Hartmut Abendschein: „Schellendiskursli / Schellenexkursli“

Poetische, gewöhnungsbedürftige Kost

Hartmut Abendschein: „Schellendiskursli / Schellenexkursli“ (poetische Analyse)

„Schellendiskursli / Schellenexkursli“ nimmt sich des bekanntesten Bilderbuchs der Schweiz – „Schellenursli“ – an und analysiert dieses sowohl sprachlich wie auch inhaltlich. Nachgezeichnete Illustrationen von Kindern runden das Werk ab.

Von Luzia Zollinger.

schellendiskursli„weit von hier wo immer hier sei, andernortalso wie wir das bübchen, oben wo die luft so dünn, das bübchen erst getauft und neu benamst“, mit diesen Worten beginnt „Schellenursli, welches zu den bekanntesten Bilderbüchern der Schweiz gehört. Nein, so beginnt doch nie und nimmer dieses Buch, werden Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, bestimmt sagen. Und Sie haben Recht. Das Buch, um das es hier geht, ist nämlich eine poetische Analyse des ursprünglichen Werkes. Die Kommas fehlen in der Analyse, sie wurden nachträglich lesbarkeitshalber eingefügt.

„Schellenursli“ wird zerlegt

Der Germanist und Anglizist Hartmut Abendschein hat sich intensiv mit „Schellenursli“ auseinandergesetzt. Und zwar keineswegs nur im Sinne einer heilen und schönen Kinderwelt. Nein, hier wird linguistisch und inhaltlich beinahe alles in seine Einzelteile zerlegt. Daran muss man sich als Leser erst gewöhnen. Und ohne Kenntnisse des ursprünglichen Kinderbuches wäre man restlos überfordert und verloren.

Unterteilt ist das Buch in drei Bereiche: Schellendiskursli, Schellenexkursli und Schellendisko. Der erste Teil beinhaltet jeweils zwei Textteile sowie eine Illustration in Form einer Kinderzeichnung. Die Kinder im Alter von vier bis acht Jahren durften aus dem Originalbuch eine Zeichnung auswählen und sie nachzeichnen. Im zweiten Teil untersucht und analysiert Abendschein jeweils ein bis zwei Elemente wie Themen, Motive oder Aussagen genauer. Genau genommen könnte man sagen, dass man als Leser eine klassische Studie über ein literarisches Werk präsentiert bekommt. Der letzte Bereich ist ein Nachwort der Schriftstellerin Elisabeth Wandeler-Deck. Der Text ist schon fast wieder eine Analyse der Analyse von Abendschein: „Wird wirklich, wie von mir erinnert, Ursli im Glück erzählt? Nicht dem Muster von Hans im Glück entlang geht die Geschichte, nein, Ursli macht sich sein Glück selbst. Nicht die Bescheidenheit des Alpenlebens ist der Clou, sondern das Lob des Tüchtigsten, der das Grösste im Regelbruch sich verschafft aus eigener Entschlossenheit und Kraft und damit die erste Position gewinnt. Denn die Reihung der Buben geht nicht mehr nach der Körpergrösse, sondern nach der Grösse der Trycheln, zugesprochen im Regelfall, ergattert in Urslis Fall.“

Für Freunde der Sprache und des Hinterfragens

Wer bei dieser Lektüre an süffiges Lesen gedacht hat, wird bestraft. Einfach ist das Buch ganz und gar nicht. Aber das muss es auch nicht sein. Nicht nur Linguisten und Sprachwissenschaftler werden ihre Freude am Buch haben, sondern auch generell Interessierte an der Materie und Menschen, die Texte kritisch hinterfragen. Zudem eignet sich „Schellendiskursli / Schellenexkursli“ auch als Lehrbuch darüber, wie man Texte zerlegen und analysieren kann.


Titel: Schellendiskursli / Schellenexkursli
Autor: Hartmut Abendschein
Verlag: edition taberna kritika
Seiten: 92
Richtpreis: CHF 17.00

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