Barbara Piatti: “Es lächelt der See “

Den Lesemuffeln Beine machen

Barbara Piatti: “Es lächelt der See. Literarische Wanderungen in der Zentralschweiz. Luzern – Vierwaldstättersee – Gotthard“ (Sachbuch)

Mit 14 literarischen Wanderungen in der Zentralschweiz entwirft Barbara Piatti in Es lächelt der See eine Kulturlandschaft, die nicht nur geologisch-morphologisch definiert ist. Wie vielfältig diese Gegend auch literarisch ist, scheint bis heute kein grosses Publikum interessiert zu haben. Jetzt können wir uns mit diesem Buch auf den Weg danach machen. Schon während des Lesens kribbelt es einen unter den Füssen und man möchte losziehen: in Richtung Vierwaldstättersee, Bürgenstock, Pilatus, Schöllenenschlucht und so fort.

eslaecheltderseeDas Buch ist als Teil eines umfassenderen Forschungsprojekts mit der Bezeichnung „Literarischer Atlas Europas“ der ETH Zürich entstanden. Mit der Frage „Wo spielt Literatur und weshalb spielt sie dort?“ beginnt für die Autorin die geografische Lokalisierung von Literatur. So breitet sich im wahrsten Sinne eine Kulturlandschaft aus, die assoziativ die beschriebenen Orte mit den realen Orten vergleicht und so neu erfahren werden kann. Auch Kennerinnen und Kenner der Zentralschweiz werden also viel Neues zu entdecken haben. Ein ausführlicher Serviceteil gibt zur erwähnten (und keinesfalls vollständigen) Literatur ergänzende Lektürehinweise, Anfahrtswege, Marschzeiten der Etappen, Übernachtungs- und Einkehrmöglichkeiten sowie einen halb ernsten, halb scherzhaften “Fiktiometer”, der die Übereinstimmung zwischen Erfundenem und Realität bemisst.

Wanderungen ohne Gewähr

Ob es sich bei den erwähnten Orten in der Literatur um reale oder fiktive Orte handelt, mag daselbst nicht von Bedeutung sein. Für Literatur-Wanderungen ist es das sehr wohl. Was, wenn der Ort, zu dem ich wandern will, aufgrund der Angaben im Roman oder einer Erzählung am Ende nicht auffindbar ist oder gar nicht vorhanden ist? Und was, wenn anstelle des beschriebenen Sonnenscheins oder der schönen Winterlandschaft, der Weitsicht auf die Berg- und Seenlandschaft doch Regen, Hagel oder Schnee fällt oder Nebel liegt? Auch Barbara Piatti meint dazu: Literaturtouristische Wanderungen seien voller Tücken und ein hoffnungsloses Unterfangen, wenn man es auf Deckungsgleichheit von Text und Landschaft abgesehen habe.

So wird man mit Gertrud Leutenegger in “Der Tod kommt in die Welt“ (1985) eine ganz andere Landschaft um Schwyz herum vorfinden als etwa bei Meinrad Inglin in seinen Entstehungserzählungen von Schwyz im Zyklus “Jugend eines Volkes“ (1933). Dort die Verwüstung durch den Autobahnbau in den 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts entlang des Lauerzersees und durch den Bergsturzwald, hier die Gründung von Schwyz durch den Alemannen Swit um 500, für die viele Wälder gerodet werden mussten. Ein Schwyz, das wohl nicht wiedererkannt würde, stünden da nicht noch die markanten Berge, allen voran die beiden Mythen.

Bekannte und bekanntere Autoren in der Zentralschweiz

Literatur erlebbar zu machen, ihr also nicht in einer blossen Lesung, sondern an den Schauplätzen selbst auf die Spur gehen, erhält mit diesem Buch einen neuen Sinn. Am Zugersee erfährt man mit Thomas Hürlimann (Der Seemüüggel, 2009) und Tim Krohn (Quatemberkinder, 1998) die Unterwasserwelt oder mit F. Scott Fitzgerald (Zärtlich ist die Nacht, 1934) eine Krankenhausgeschichte, die so städtisch anmutend gar nicht im Zugerland hat passieren können. Wir erfahren das Vorhandene auf eine ganz und gar neue Weise, sie verändert oder verzaubert es gar und wir werden nicht mehr am Ufer des Zugersees stehen können, ohne uns an die Unterwasserstadt von Hürlimann und Krohn zurückzuerinnern. Vielleicht vermischen sich dabei auch diese beiden Texte zusätzlich zur Vermischung mit der Realität und legen so eine weitere, jedem Wandernden und Lesenden ganz persönliche Landschaft an. Und auch beim Spaziergang vorbei an der Klinik in Oberwil werden wir in einem Fenster Nicole, die Gattin des nach Zug berufenen Arztes Dick Diver, zu erspähen versuchen, die längst nicht mehr – beziehungsweise nie – dort steht und gestanden hat, wie sie Fitzgerald in seinen Text einbringt.

