Zugtanz

Zugtanz

Wenn einer eine Reise tut, kann er tanzende Menschen sehen.


Wer werktags um 07:17 in den Zug von Basel nach Luzern steigt und durch die Abteile schlendert, findet sich früher oder später einer seltsam anmutenden Szene gegenüber: im Mittelgang zwischen den dichtbesetzten Viererabteilen voller Pendler mit Kaffeebechern, Kopfhörern und 20Minuten Zeitungen findet eine ein-Mann-Disco statt.


Von Elvira Wepfer


Der 07:17 Zug verkehrt über Liestal und Olten nach Luzern – ein typischer Pendlerzug. Darin findet sich jeden Morgen ein Ceylonese, etwa 30, mit Jeans und schwarzem Hemd, einer Elvis-in-Vegas-Frisur und einem Schnauzer. Er tanzt wie wild durch den Mittelgang eines Abteils. Die Musik dazu liefert sein kleiner Laptop (ja, nicht iPod oder smartphone, sondern Laptop), den er zusammengeklappt in den Händen hält und mit dem er über Kopfhörer verbunden ist. Sein Tanzstil ist Disco, seine Hingabe  ist vollkommen, und meist hält er die Augen geschlossen und ergibt sich seiner glatten Sohle auf dem SBB-Parkett. Verwunderlich dabei ist, dass er selten bis nie mit den anderen Fahrgästen zusammenstösst – und doch sind die Reaktionen derer, die ihn sehen, sehr unterschiedlich.


Das Pendlerkonzept

Manche routinierten SBB-Kunden rollen die Augen und vergraben sich im Kaffeebecher, wenn der Zug anfährt – denn in den zehn Minuten, die der Interregio in Basel stehend verbringt, sitzt der Tänzer ganz unscheinbar auf seinem Platz und trinkt ein Red Bull. Erst wenn sich der Zug in Bewegung setzt steht der Mann auf und fängt zu tanzen an. Andere Fahrgäste schauen belustigt: das sind vor allem die, die nicht regelmässig pendeln oder normalerweise in der Basler Passarelle links gehen und die Rolltreppe zum Geleis nehmen statt der Treppe auf der rechten Seite. Und dann gibt es die grosse Masse der Menschen im Abteil, die das Geschehen komplett ignorieren: sei es, dass sie die Augen schliessen (schliesslich ist es früh morgens und Pendler dösen gern im Zug), oder aber, dass sie demonstrativ in eine andere Richtung schauen – am Besten in die 20Minuten des Sitznachbarn. Es sind dies die typischen Gesten der Pendler, ob nach Liestal oder weiter nach Olten: Augenrollen ob der Impertinenz anderer, belustigtes Zwinkern im Einverständnis und, grösstenteils, Ignoranz gegenüber allem was sich rundherum abspielt. Ein gelegentliches „yeah, yeah“ oder „whoooh“  vom tanzenden Fahrgast wirft dabei manche aus der Pendlerbahn: Augen klappen kurz auf, Kaffeebecher bleiben irritiert an den Lippen kleben, Grübchen vertiefen sich amüsiert. Seit ich selbst pendle habe ich übrigens all diese Stadien durchlaufen: ich hab gegrinst, hab mit den Augen gerollt und schliesslich weggesehen. Doch eines Tages hab ich den tanzenden Herrn angesprochen.


Tanzend durchs Pendlerleben

Auf meine schüchterne Frage, ob ich fragen dürfe, wieso er jeden Morgen im Zug tanze, hat der Srilankaner herzlich gelacht und gesagt: „Natürlich darfst du fragen! Ich tanze, weil es ein schönes Gefühl ist, und weil ich sonst jeden Morgen 10 Minuten meines Lebens verliere, wenn ich nur im Zug sitze und nach Liestal pendle.“ Und die anderen Leute im Zug? „Die wollen sich nicht unterhalten. Die sind noch am Schlafen, haha. Und wenn ich tanze, störe ich keinen.“ Wie das in seiner Heimat sei, wollte ich wissen, denn sein Akzent liess erahnen, dass er noch nicht lange in der Schweiz lebt. „In Sri Lanka? Die Leute sind sich näher, reden mehr miteinander. Dann kommen sie zu spät zur Arbeit, aber der Chef sagt nichts. Hier kommst du 20 Minuten zu spät und du kannst wieder gehen. Darum tanze ich im Zug.“ Da hab ich mir gedacht, dass ich das nächste Mal im Zug nicht mehr weg schauen, sondern wieder amüsiert lächeln werde.

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