Saints Row IV (Volition/Deep Silver)

Die abgrundtiefe Spielzeugkiste

Saints Row IV (Deep Silver)

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Saints Row IV hat eine turbulente Reise hinter sich. Einst als DLC angekündigt, dann mitten in der Entwicklung durch die Pleite von THQ von einem anderen Publisher gekauft und schlußendlich als eigenständiger vierter Teil auf den Markt gekommen. Und das noch kurz vor dem (mittlweile erschienenen) großen Konkurrenten GTA 5. NORMAN VOLKMANN betrat die ehemalige Dominatrix und stellte sich dem Wahnsinn, der Saints Row IV ist.

Als ich 6 oder 7 Jahre alt war, spielte ich, wie wahrscheinlich viele Gleichaltrige damals, sehr häufig mit meinen unzähligen Actionfiguren. Das waren mal die alten Cowboys und Indianer, die ich von meiner Vater bekommen hatte , Ritter in einer Festung aus Plastik oder moderne Figuren: Power Rangers, Turtles und Batman. Nahezu jedes Mal gab es feste Regeln, die beim Spielen beachtet werden mussten. Cowboys und Indianer konnten nicht fliegen oder Laserkanonen besitzen, sie beschossen sich ganz klassisch mit Pistolen, Gewehren oder eben Pfeil und Bogen, hatten Pferde und Kutschen. Die Turtles kämpften gegen Shredders Schergen, die Power Rangers gegen Bösewichte und Monster aus ihrem Universum (oder zumindest gegen solche, die den heimischen Ungetümen ähnlich sahen). Gerade wenn man nicht alle Figuren aus einem Set hatte und auch bei den Kumpels nicht viel zu holen war, achtete man schon damals darauf, dass alles mehr oder weniger Sinn machte.

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Natürlich gab es aber auch jene Tage an denen alle ihre liebsten Figuren dabei hatten und man alle Universen verschmolz. Häufig endete das in einer Debatte, welcher Held wen überhaupt besiegen könne und wie so ein richtiger Kampf, fernab des Kinderzimmers, wohl in der “Realität” aussehen würde. Wieder sah man sich starren Regeln und Diskussionen über Kapazitäten und Limitierungen so mancher Superhelden konfrontiert. Viel hat sich da zwanzig Jahre später nicht geändert. Gut, die Actionfiguren stehen mittlerweile vereinzelt im Regal und gespielt wird digital. Doch auch da haben Universen Regeln, sind begrenzt. Häufig orientieren sie sich an der Realität, noch häufiger aber an den besonderen Gegebenheiten innerhalbt der jeweiligen  Spielwelt. Das sind freilich ausgedachte Begrenzungen, aber diese müssen Sinn machen, denn auch Spiele kämpfen um Glaubwürdigkeit. Super Mario wäre mit einem Granatenwerfer sicher besser beraten, um Bowser ein für alle mal aus dem Weg zu räumen, während in Battlefield niemand einen Tanooki-Anzug gegen das Snipergewehr eintauschen würde. …und dann ist da Saints Row IV.

Alles, bitte. Auf einmal.

Sainst Row IV beginnt direkt mit der Ernennung der Hauptfigur zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, sprichwörtlich der mächtigsten Person der Welt. Und das innerhalb der ersten 20 Minuten. Wie kann man das noch toppen? Klar, Aliens invasieren den Planeten, die Homies des Präsidenten sind auf einmal weg und müssen gerettet werden. Bisher also eher Standard-Kost für VideospielerInnen. Doch schon in Saints Row The Third entwickelte sich die Serie weg von typischen Gangster-Klischees, parodierte diese und damit auch sich selbst. The Third spielte sich, wie ich mir einen Folge von South Park über GTA vorstellen würde. Das man durchaus noch eins draufsetzen kann, beweisen Volition nun mit der Nummer IV. Die Spielzeugkiste, die Saints Row IV darstellt, scheint endgültig keinen Boden mehr zu besitzen. Gefangen in einer Computersimulation nutzt man Glitches aus, um Superkräfte zu erlangen, kann auf einmal 30 Meter hoch springen, schneller laufen als jedes Auto oder Feinde mit Feuer oder Blitzen niedermähen. Durch die Fähigkeiten eigentlich völlig überflüssig geworden, aber trotzdem noch da, ist ausserdem die Möglichkeit, mit einer Vielzahl an Fahrzeugen durch die Stadt zu fahren. Genau genommen gibt es sogar alle Möglichkeiten und Optionen aus dem Vorgänger auch im vierten Teil noch — an vielen Stellen blitzt so der ehemalige DLC-Charakter des Titels durch. Das Spiel nur darauf zu beschränken wäre aber nicht fair