Ausgetretene und unbekannte Wege entdecken

Doch auch auf breiter ausgetretenen Pfaden wie etwa der Rigi, des Rütli oder der Schöllenenschlucht gibt es mit diesem Buch noch sehr viel zu entdecken. Mark Twain schreibt über die Rigi in “Bummel durch Europa“ (1880), ebenso Alphonse Daudet in “Tartarin in den Alpen“ (1885). Die fiktiven Erlebnisse an diesem Berg finden oft bei schlechtem Wetter statt, was man sich dort nicht wünscht, denn die Aussicht von der Rigi ist bei gutem Wetter fast nicht zu überbieten. Ob man sich also trotzdem bei schlechtem Wetter auf den Weg dahin macht?

Gottfried Keller wiederum führt uns in die Freiheitskämpfe der Nidwaldner. Sie haben sich am „Tag des Untergangs“, am 9. September 1798, Napoleon entgegenstellt, der der Eidgenossenschaft eine einheitliche Verfassung aufzwingen und sie zentralistisch organisiert haben wollte. Der Widerstand in Nidwalden war gross. Hunderte Frauen, Kinder und Männer mussten bei diesem Kampf um ihre Freiheit rund um den Bürgenstock das Leben lassen, so auch das eben vermählte Kellersche Paar Aloisi und Clara, die für dieses grosse Leid stellvertretenden Protagonisten in der Erzählung “Verschiedene Freiheitskämpfer“ (1863). Sie berichtet über die tragische Liebesgeschichte während des “Tags des Untergangs“. Und auch eine weitere Tragödie, die um den Sohn eines Wildhüters, handelt vom selben Tag. In der Schlusssequenz von Peter Motrams phantastischem Roman „Der Tag der nicht im Kalender stand“ (1979) erfährt der Vater aus dem Mund eines sterbenden Kämpfers, dass dieser vor Jahren seinen Sohn vom Felsen gestossen hatte. Es war ein Kampf zwischen Wilderer und Wildhüter, den der Vater von Ferne miterleben musste, bei dem er aber nicht eingreifen konnte.

Wie spannend wäre es auch hier, sich auf den Wegen des Bürgenstocks wandernd diese Geschichte(n) vorzustellen und die möglichen Wege  – die teilweise genau, teilweise weniger genau in der Literatur beschrieben werden – abzulaufen und sich die eine oder andere Szene vorzustellen.

Sofort losziehen

Es ist eine unglaublich packende Unternehmung von Barbara Piatti, die einsamen Lektüren auf eine Landkarte zu zeichnen, sie dann so weit wie möglich zu vervollkommnen, indem sie die Wege erkundet und erkenntnisreich dokumentiert. Viele Orte, die man in diesen Wanderungen als Zentralschweizerin zu kennen glaubte, eröffnen einem ganz neue Kenntnisse und man möchte sogleich losziehen, oder doch zuerst die erwähnte Literatur lesen – oder beides? Auf keinen Fall untätig bleiben, sondern Wochenenden planen, verplanen und vor-lesen und auch auf den Wanderungen mitlesen, mitdokumentieren und vielleicht sogar ergänzen und eigene Erfahrungen anmerken.


Titel: Es lächelt der See. Literarische Wanderungen in der Zentralschweiz. Luzern – Vierwaldstättersee – Gotthard
Autorin: Barbara Piatti
Verlag: Rotpunktverlag
Seiten: 448
Richtpreis: CHF 45.-


Im Netz

Informationen zum literarischen Atlas Europas mit Informationen, Kartenbeispielen und Aufsätzen gibt es unter:
www.literaturatlas.eu

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.