Susanne Steffen: “Der Windel-Samurai”

Ein japanischer Papa-Pionier

Susanne Steffen: “Der Windel-Samurai” (Sachbuch)

Es ist ja schon eine Seltenheit, wenn in Europa Väter Erziehungsurlaub nehmen, der die Dauer von ein paar Wochen überschreitet. Wenn aber ein Japaner in seiner Heimat zwei Jahre desselbigen beantragt, damit seine Frau arbeiten kann, dann gleicht dies einer Jahrhundert-Sensation.

Von Tamara Beck.

der_windel_samuraiAls Ryunosuke erklärt, dass er Erziehungsurlaub nehme glaubt seine Frau an einen Scherz und lacht. Doch er meint es ernst. Was sich erst wie eine Schnapsidee anhört, nimmt ganz langsam seinen Lauf.
Jeder, der ein bisschen Ahnung vom Land der aufgehenden Sonne hat, weiss, dass die Rollenverteilung in Japan wie so vieles noch sehr traditionell gehandhabt wird. Nicht nur kümmern sich die Frauen allein um Kinder und Haushalt, nein, die Firma ist in dieser Leistungsgesellschaft, die ein Wort für “Tod durch Überarbeitung” (karô-shi) kennt, auch fast mehr “Familie” für einen Mann als Frau und Kinder. Denn Überstunden, Verzicht auf Urlaub und zahlreiche Firmenanlässe in der spärlichen Freizeit gehören zum normalen Arbeitsalltag eines salary-men.

Eine Revolution

Kein Wunder also, dass Ryunosuke nicht nur bei seiner Frau auf Verwunderung stösst. Trotzdem ist Erziehungsurlaub für Väter möglich und die deutsch-japanische Familie ist wohl eine der allerersten, die das traditionelle Rollenmodell über den Haufen wirft wie ein Sumo-Ringer den anderen.

Susanne Steffen erzählt humorvoll und lebensnah aus dem etwas anderen Familienalltag in einer uns eher fremden Kultur. Wir erfahren nicht nur, wie sich Ryunosuke als Erzieher schlägt, sondern auch, was es in Japan rund ums Kind(erkriegen) für Rituale und Gepflogenheiten gibt.

Von ôbento und Fukushima

Der Leser verfolgt grinsend, wie sich Ryunosuke heldenmutig in den Kampf um das niedlichste ôbento (Lunchbox) für den Kindergarten begibt, schmunzelt, als die Eltern der Autorin einen Kulturschock erleiden und verfolgt angespannt, wie die Familie Fukushima erlebt.

Leider erklärt sie am Schluss des Buches, dass sie es mit Wahrheit und Chronologie nicht ganz so genau genommen hat, um ihren Mann zu schützen. Das mutet etwas seltsam an und schmälert die “Heldentat” ihres Mannes doch ein wenig, zumal man sich fragt, wovor er denn geschützt werden muss, dürfte er doch Vorbild für eine neue Generation von japanischen Vätern sein. Und eines ist sicher: die wird kommen, wenn auch mit sehr gemächlichen Schritten… Als Ryunosuke nach rund 3,5 Jahren Erziehungsurlaub zurück in die Mühlen der Arbeit schreitet, hat sich viel getan. Sein ehemaliger Chef ist stolz, die Kollegen bewundern ihn und seinem Antrag auf Teilzeitarbeit wird sofort stattgegeben – ein erfolgreicher Wiedereinstieg!


Titel: Der Windel-Samurai. Mein verrücktes Familienleben in Japan
Autorin: Susanne Steffen
Verlag: Rowohlt Taschenbuch-Verlag
Seiten: 256
Richtpreis: CHF 13.50

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