeit eine extreme Anpassung an seine Lebensumstände ist.

Aussenseiter oder Mitläufer?

Sind James seine Mitschüler wirklich so sehr verhasst oder sehnt er sich heimlich danach, dazuzugehören? Ist es besser, seine Individualität um jeden Preis zu bewahren, oder wird man glücklicher, wenn man sich bemüht, “ein Teil des Ganzen” zu sein? Der Roman gibt auf diese Fragen keine wirkliche Antwort, aber er stellt sie. Wieder und wieder. Wie die Figur des James fühlt sich der Leser hin-und hergerissen zwischen den unterschiedlichen Positionen, und genau wie der Protagonist ist man gezwungen, letztlich seine eigenen Antworten zu finden. Und obwohl die Kapitel des Buches nach den Schulstunden (bzw. den Fächern) benannt sind, liegt der Fokus klar viel mehr auf den Interaktionen zwischen den Schülern oder zwischen den Schülern und Lehrern als auf dem Unterrichtsstoff. Dies kann nicht nur als Anpassung an die Schülerperspektive der Hauptfigur, sondern auch als Kritik an der ‘Bildungsinstitution’ Highschool verstanden werden. Oder einfach als eine gelungene Momentaufnahme des ‘Mikrokosmos’ Schule.

Ein Buch nicht nur für Jugendliche und alle, die noch ihren Platz im Leben suchen, sondern auch für die, die diese Suche und die Schule schon hinter sich haben, vielleicht froh darüber sind (oder dies insgeheim auch ein bisschen bedauern).


Titel: Ich gegen Osborne
Autor: Joey Goebel
Verlag: Diogenes
Seiten: 432
Richtpreis: 32.90 CHF

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