Brothers: A Tale of Two Sons (Starbreeze Studios)

Und dem Tod kann sein Reich ruhig bleiben

Brothers: A Tale of Two Sons (Starbreeze Studios)

Der Download-Titel Brothers: A Tale of Two Sons ist momentan in aller Kritikermunde. Die malerische Geschichte um zwei joypad-strapazierende Brüder ist allerorten positiv aufgenommen wurden. Was ist daran? Für uns hat sich DANIEL APPEL mit dem Kleinod beschäftigt.

Seit Urzeiten genießt der Tod eine äußerst exponierte Stellung im Kulturleben des Menschen. Ob in  Literatur, Kunst oder Film – permanent stoßen wir auf Tod, Vergänglichkeit und Trauer als einflussreiche narrative Elemente. Und auch im Videospiel ist der Tod allzeit präsent: Auf den digitalen Schlachtfeldern sämtlicher Zeitalter bringen virtuelle Wochenend-Rambos und hochauflösende Alienjäger jeden Tag ganze Legionen feindlicher Wesen um die Ecke. Thematisiert und ernsthaft reflektiert wird der Tod im Spiel dabei allerdings nur in Ausnahmefällen – jenseits des Schlachtfelds ist er gar ein beinahe vergessenes Phänomen der digitalen Unterhaltungslandschaft. Haben sich zuletzt eher kleinere Independent-Entwickler diesem ernsten Sujet genähert, treten nun auch die schwedischen Starbreeze Studios an, um mit Hilfe des Regisseurs Joseph Fares ein spielbares Statement zum Thema abzugeben. Dass sie sich auf blutige Erwachsenenunterhaltung mit filigranen emotionalen Zwischentönen verstehen, haben die Schweden dabei seinerzeit mit dem brillanten The Darkness schon eindrucksvoll bewiesen. Den Beweis, dass sie erwachsene Themen in farbenfrohe Zwei-Stick-Plattformer mit Adventure-Anteilen verpacken können, sind die Jungs und Mädels von Starbreeze allerdings bis heute schuldig geblieben. Ob ihr erster Download-Titel Brothers: A Tale of Two Sons zum Auftakt des microsoftschen „Summer of Arcade“ daran etwas ändern kann?

Der Fall der zwei Brüder

Langsam nähert sich die tief stehende Sonne dem Meer. Ihre goldenen Strahlen tauchen die  voluminösen weißen Wolken in ein warmes orangenes Licht. Die golden schimmernden Wellen branden sanft gegen die rundlichen Felsformationen des Küstenstreifens. Außer dem leisen Plätschern der Wellen und dem gedämpften Rascheln eines leichten Windhauchs in den hellgrünen Blätterkaskaden der knorrigen Trauerweide ist es ruhig auf dem kleinen Plateau hoch über der felsigen Küste. Ein warmer Sommertag neigt sich dem Ende zu und überzieht den gesamten Landstrich mit einem versöhnlichen goldenen Schleier. Auch das blonde Haar des kleinen Jungen, der auf dem Plateau kniet, glänzt goldgelb im Schein der untergehenden Sonne. Er hält den Kopf gesenkt, sein Gesicht liegt im Halbdunkel und die Spitze seines langen Schattens fällt auf einen einsamen blumengesäumten Grabstein am Rande des Plateaus. Trauer liegt in seinen Augen und beugt seine Schultern.  Er ist nicht versöhnt. Er ist nicht einmal hier. Er hockt in einem wackeligen Ruderboot, umgeben von der stürmischen Nacht. Es ist dunkel und nass. Blitze zucken über den schwarzen Himmel, während der Regen unaufhörlich vom Himmel strömt und die Wellen gegen das Boot peitschen. Er schreit. Schreit an gegen den Sturm und den Donner, das gurgelnde und schäumende Meer. Ruft panisch nach seiner Mutter, die im Meer zu ertrinken droht. Sie schlägt wild mit den Armen um sich, ruft nach ihm und streckt die Hände aus dem eiskalten Wasser. Beherzt greift er zu, riskiert das Kentern des kleinen Bootes und zieht mit der gesamten Kraft der Verzweiflung. Er stemmt sich gegen die Reling, lehnt sich mit seinem ganzen Gewicht nach hinten. Es reicht nicht. Er ist zu klein, zu leicht. Seine Muskeln versagen ihm den Dienst, die nasse Hand seiner Mutter rutscht ihm aus den schmalen, zitternden Fingern. Er weint, hört ihren letzten panischen Ruf knapp unter der Wasseroberfläche verklingen. Er sieht ihr Gesicht ein letztes Mal, bevor es in den dunklen Fluten versinkt.

