PiccoliProductions “Nothing To Hide“ | Gessnerallee, Zürich

Blossstellung der Sensationslust

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Mit einem knackigen Titel, der Ankündigung von viel nackter Haut und einem perversen gesellschaftlichen Phänomen als Leitthema spielen PiccoliProductions mit unserer Versessenheit auf Schlagzeilen. Jeder weiss, wie diese funktionieren und welche Wirkung sie auf uns haben sollen, und doch kann sich niemand ihrer Anziehungskraft entziehen.

Von Daniel Riniker.

Mit gutem Grund wurde Megan zur Talkshow “Nothing To Hide“ eingeladen, denn ihre Geschichte klingt schlicht unglaublich. Sie erscheint uns als die unschuldigste Person, die man sich vorstellen könnte.  Eine junge, schwangere Frau, die einen folgsamen, ehrlichen und etwas naiven Eindruck macht,  wird uns von der Moderatorin vorgestellt. Um ihre Unbescholtenheit noch zu unterstreichen, werden wir genauestens über ihr absolut unspektakuläres Liebesleben aufgeklärt. Mit sechzehn den ersten sexuellen Kontakt, mit ihrem damaligen Freund, der unterdessen ihr Ehemann ist, eine sehr harmonische und liebevolle Beziehung. Als es aber an einem Sonntagnachmittag, – im Ehebett hinter verschlossenen Türen und Fensterläden natürlich – zum Liebesakt zwischen den beiden kommt, geschieht das Unglaubliche: Eine Kugel durchschlägt Fenster und Laden, trifft Megan und verwundet sie schwer. Ist Ihr Interesse geweckt? Das wahrhaft unglaubliche der Geschichte aber ist, dass Megan, die eigentlich unfruchtbar ist, durch dieses Ereignis von diesem für sie belastenden Umstand befreit ist, ja gar bei ebenjenem oben erwähnten Liebesakt schwanger geworden ist!

Liederliche Medien
Um diese Leitstory haben PiccoliProductions eine “Talkshow“ der besonderen Art aufgebaut. Moderatorin und Gast, beide nackt, führen gemeinsam durch den Abend, welcher ein Gemisch aus News- und Unterhaltungssendung präsentiert. Das Gezeigte reicht von Kuriosem wie Lachyogaübungen oder Handgranaten-Survival-Training bis zur ironisch verzerrten Perversion einer Aneinanderreihung von grauenhaftesten und trivialsten News mit ekelerregender Nonchalance. Ohne Gnade wird unser Medienkonsum von seiner hässlichsten, alltäglichsten Seite gezeigt und wir werden in unserem Verhalten als Mitschuldige der Sensationalisierung der Medien entlarvt.

So kann beispielsweise das Publikum in einer Abstimmung selber bestimmen, ob es einige der vorgestellten, besonders erschreckenden Sachverhalte und Geschichten für wahr halten will oder nicht. Zwar wird später offenbar, dass alle genannten Beiträge wahr waren, doch was zählt, ist einzig die Frage, ob ein Publikum gewillt ist sie zu glauben oder nicht. So definiert sich die Nachfrage.

Der Vorschlaghammer und der Glaube des Publikums
“Nothing To Hide“ ist ein Stück, welches auf Konfrontation auf allen Ebenen basiert. Bei der Nacktheit angefangen, die zwar hin und wieder provokativ in Szene gesetzt wird, weit weniger zentral ist, als die Einleitung es vermuten lässt, über den aktiven, fast aggressiven Einbezug des Publikums bis hin zum unübertreffbar verdrehten Ende von Megans Geschichte, wird intensiv konfrontiert und kontrastiert. Die Darstellerinnen Melina Seldes und Simone Blaser zeichnen sich durch eindrückliche Präsenz und Gradlinigkeit in ihrem Auftritt aus, wobei man ihnen besonders die Fähigkeit Unwohlsein hervorrufen zu können zusprechen muss. In Bildern und Text zwar ausdrucksstark, bediente man sich einer gewissen “Vorschlaghammerstrategie“, welche sowohl den Zuschauer, als auch die Themen auf inhaltlicher Ebene überreizen können. Auf diese Weise entstandene Längen haben dem Stück und seiner Wirkung aber nicht zusetzen können, und PiccoliProduction hat mit “Nothing To Hide“ ein starkes Stück Gesellschaftskritik der anderen Art zur Aufführung gebracht. Sofern das Publikum gewillt ist ihnen Glauben zu schenken.

Besprechung der Premiere am 9. Oktober.

Weiter Aufführungen bis 13. Oktober 2013, Gessnerallee Zürich, Halle.

Konzept: PiccoliProduction
Regie/Choreographie: Bruno Catalano in Zusammenarbeit mit Simone Blaser, Melina Seldes
Performance: Simone Blaser, Melina Seldes
Licht: Peter Göhler
Musik: Simone Giaccomini
Kostüme: Karin Engeli
Outside Eye: Max-Philip Aschenbrenner
Fotos: Nino Gloor
Produktionsleitung: PiccoliProductions
Administration: Regina Meier


Im Netz
www.gessnerallee.ch

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