Nikolaus Nützel: „Ihr schafft mich!“

Lieber Tarzan oder Mogli?

Nikolaus Nützel: „Ihr schafft mich! Wie andere dein Leben bestimmen. Und wie du dein Leben selbst bestimmen kannst“ (Jugendsachbuch)

Es geht an die Existenz, knabbert daran, lässt sie in unzählige Puzzelteile zerfallen und stellt die grosse Frage: „Weshalb bin ich wie ich bin und wie kann ich das wieder loswerden?“ Nützels Jugendsachbuch stellt konsequent hinter jedes „Ich“ ein „?“.

Von Noemi Jenni.

ihr_schafft_michWie, wer und wo sind wir? Und wieso überhaupt? Nützel beschreibt die Einflüsse, die von allen Seiten auf uns einprasseln, die Wirkung der Umstände und der Zeit, in die wir hineingeboren werden und was unsere Familie und Freunde mit unserer Persönlichkeit zu tun haben. Aber vor allem stellt er die Frage nach der Freiheit. Wie selbständig können wir entschieden und wie können wir unabhängiger und mehr „ich“ werden. Klar ist, es gibt uns nicht ohne Kontext.

Aus verschiedenen Blickwinkeln und Brillen betrachtet er das junge Individuum, das eben nicht wie Tarzan alleine im Urwald aufgewachsen ist und von Tieren erzogen wurde. Gesetze geben unserem Tun einen Rahmen, die Schule gibt vorherrschende Werte aus der Gesellschaft weiter, um wirtschaftsverträgliche Individuen zu kreieren. Ja, was ist denn die Gesellschaft? Nützel scheut sich nicht davor, auch mal Polit-Theoretiker und Philosophen wie Kant, Rawls oder Psychologen wie Freud mit einzubeziehen und ihre Theorieansätze gut verständlich zusammenzufassen. Der Staat, in dem wir wohnen, bestimmt viel, aber der Staat kommt auch von den Menschen und ist ein künstliches Konstrukt. Was wäre, wenn ich in einem anderen geboren wäre? Wie individuell bin ich wirklich? Wie anders kann ich sein? Und was ist denn noch normal? Wer sagt denn, was normal ist?

All diese Fragen werden gestellt, denn Nützels Prinzip ist klar: Die jungen Menschen müssen wissen, wer ihnen was vorschreibt und sie sollen sich bewusst sein, dass dies mit jeder Kaugummimarke, jeder Schulnote und jedem Verkehrsschild geschieht. Erst dann können sie wählen, ob sie sich dem unterwerfen wollen und was es für Konsequenzen hat, wenn sie es nicht tun.

Die Suche nach dem inneren Kompass

„Ihr schafft mich!“ hat hohe Ziele, denn es will nicht weniger als aufwecken. Mit vielen Illustrationen und kurzen Kapiteln soll der harte Stoff leichter bekömmlich gemacht werden. Das funktioniert aber nur teilweise. Die Thematik ist komplex und Nützels Sprache ist es manchmal auch. Seine Hinweise zu „kategorischem Imperativ“ und „Spieltheorie“ können bestimmt dazu motivieren, den Gesellschaftsforschern weiter nachzuspüren und einmal ein Lexikon in die Hand zu nehmen. Die Beispiele sind anschaulich, so wissen wir nach der Lektüre, weshalb wir heute keine Maikäfer mehr essen und uns nur zu gewissen Anlässen verkleiden. Sie greifen aber manchmal zu kurz und lassen viele neue „warums“ entstehen. Vielleicht ist das Absicht? Die kurzen Kapitel machen das Buch zwar lesbarer, sind teilweise aber auch verwirrend, denn Themen wie Freiheit, Individualität und Normativität tauchen immer wieder in neuen Kleidern auf und dann ist der Lesende gefordert, die Zusammenhänge zu vorhergehenden Kapiteln selbständig herzustellen. So ist das wohl im Leben und auch in dem Buch. Man sollte zwischendurch mal innehalten, nachsinnen und überlegen, ob das Geschriebene denn stimmt. Am besten ist es wohl, wenn lesende Jugendliche mit den Fragen aus dem Buch zu jemandem gehen können, der sie auch dazu ermuntert, weiter zu fragen und zu lesen, denn der Schluss ist das, was ich mir als Jugendliche gewünscht hätte: eine Aussicht auf das Gestalten meiner eigenen Freiheit. Doch nicht nur Jugendliche sollten sich diese Fragen stellen, auch für erwachsene Lesende kann das Buch neue Denkanstösse bieten und helfen, das Bewusstsein für uns und unsere Mitmenschen zu schärfen.

Ihr schafft mich also, aber mit meinem Einverständnis.


Titel: Ihr schafft mich! Wie andere dein Leben bestimmen. Und wie du dein Leben selbst bestimmen kannst.
Autor: Nikolaus Nützel
Verlag: Cbj
Seiten: 224
Richtpreis: CHF 28.50

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