Als die Wellen sie unter sich begraben, lassen sie eine ohrenbetäubende Stille zurück – trotz des Unwetters. Und Leere. Düstere, schmerzhafte Leere, die jeden Tag da ist und einen bohrenden Gedanken mit sich bringt:  Wenn er damals nicht losgelassen hätte, dann… –  der Ruf seines Bruders reißt ihn jäh aus seinen Gedanken. Er steht mit dem kranken Vater im Arm vor der Tür. Der Vater röchelt, kippt beinahe um. Erst die Mutter und jetzt auch noch der Vater. Schnell bringen die beiden Brüder ihn zum Dorfarzt, doch die Diagnose ist niederschmetternd: Er wird sterben, wenn sie nicht schnellstens das geheimnisvolle Elixier eines mysteriösen Baumes herbeischaffen, der auf dem Gipfel eines gigantischen Berges thront. Und so ziehen die beiden Brüder aus dem idyllischen Dorf ihrem Schicksal entgegen – und einem vierstündigen Märchen, in dem der Tod zum ständigen Weggefährten wird.

Jenseits des gesprochenen Wortes

Moment mal! Tote Mütter, kaum kontextualisierte sterbende Vaterfiguren und ein Streifzug durch  verwunschene Fantasy-Landschaften mit dem Ziel ein Heilmittel zu beschaffen? Klingt weniger nach erfrischender Geschichte, denn nach Genre-Standard von anno dazumal. Und tatsächlich: Der eigentliche Plot – dem titelgebenden Selbstverständnis nach ein Märchen – gewinnt keine Innovationspreise. Muss er auch nicht, denn der größere erzählerische Rahmen steckt lediglich das Feld für die vielen kleinen Erzählungen ab, die den Reiz von Brothers ausmachen. Aber der Reihe nach: Im Prinzip handelt es sich bei Brothers um einen etwas ungewöhnlichen Hybrid aus Plattformer und Action-Adventure. Etwas ungewöhnlich, weil ich über weite Teile des Spiels nicht nur die Geschicke eines Protagonisten mittels Analogstick lenke, sondern beide Brüder zeitgleich durch die malerischen Landschaften scheuche. Den großen Bruder dirigiere ich dabei mit dem linken Analogstick, den kleinen mit dem rechten, während die jeweilige Schultertaste als multifunktionaler Interaktionsbutton fungiert. In der Praxis funktioniert das nach kurzer Eingewöhnungszeit überraschend gut – auch wenn ich als Koordinationslegastheniker gerade zu Beginn einige Probleme bei schnellen Seitenwechseln der beiden Brüder hatte. Kleinere Patzer beeinflussen das Spielerlebnis allerdings ohnehin nicht weiter, da der Schwierigkeitsgrad alles andere als fordernd ist. Beide Brüder springen an den vorgesehenen Stellen selbstständig, Bildschirmtode bleiben bei den weitestgehend automatisierten Abläufen in den Geschicklichkeitspassagen die absolute Ausnahme und werden im Falle eines Falles durch die großzügige Verteilung von Rücksetzpunkten in ihren Auswirkungen massiv abgemildert. Die Schalterrätsel, wenn man das Bedienen der gelegentlich herumstehenden Armaturen mit diesem Begriff adeln möchte, dürfte dabei selbst ambitionierte Erstklässler unterfordern. Glücklicherweise ist der niedrige Schwierigkeitsgrad aber eine der wenigen fragwürdigen Designentscheidungen, die es zu bemängeln gilt und die angesichts der audiovisuellen Opulenz allerorten auch schnell vergessen ist. Denn die eindrucksvollen Landschaften, die ich auf linearen Pfaden durchwandere, mögen zwar mitunter nicht das letzte aus der aktuellen Unreal-Engine herauskitzeln – sie sind aber derart liebevoll inszeniert und stimmungsvoll ausgeleuchtet, dass ich immer wieder gerne innehalte, mich auf den Bänken an den zahlreichen Aussichtspunkten nieder- und meinen Blick schweifen lasse.

