The Last of Us (Naughty Dog/Sony)

Survival mit ganz viel Drama

The Last of Us (Naughty Dog/Sony)

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Naughty Dog ist bekannt für Spiele mit außergewöhnlicher Qualität. Mit der Uncharted-Serie haben sie sich einen Ruf erarbeitet, der enorm hohen Erwartungsdruck mit sich bringt. In The Last of Us beschreiten die Entwickler ganz andere Wege im Story-Telling. Kein cooler Spruch eines Nathan Drake, sondern knallharte Realität erwartet den Spieler. STEFAN VON DER KRONE hat alles riskiert, um darüber zu berichten.

Pilze sind eine komische Sache, Lebewesen irgendwo jenseits von Pflanze und Tier. Die einen lieben sie als Delikatesse zum Sonntagsbraten, auf der Pizza oder in der Suppe. Die anderen ekeln sich davor wegen Schimmel und anderen feuchten Gammeleien an Haus und Nahrungsmitteln. Aber Pilze können noch mehr. Im Tierreich gibt es das Phänomen des Cordyceps-Befalls, wohl hauptsächlich bei Insekten zu beobachten. Ameisen, die diesem Parasiten anheimfallen, sind nicht mehr Herr ihrer Lage. Der Pilz in ihnen steuert sie an eine möglichst gut belebte Stelle, bevor die Ameise stirbt. Aus dem Kadaver erwächst dann ein länglicher Pilz (der Cordyceps), der seine Sporen weitläufig verstreut, so andere Ameisen befällt und dabei mitunter ganze Kolonien ausrottet. (BBC-Beitrag auf Youtube)

Was hat das aber nun mit dem neuen Spiel der Uncharted-Macher Naughty Dog zu tun? Kurz und knapp: Alles! In The Last of Us wird die Menschheit von einem Pilz befallen, der hoch ansteckend ist und binnen kurzer Zeit einen Großteil der Bevölkerung dahinrafft. Die Symptome sind ganz nach Zombie-Manier: Ein Infizierter verwandelt sich in wenigen Stunden zu einem aggressiven Wüterich, der andere Menschen angreift um die Seuche weiterzureichen. Durch vier Stadien schimmelt sich der Infizierte dann fort, bis er letztendlich als sporenspeiende Pilzleiche endet.

No Country for Old Men

The Last of Us startet mit einem Prolog, der an Dramatik und Emotionalität so ziemlich alles bisherige der Videospielgeschichte in den Schatten stellt. Schnell wird eines deutlich: Das Spiel ist nichts für zarte Gemüter und erst recht nichts für Kinder. Ich hege sogar Zweifel daran, dass 18-Jährige genug Reife für diesen harten Stoff besitzen. So erlebe ich als Spieler den größten Verlust des jungen Protagonisten Joel während des Ausbruchs der Fungus-Epidemie. Die eigentliche Geschichte setzt dann 20 Jahre später in einer Bostoner Quarantäne-Zone an. Vom Alter und dem harten Leben gezeichnet steht  Joel als Schmuggler mitten im Konflikt zwischen dem Militär, das die Quarantäne-Zonen kontrolliert, und der Untergrund-Gruppe Fireflies, die mit Guerilla-Taktiken gegen das Militär kämpft.

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Wenngleich Joel nicht viel für die Gruppe übrig hat, ist seine Antipathie dem Militär gegenüber noch weitaus größer, weshalb er nach kurzer Zeit widerwillig einen Auftrag der Fireflies annimmt. Er soll die junge Ellie quer durchs Land zu einem Außenposten schmuggeln. Der Grund wird ihm zunächst verschwiegen. Ellie ist ein aufgewecktes, kleveres und neugieriges Mädchen, dass kein Blatt vor dem Mund nimmt. Vollkommen anders als Joel, der eher ruhig und verschlossen ist. Schnell stellt sich heraus, dass in Ellie mehr steckt, und die Reise durch das Land nimmt seinen Lauf – durch verlassene Kleinstädte, tödliche Hinterhälte oder weitläufige Waldgebiete. Bis hin zu einem intensiven und ungewöhnlichen Coen-esken Finale, das viel Zündstoff für Diskussionen bietet.

Survival of the fittest

Die Welt von The Last of Us wirkt sehr real, wie eine Studie zum Verfall von Städten und Siedlungen. Straßen sind mit grünen Teichen gefüllt, weil die Kanalisation nicht mehr funktioniert. Ein holzgetäfeltes Café müffelt, weil das Holz schimmelt. Wolkenkratzer stehen schief, teilweise sogar aneinander angelehnt, Brücken fallen in sich zusammen. Die Natur holt sich die Stadtgebiete zurück, überwuchert ganze Straßenzüge. Zootiere durchstreifen die Häuserschluchten, Autos rosten bis auf die Karosserie herunter.

