Žic, Schütz, Ulbricht & Brunner “Ich habe nicht am Anfang begonnen, sondern in der Mitte” | Gessnerallee Zürich

Familienbegegnungen

Gessnerallee Zürich: Žic, Schütz, Ulbricht & Brunner «ICH HABE NICHT AM ANFANG BEGONNEN, SONDERN IN DER MITTE» from Gessnerallee Zürich on Vimeo.

Es gehört zu unserem Selbstverständnis, unsere Geburt als Anfang unserer Lebensgeschichte zu betrachten. Doch Ivna Zic, Marie Ulbricht, Amadea Schütz und Katja Brunner forschen in den Tiefen ihrer Familienhistorie und finden in der Flut der Erinnerungen fremden und eigenen Schmerz, Zusammenhänge, Zufälle und überraschende Wendungen. Man erkennt, dass nicht nur sie, sondern wir alle nicht am Anfang, sondern in der Mitte begonnen haben.

Von Daniel Riniker.

Worst-case Szenario am Familienfest: Das Fotoalbum. Wenn mehr oder weniger entfernte Anverwandte zwischen verblassten Seiten in ihren Erinnerungen wühlen, wird das ein langer, vermutlich langweiliger Exkurs in die persönliche und doch so fremde Vergangenheit. So wird man denn auch zu Beginn von “Ich habe nicht am Anfang begonnen, sondern in der Mitte“ von allen Seiten mit Fotos und Verwandtschaftsgraden bombardiert. Schnell erinnern wir uns, warum unsere eigene Ahnenforschung stets im Ansatz stecken bleibt: Es ist zu viel Information. Familiengeschichte ergründen, heisst sich mit dutzenden von Träumen und Schicksalen zu konfrontieren, einzeln und kombiniert, heisst, sich in einem Urwald von Dringlichkeiten und Absichten, die wir längst nicht mehr genau nachvollziehen können, zu verlieren, um vielleicht am und zu etwas aufzuschnappen, was uns- losgelöst vom Kontext, vielleicht doch noch interessiert.

Drei Generationen bis ins Jetzt
An diesem Abend in der Gessnerallee wird man jedoch weitestgehend davor bewahrt, sich in der Vergangenheit zu verheddern. In speditivem Tempo wird die Generation der Urgrosseltern durchgenommen; gefiltert, zusammengeschnitten auf das wesentlich Unwesentliche. Wir verstehen. Ur-Verwandtschaft ist für die meisten von uns eine diffuse Angelegenheit. Die Grosseltern sind schon weniger weit weg, sie haben unsere Kindheit und wir ihr Altern miterlebt. Eine merkwürdige Beziehung. Man stutzt immer wieder und ist immer wieder berührt, wenn Grosseltern, die einst primär alt zu sein hatten, sich plötzlich  als die Menschen, die sie waren und sind zu offenbaren. Auf einmal sind sie uns näher, als uns vielleicht lieb ist.

Unsere Eltern schliesslich, das sind auch wir. Und umgekehrt. Keiner der beiden Teile dieser wie auch immer gearteten Symbiose lässt sich mehr vom anderen wegdenken. Besonders die Rolle der Mütter wird von den Darstellerinnen hervorgehoben. Unsere Existenz wäre ohne sie nicht möglich, doch auch wir haben unsere Mütter erst zu dem gemacht was sie heute sind. Sind sie überhaupt noch als Nichtmütter vorstellbar?

Wie aus einem Guss, aber nicht gleichförmig
Den Darstellerinnen gelingt es mit musikalischer Unterstützung von Daniel Sapir, in einen hohen aber niemals gehetzten Rhythmus eine beeindruckende Menge von Bildern, Texten, Erzählungen und Interpretationen zu verarbeiten und sie dem Publikum zugänglich zu machen. Die Geschichten von vier Generationen werden der Reihe nach abgehandelt, und ihre Auswirkungen auf deren jüngste vielseitig reflektiert. Leichtfüssig wird zwischen den Sequenzen und Intensitäten gewechselt, improvisiert Lockeres geht in zartere Passagen über und wieder zurück ohne aufgesetzt zu wirken. Von den einfachen szenographischen Mitteln überzeugen besonders die vielen eingesetzten Diaprojektoren, welche sowohl Stabilität im Raum zu vermitteln, als auch die Dynamik im Spiel zu unterstützen vermochten.

Besprechung der Premiere vom Donnersta,g 10. Oktober.

Weitere Vorstellungen: Samstag 12. Oktober, Sonntag 13. Oktober, Montag 14. Oktober, auf der Gessnerallee Zürich, Südbühne

Weitere Vorstellungen in Planung: Frühjahr 2014 im Südpol Luzern und am Roxy Theater Birsfelden.

Besetzung
Katja Brunner, Amadea Schütz, Marie Ulbricht, Ivna Zic

Bühne: Martina Mahlknecht
Musik: Daniel Sapir
Licht: Joshua Imgrüth
Regieassistenz: Levin Vieth
Dramaturgie und Produktionsleitung: Larissa Bizer
Konzept: Ivna Zic

Im Netz
www.gessnerallee.ch

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