Malerische Täler, schroffe Gebirge, reißende Flüsse und atmosphärisch illuminierte Bergwerke erfreuen das Auge und wecken mehr als einmal die Sehnsucht, dieses große rätselhafte Land zu erkunden. Das eigentliche optische Highlight ist allerdings das liebevolle Artdesign der Figuren. Jenseits der etwas blassen Protagonisten, erinnert es im besten Sinne an Fable, ohne jedoch dessen kitschig-bunte Elemente aufzugreifen. Das Ergebnis vermag Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen ans Herz zu gehen und die feinsinnig überzeichnete Gestik und Mimik schafft es die Gefühle sowohl von Menschen als auch von Fabelwesen glaubwürdig zu transportieren. Fast spüre ich die Trauer eines vor mir stehenden Trolls, wenn mich seine schwermütigen Augen streifen und seine massigen, pilzbewachsenen Schultern resigniert absinken. Da Brothers auf (allgemein verständliche) Sprache verzichtet, sind es eben jene sichtbaren Gefühlsregungen, die zusammen mit der behutsam eingesetzten musikalischen Untermalung die Emotionen der Figuren auf gelungene Art und Weise transportieren. Generell zeichnen die vorwiegend leisen und melodischen, gelegentlich aber auch dramatisch aufspielenden keltischen Klänge ein subtiles akustisches Stimmungsbild und schrecken in geeigneten Situationen auch nicht davor zurück komplett zu verebben, um den eindringlichen Umgebungsgeräuschen Platz zu machen.

Eine Emotion sagt mehr als tausend Worte

Neben Gestik, Mimik und akustischer Untermalung sind es aber insbesondere die Interaktionen mit der Umgebung und anderen Wesen, die die beiden Brüder charakterisieren: Während der große Bruder gemäß seiner besonnenen Art eine ältere Dame im Dorf höflich nach dem Weg fragt, kapert der jüngere kurzerhand ihren Schaukelstuhl für ein spielerisch-schwungvolles Intermezzo. Wo der große Bruder einem eingesperrten Vögelchen etwas vorpfeift, reißt der jüngere stürmisch die Käfigtür auf und stößt ungeschickt eine Topfblume um, an der sich sein Bruder eben noch erfreut hat. Selbstverständlich haben beide Brüder aufgrund ihrer jeweiligen Konstitution auch ein individuelles Portfolio spielrelevanter Handlungsmöglichkeiten zur Hand: Schwere Hebel bedienen, Schwimmen und bei Bedarf auch mal ein Schaf stemmen, fallen in den Zuständigkeitsbereich des älteren Bruders. Flinke Hasen einfangen, sich durch enge Gitterstäbe zwängen oder über die Schultern seines Bruders höher gelegene Bereiche erklimmen, kann hingegen nur der Jüngere. So wird das gezielte Zusammenspiel der beiden Brüder an einigen Stellen im Spielverlauf zwingend erforderlich. Leider hält sich die Anzahl und der Abwechslungsreichtum dieser Passagen in engen Grenzen und auch über die spielmechanisch-relevanten Bereiche hinaus kann ich kaum eine Interaktion zwischen den beiden Brüdern herbeiführen um ihr emotionales Verhältnis zu gestalten. Und dabei nähern wir uns hier der Kernkompetenz von Brothers: Den Emotionen. Wie bereits erwähnt sind es die kleinen Erzählungen die den beschwerlichen Weg der beiden Brüder zu einem emotionalen Erlebnis werden lassen. Das beiläufige Geschehen am Wegesrand und die kleinen Regungen von Menschlichkeit und Hoffnung in einer großen, rauen und vom Tod gezeichneten Welt. Da gibt es eine Gruppe kleiner schwarzer Hasen, die ein einzelnes weißes Häschen ausgrenzen. Greife ich beherzt zu und färbe es schwarz ein? Falls ja, findet es Aufnahme in die Gruppe und tollt mit den anderen Hasen über die Wiese. Da gibt es einen hilfsbereiten, aber todtraurigen Troll, der mutterseelenallein vor einer Hütte mit zwei Betten steht – und eine unheimlich unaufgeregte Wärme, wenn ich seine Frau aus den Fängen zyklopenhafter Bergbewohner rette und die beiden sich stumm mit Tränen in den Augen in die Arme schließen. Da gibt es einen Mann, der sich just im Moment meines Erscheinens aufhängt. Gehe ich vorüber oder greife ich ein? Entscheide ich mich für Letzteres, erahne ich im Anschluss was ihm widerfahren ist: Neben seinem niedergebrannten Haus liegen, dürftig von einer Decke verhüllt, die verkohlten Überreste von Frau und Kind. Schluchzend bricht der Mann zusammen. Ist wirklich sein gesamtes Leben den Flammen zum Opfer gefallen? Nein. Es ist etwas heil geblieben und wenn die ersten Töne aus der kleinen Spieldose seines Kindes erklingen, dann liegt da für einen kleinen Augenblick so etwas wie Hoffnung in der Luft. Hoffnung darauf, dass vielleicht noch etwas mehr in dieser großen, rauen Welt heil geblieben sein könnte.

