Harlan Coben: “Wer einmal lügt”

Weglaufen zwecklos

Harlan Coben: “Wer einmal lügt” (Thriller)

Megan Pierce lebt ein ganz normales, glückliches Leben als amerikanische Vorstadthausfrau. Ein liebender Ehemann, zwei Kinder, ein grosses Haus, schicke Kleider – es könnte alles so perfekt sein, gäbe es da nicht ein düsteres Geheimnis in ihrer Vergangenheit.

Von Stella Feineis.

wereinmallügtWenn es nach Megan ginge, dann würde niemand je erfahren, was für ein Leben sie vor über 17 Jahren führte. Denn statt einen Collegeabschluss zu machen, von dem sie ihrem Mann und dessen Familie erzählt hat, verdiente sie damals unter dem Namen Cassie ihr Geld als Stripperin in einer zwielichtigen Bar in Atlantic City.

Eine Nacht, die alles ändert

Freiwillig hätte Megan dieses Leben niemals aufgegeben, nicht einmal, als einer ihrer Stammgäste sie wiederholt verprügelte und demütigte. Erst als sie eines Nachts vor der Leiche genau dieses Stammgastes steht, ergreift sie Hals über Kopf die Flucht. Aus Angst vor der Rache des Mörders ändert sie ihren Namen und ihre Geschichte. Ihren zukünftigen Ehemann, den sie wenig später kennenlernt, belügt sie von Anfang an. Und obwohl sie sich insgeheim manchmal nach dem freien und unabhängigen Leben zurücksehnt, ist sie froh, dass sie die Vergangenheit erfolgreich hinter sich lassen konnte. Doch dann erhält sie einen Telefonanruf: Eine Ex-Kollegin aus dem Stripclub behauptet, sie habe das damalige Mordopfer gesehen. Wird sich Megan endlich ihrer Vergangenheit stellen, oder läuft sie wieder davon?

Der Schatten der Vergangenheit

Nicht nur für die ehemalige Stripperin scheint die Vergangenheit nicht zu ruhen. Detective Broome versucht, einen Mord aufzuklären, und kommt dabei nach und nach einer ganzen Mordserie auf die Spur. Der Fotograph Ray Levine, der einst in Cassie verliebt war, verdient inzwischen sein Geld als ‘Mietpaparazzo’ für Möchte-gern Promis. Doch dann wird er überfallen und sein Film wird gestohlen. Hat er ebenfalls etwas gesehen, was er nicht sehen sollte, und dies sogar im Bild festgehalten? Gleichzeitig versucht ein verzweifelter Vater alles, um seinen einzigen Sohn zu finden, der scheinbar wie vom Erdboden verschwunden ist. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, illegale Kontakte zu nutzen, was letztlich dazu führt, dass ein Psychopathenpärchen für ihn nach Spuren sucht und dabei selbst eine Blutspur hinterlässt. Und irgendwie sind alle diese Schicksale mit demjenigen Megans verbunden.

Okay, aber…

Ein schlechtes Buch ist Cobens neuester Thriller garantiert nicht. Dennoch lässt sich das Buch – entgegen dem Verlagsnamen – etwas zu leicht aus der Hand legen. Man fragt sich fast unwillkürlich, woran das liegen mag – schliesslich hat man hier mehrere Handlungsstränge, die sich abwechseln und zum Teil verknüpfen, und fast jedes Kapitel endet mit einem Cliffhanger. Aber eine spannende Handlung alleine macht eben noch keinen guten Thriller. Das grosse Manko des Buches sind seine Figuren. Egal ob Haupt- oder Nebenrollen – alle sind mit flachen, meist stereotypen Charakteren besetzt, die entweder von Anfang an unsympathisch sind oder bis zum Ende der Lektüre völlig fremd bleiben. Und wenn sich der Leser nicht für die Figuren interessiert, warum sollte ihn dann deren Schicksal kümmern?

Ein gutes Buch für Fans von Harlan Coben; für Leser, die tiefgründige Figuren bevorzugen, eher nur ein weiterer Betrag zur grossen Masse der mittelmässigen Thriller.


Titel: Wer einmal lügt
Autor: Harlan Coben
Übersetzung: Gunnar Kwisinski
Verlag: Page&Turner
Seiten: 448
Richtpreis: 21.90 CHF

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