Henriette Vásárhelyi: „Immeer“

Kalte, blaue Zwischenzeit

Henriette Vásárhelyi: „Immeer“ (Roman)

Eva schwimmt in der Trauer, sie taucht darin und vergisst manchmal zu atmen. Doch das erfahren wir erst mit der Zeit, erst wenn die Mosaiksteinchen beginnen ineinanderzugreifen, aus denen der Debutroman „Immeer“ besteht.

Von Noemi Jenni.

VasarhelyiImmeer-US-4.inddEs ist Sommer, der Strand auf Elba ist heiss, bevölkert und Eva ist ein Teil davon. Die Ostsee oder das Mittelmeer, für sie ist es Meer und im Meer schwimmt Jan und trägt sie in ihren Erinnerungen zurück. Er führt sie Stück für Stück in das Leben, das sie hierhin, nach Elba gebracht hat. Hier ist sie mit Monn.

Jan wurde Evas Freund, und auch der Freund von Heiner. Doch dann hatte Jan einen Gehirntumor. Eva begleitete ihn bis zum Tod und weiter, denn sie kann ihn nicht gehen lassen. Sie ruft immer wieder seine Handynummer an, nachdem er gestorben ist, in der Hoffnung, dass er vielleicht doch abhebt. Doch am anderen Ende der Leitung ist nun Monn. Sie beschliessen einander zu treffen und eine Beziehung entsteht, langsam und durchbrochen von Jans Präsenz. Denn auch Monn kennt Heiner und das erschwert alles, denn mit Heiner hat Eva eine komplexe und schwierige Vergangenheit, die sie eigentlich hatte ruhen lassen wollen.

Eva muss aus ihrer Wohnung ausziehen und sich gleichzeitig von Jans Habseligkeiten trennen, denn mitnehmen kann sie die nicht. Sie packt Kisten ein und wieder aus, hängt fest.

Tote Fliegen fliegen nicht

Der Roman ist verwirrend, aufwühlend und tief. Wir schwanken mit Eva zwischen dem Jetzt mit Monn und dem Damals mit Jan, das so unverarbeitet und roh immer  wieder hervorquillt und droht überhand zu nehmen.

Nichts ist Zufall und wie ein Liedrefrain kommt es stets wieder, dieses: „Jan schwimmt mit grossen Zügen aufs Meer hinaus. Er dreht sich auf den Rücken. Er hebt den Kopf und winkt mir umständlich zu. Ich sehe ihm nach“. Ein Bild, das in Evas Kopf immer wieder auftaucht und sich durch die Repetition auch in den unseren einbrennt. Die Autorin versucht sich nicht als allwissende Erzählerin und lässt ihren wenigen Figuren etwas Geheimnisvolles und Entrücktes.

Das Buch ist ein Abschied, ein langer, schmerzender und unmöglicher. Denn die Angst, dass Abschied auch Vergessen sein könnte, sitzt tief in Eva.

In eine wunderbar poetische Sprache gegossen, die bewusst durch harte Milieuausdrücke gebrochen wird, zieht uns die Geschichte in ihren Bann. Dieser Stil fasziniert und ist gleichzeitig ein Abbild des Lebens der Hauptfigur Eva und ihrer inneren Spannungen. Die liebevolle Sorgfalt, mit der die Autorin die Erzählung konstruiert, ist in jedem Satz spürbar. Henriette Vásárhelyi hat mit ihrem Erstling ein kleines Kunstwerk, ein trauriges Juwel geschaffen, das wir nicht so schnell vergessen werden und können, denn Jan schwimmt und winkt uns umständlich zu.

Gespannt können wir auf weitere Erzählungen von Henriette Vásárhelyi hoffen.


Titel: Immeer
Autorin: Henriette Vásárhelyi
Verlag: Dörlemann
Seiten 192
Richtpreis: CHF 26,00

Ein Gedanke zu „Henriette Vásárhelyi: „Immeer“

  • 23.02.2015 um 15:33
    Permalink

    Es gibt Bücher, bei denen ist ein langer Atem von Nöten, um bis zum Ende durchzuhalten – “immeer” gehört – dem originellen Titel zum Trotz – leider da dazu. Ein seltsamer Roman, der keinerlei Identifikationsraum bietet – bewusst nicht, wie schon der Klappentext suggeriert – und damit verfehlt er dann auch eine der wichtigsten Funktionen die gute Literatur innehaben kann, nämlich uns zu helfen, unsere Leben besser zu verstehen: “[…] it’s only through narrative that we know ourselves as active entities that operate through time” (Edwin. A. Abbott). Einziger Pluspunkt: Die teilweise lebendige und kunstvolle Sprache hebt sich vom tristen Inhalt ab. Fazit: Wer Literatur einzig der Sprache wegen geniessen kann ist hier gut beraten – wer auch noch griffige Charaktere, einen roten Faden und eine fesselnde Geschichte sucht, ist hier definitiv falsch!

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