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Im Vergleich zur Uncharted-Reihe ist The Last of Us deutlich defensiver und ruhiger. Keine mitunter nervigen Schusswechsel gegen eine Übermacht an Feinden. Stattdessen besticht das Gameplay durch Schleichen, Sammeln und Überleben – übersichtlich aber dafür hervorragend ausbalanciert. Die überwiegende Spielzeit schleicht sich Joel an allerlei Feinden vorbei und schaltet sie still und leise aus, alles andere endet meist in einem schnellen Tod. Munition ist knapp und sollte nicht verschwenderisch verschossen werden. Andere Waffen wie Molotov-Cocktails oder Nagelbomben sind effizienter, da sie gegen mehrere Gegner gleichzeitig eingesetzt werden können, wenn ich es denn schaffe, sie zusammen an einem Punkt zu locken. Als besonders hilfreich erweist sich Joels Fähigkeit die nähere Umgebung zu belauschen – eine Art Sonar. Dadurch wird das Spiel deutlich einfacher – manches Mal zu einfach, weswegen das Über-Gehör im höchsten Schwierigkeitsgrad auch erst gar nicht zur Verfügung steht.

Sam Fisher lässt grüßen

Es scheint, als sei das Gameplay grundsätzlich im Konzept von The Last of Us eher ein hintergründiges Thema. Es gibt ja gerade einmal nur einen Bossgegner. Und in der Tat ist es sehr motivierend, sich an den Infizierten vorbeizuschleichen oder in einem verwinkelten Gebiet alle Feinde auszuschalten und dann anschließend das Areal nach allem Nützlichen zu durchsuchen. Es ist ein erleichterndes Gefühl, alle Gegner in einem Gebiet ohne Waffengewalt ausgeschalten oder sich erfolgreich an Massen Infizierter vorbeigeschlichen zu haben. Als Belohnung winkt dann oft eine spannende Zwischensequenz, atemberaubend dargestellt durch die tolle Grafik. Und sollte ich dann doch einmal sterben, erkenne ich darin meist einen eigenen Fehler. Die KI leistet sich keine wesentlichen Aussetzer und unterstützt den Spieler, anstatt einen häufigen Tod zu erleiden. Das Balancing und Level-Design ist in seiner Gesamtheit außergewöhnlich gut gelungen.

Der eigentlich Fokus aber liegt auf der Geschichte und ihren Charakteren, wie sie sich entwickeln und die vielen heiklen Situationen meistern. Naughty Dog ist meisterlich im Erzählen dieser Geschichte, einer Studie über das Ende der Zivilisation. Was passiert, wenn die Gesellschaft zusammenbricht, wenn alle Regeln nicht mehr gelten? Wie weit würde ein Mensch gehen, um sich und das, was ihm das Wertvollste ist, zu beschützen? Und welche Konsequenzen hat das alles? Ganz wie in God of War 3 schaffen es die Entwickler, dass ich meine Rolle und meine Beziehung zum Charakter hinterfrage. Die Brutalität mit der Kratos sich den Weg hoch zu Zeus kämpfte, ließ mich oft an meiner Sympathie für ihn zweifeln. Und Ähnliches passiert mit Joel, dessen konsequentes und oft erbarmungsloses Handeln in mir Unbehagen hervorrief.

Survival-Training

Einen Mehrspieler-Modus gibt es natürlich auch noch. Ein Meta-Game um eine Gruppe Überlebender, die ich als Anführer durchbringen muss. Dazu muss ich in den Online-Kämpfen Vorräte sammeln, so dass meine größer werdende Gruppe möglichst komplett überleben kann. Dabei habe ich die Wahl zwischen zwei Fraktionen, den Fireflies und den Hunters. Aufgrund der menschlichen Gegner ist der Mehrspieler eine enorme Herausforderung, mitunter kann er für Anfänger sehr frustrierend sein. Mit ansteigender Erfahrung aber stellt sich dann auch der Spaß ein, wodurch das Online-Spektakel eine lohnende Ergänzung zum Hauptspiel ist.

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The Last of Us zählt mit der Uncharted-Reihe und Metal Gear Solid 4 zu den besten Exclusives der PS3 und ist allein schon ein Grund, sich Sonys Spielkiste zuzulegen. Es überzeugt die gesamte Mischung: Die schauspielerische Leistung der Darsteller, u.a. Ashley Johnson und Nolan North, der stimmig minimalistische Soundtrack, die atemberaubende Grafik und die grandiose Geschichte mit ihren vielen unterschiedlichen Charakteren ergeben ein Erlebnis, dass mittlerweile jenseits dessen ist, was noch als pures Gaming bezeichnet werden kann – inklusive Pop-Zitaten (großartig: Jurassic Park, lustig: Twilight). Es ist multimedial-interaktive Spannung vom Anfang bis zum Schluss. Was sich hier offenbart ist Kunst in all ihren Facetten. Und wer das verpasst, ist selbst schuld.

Doch eine Empfehlung zum Schluss: Ich empfehle jedem, die englische Sprachausgabe einzustellen. Die deutsche Fassung ist sicher nicht schlecht, aber die Stimmen von Ellie und Joel passen einfach nicht so gut zu den Charakteren. Joel klingt eher stumpf und Ellie wirkt manchmal, als hätte sie ihren ersten Menschen in einem Videospiel anstatt im wahren Leben getötet. Die Originalstimmen wirken viel eindringlicher und verfeinern ihre Charaktere.

Veröffentlichungsdatum: Bereits erschienen.

Originaltitel: The Last of Us
Plattformen: PS3
Genre: Survival-Action-Adventure
Entwickler: Naughty Dog
Veröffentlicht von: Sony

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