Brothers ist voll von diesen kleinen faszinierenden Momenten. Voll von Situationen, die zeigen, dass nichts in der Welt nur schwarz oder weiß ist. Gerade vor diesem Hintergrund ist es schade, dass das Verhältnis der beiden Brüder zueinander nur so spärlich beleuchtet wird. Eine gewisse Nähe zwischen den beiden wird in den sparsam eingesetzten Cutscenes zwar deutlich, aber warum kann ich meinen kleinen Bruder nicht in den Arm nehmen, wenn ein freundlicher kleiner Hippogreif kurz nach seiner Befreiung seinen Verletzungen erliegt? Und warum entbrennt nur auf dem rätselhaften Schlachtfeld voller dahingeschiedener, blutüberströmter Riesen ein einziger kleiner Disput über die Vorgehensweise der beiden Brüder bei ihrer Reise? Warum versäumt es Starbreeze gerade das emotionale Potenzial der beiden Protagonisten über weite Teile des Spiels zu nutzen? Dass es nicht an mangelnden Fähigkeiten liegt, illustrieren die Schweden mit dem hervorragend inszenierten Finale fernab der meisten Hollywood-Klischees. Hier rücken sie die Beziehung der beiden Brüder noch einmal in den Mittelpunkt und wetzen damit die entsprechende Scharte wenigstens etwas aus. Trotz der ungenutzten erzählerischen Potenziale und der spielmechanischen Defizite darf man Starbreeze also gratulieren: Zu einem malerischen und emotional erwachsenen Märchen, dass die Zwischentöne nicht vergisst. Und zu einem atmosphärischen Kleinod, dass dem Spieler aufzeigt wie wichtig es ist, etwas heiles in einer Welt zu suchen, die wie unsere eigene ist: Groß, rau und vom Tod gezeichnet.

 

Titelangaben:

Veröffentlichungsdatum: Bereits erschienen (XBox 360); 28.08.13 (PC, PS3)

Originaltitel: Brothers: A Tale of Two Sons

Plattformen: Xbox 360/Playstation 3/PC

Entwickler: Starbreeze Studios

Veröffentlicht von: 505Games


Offizielle Website: http://de.brothersthegame.com/

Entwickler-Website: http://www.starbreeze.com/

Publisher-Website: http://www.505games.com/

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