Justin Torres: „Wir Tiere“

Die drei Musketiere

Justin Torres: „Wir Tiere“ (Roman)

Sie sind wild, hungrig und halten immer zusammen. Die drei Brüder aus Brooklyn, von denen Justin Torres in seinem ersten Roman erzählt, kommen aus einer Familie, in der Gewalt und Liebe nahe beieinander liegen. In einer messerscharfen, manchmal rauen und manchmal herzzerreissenden Sprache wird in „Wir Tiere“ die Geschichte vom Erwachsenwerden und von Familienbanden erzählt.

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Von Louanne Burkhardt.

Die drei Jungen haben schon einiges gesehen in ihrem kurzen Leben: Die Mutter arbeitet Nachtschicht, ist klein und zerbrechlich und weiss oft nicht, ob gerade Tag oder Nacht ist. Der Vater trinkt, prügelt und verschwindet immer mal wieder von Zuhause. Sie ist eine Weisse, er ein Puerto Ricaner.  Als ihr erster Sohn zur Welt kam, war sie vierzehn und er sechzehn.

Kindheit zwischen Chaos und Liebe

Durch die Augen des jüngsten der drei Brüder bekommt der Leser einen Einblick in eine Familie aus Brooklyn, die am Rande des Existenzminimums lebt. Der Leser begleitet die drei Jungen, wenn sie um „ihren“ Block ziehen, aus Müllsäcken gebastelte Drachen steigen lassen und sich gemeinsam gegen die Welt oder gegen die Eltern verschwören. Dass Gewalt und Chaos nicht die einzigen prägenden Elemente der Kindheit der Brüder sind, wird schnell klar: Diese Familie wird zusammengehalten von einer unverblümten Liebe, die stärker ist als Armut, Alkohol und Arbeitslosigkeit. Aber es ist auch die Liebe, die verletzt. Und verletzt und versöhnt wird viel in dieser jungen, leidenschaftlichen Familie.

Erwachsenwerden mit Höchstgeschwindigkeit

Die Mutter will nicht, dass ihre Söhne erwachsen werden: „Grosse Jungs lieben anders als kleine Jungs lieben – auf harte Jungs musst du hart reagieren“. Aber genau das tun die drei Brüder den ganzen Roman hindurch; sie finden heraus, was es bedeutet, ein Mann zu werden. Sie prügeln, raufen, spucken und fluchen. Sie schauen zu, wie ihre Mutter tagelang schwach wie ein kleines Mädchen im Bett liegt und sie schlafen auf dem Boden vor Automaten, während der Vater Nachtwache hält. Dem Elend, der Gewalt und der Sexualität ausgeliefert, lernen die Brüder, dass das Leben und die Liebe kompliziert sind und aus zärtlichem Kitzeln Schläge werden können und umgekehrt.
Dass die unzertrennlichen Brüder am Ende durch das Anderssein und das Klugsein des jüngsten Bruders in Neid auseinandergerissen werden, scheint fast unvermeidbar. Aus den Kindern werden schlaksige, hohlwangige Teenager, die sich mit einer Flasche Whiskey in das harte Erwachsenenleben ihrer Eltern stürzen – oder aber diesem zu entkommen versuchen.

Starke, reduzierte und unverkennbare Sprache

„Wir Tiere“ ist ein halb autobiographischer, halb fiktiver Roman und besticht mit einer Sprache, die sich durch Reduktion und Direktheit auszeichnet. Justin Torres schreibt so, wie die Jungen leben: hart, intensiv und ohne Umschweife. Der Roman besteht aus kurzen, bildhaften Szenen aus der Kindheit der drei Brüder, die den Leser jeweils kurz in diese Welt hineinschauen lassen, in welcher Glück und Verzweiflung so nahe beieinander liegen und manchmal gar nicht mehr auseinandergehalten werden können. Der Jungautor schreibt in einem unvermittelten und eindringlichen Tonfall, der uns das Lachen, Weinen und Fluchen der fünfköpfigen Familie hören und nicht mehr vergessen lässt. „Wir Tiere“ macht weh und glücklich zugleich.


Titel: Wir Tiere
Autor: Justin Torres
Aus dem Englischen von: Peter Torberg
Verlag: DVA
Seiten: 164
Richtpreis: 24.50 Fr.

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