SR IV vermittelt vielmehr das Gefühl, dass sich Volition mal so richtig austoben wollten. Wie will man sich sonst die, nun, spezielle Waffenauswahl erklären? Doch egal wie abgefahren oder unwirklich ein Element im Spiel ist, am Ende fühlt es sich immer richtig an. Es ist die Spielkiste, die Batman, die Turtles und die Power Rangers in einer Welt leben lässt, die nicht einschränkt und keine Regeln geltend macht. Das beginnt bereits bei der Kreation des Spielcharakters, der dann auch mal rote, grüne oder blaue Hautfarbe haben, transexuell oder eben ganz konservativ sein kann. Die Geschlechter können während des Spiel gewechselt werden, was sogar mit einem Erfolg belohnt wird. Saints Row macht vor keiner Randgruppe halt, parodiert Konventionen in Videospielen und der realen Welt, schließt dabei niemanden aus.

Die Welt in Saints Row IV schießt alle Glaubwürdigkeit in den Wind, alle Erklärungen sind nur Mittel zum Zweck, der Chaos ist. Wie bindet man Superkräfte glaubwürdig in das Spiel ein? Glaubwürdig? Gar nicht! Also: Matrix und Aliens. Niemand, der den Titel spielt, braucht fundierte Antworten, um Spaß zu haben.

Die erweiterte Erweiterung

Beschränken darauf, dass es ursprünglich lediglich DLC zum Vorläufer war, sollte man Saints Row IV also nicht. Trotzdem macht sich die Herkunft selbst mehreren Stunden Spielzeit noch immer bemerkbar. An vielen Stellen sind die wiederverwerteten Mechaniken, Inhalte und Assets einfach zu deutlich, als dass man sie hätte ignorieren könnte. Die Nebentätigkeiten wurden zwar an das neue Setting angepasst, sind inhaltlich aber gleichgeblieben: sich vor Autos werfen um Geld durch Versicherungsbetrug abzukassieren oder mit einer Art Mech die Stadt in Schutt und Asche zu legen macht immer noch Spaß. Doch gerade zu Beginn fühlt man sich auch erdrückt von der schieren Unzahl von derartigen Beschäftigungen, die Saints Row bietet — überall blinken Icons, überall warten Collectables. Die ersten zwei Stunden mit Superkräften bin ich etwa fast ausschließlich durch die Welt gesprungen und habe Glitches eingesammelt… es gibt über 1000 von ihnen.

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Die Kreativität der Entwickler bleibt bei aller Gleicheit der Spielwelt dennoch nicht auf der Strecke. Speziell die Hommage an Streets of Rage hat es mir angetan, war das doch eines der prägendsten Spiele meiner Kindheit. Sicher, Saints Row parodiert vieles, in den meisten Anspielungen steckt aber auch so viel Liebe, dass man Volition die Stichelein nicht übel nimmt.

Saints Row IV versucht nicht zu sein wie Grand Theft Auto. Es ist ein Open-World-Spiel, ja, und die Saints sind eine Gang — mittlerweile sind das aber auch die einzigen Gemeinsamkeiten zwischen den Serien. GTAs Anspruch auf Verrücktheit sank in der Vergangenheit stetig, Saints Row fand im Wahnsinn eine Nische. Es fußt noch immer auf herkömmlichen Mechaniken; wer will kann weiterhin mit dem Auto durch Steelport fahren. Alle anderen rennen aber mit übermenschlicher Geschwindigkeit durch die Gegend. Saints Row IV ist die Spielekiste ohne Boden — sie spuckt immer wieder Neues aus, Dinge, die nicht in dieses Universum passen sollten, es aber doch irgendwie tun. Achja, und Nolan North wurde als optionaler Sprecher der HauptFigur engagiert. Selbst Schuld, wen das nicht überzeugt.

Bereits erschienen.

Originaltitel: Saints Row IV
Plattformen: Xbox 360, PS3, PC
Genre: Action
Entwickler: Volition
Veröffentlicht von: Deep Silver

2 Gedanken zu „Saints Row IV (Volition/Deep Silver)

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