Hannah Dübgen: „Strom“

Der Sog ist stark

Hannah Dübgen: „Strom“ (Roman)

Sie leben heute, individuell, rasend schnell und intensiv. Können und wollen die vier Protagonisten mitschwimmen oder tauchen sie auf und schauen sich um? Hannah Dübgen fragt uns in ihrem ersten Roman nach dem, was wirklich zählt.

Von Noemi Jenni.

stromDer Strom des Lebens trägt, reisst mit und fliesst in seinem Bett in unerwartete Richtungen. Darin schwimmen alle vier Figuren durch deren Augen uns die Autorin den heutigen Zeitgeist greifbar macht. Kurzlebig, globalisiert und stressig ist die Gegenwart, ungewiss die Zukunft und die Vergangenheit ist schon vorbei, begraben und weggesperrt. Doch was uns die Autorin demonstriert, ist mehr. Wir meinen, die Globalisierung sei unaufhaltsam und nicht zu fassen, doch wenn der amerikanische Manager in Japan an seine Grenzen stösst und durch seinen eigenen kulturellen Hintergrund gebremst wird, sehen wir die Grenzen und Eigenheiten, die die Heimat zu einer solchen machen. Auch die deutsche Filmemacherin in Gaza, einem Ort, wo sie schon oft war, Freunde hat, ihre Freundin begräbt, kann nicht alles verstehen, wird überrascht und geschockt von der Jugend und der Aussichtlosigkeit. Der brasilianische Biologe in Tel Aviv fühlt sich nicht zuhause, nicht aufgehoben, nicht verwurzelt in diesem Land, in dem so viele Menschen ihre Wurzeln neu eingegraben haben. Die vierte Figur ist eine japanische Pianistin, die in Paris lebt, ihre Wurzeln ganz hinter sich gelassen hat und aus den strengen Mustern der japanischen Gesellschaft ausbricht, indem sie ohne Muster und Familie lebt. Alle stehen sie vor einer ungewissen Zukunft, stecken mit ihrer Arbeit tief im Leben fest, müssen Entscheidungen treffen und sich ihren Platz in einer Welt erkämpfen, die zwar verknüpft ist, in der die Mobilität aber so gross ist wie noch nie. Und alle müssen sich eingestehen, dass ihre Herkunft zählt.

Augen auf und weiteratmen

In „Strom“ geht es auch um Strom, Energiespeichermittel, doch Strom bleibt mehrheitlich abstrakt und zieht den Lesenden durch das Buch, durch verschiedene Welten verbunden mit Berufen, Familiensituationen und Ländern. Die Figuren bleiben im Jetzt, wenig erfahren wir über ihre Vergangenheit und ihre Herkunft. Wir treffen sie heute, begleiten sie ein Stück und lassen sie gehen, alle als beispielhafte Vertreter unserer Zeit. Die Globalisierung führt sie in Jerusalem zusammen – man könnte die Geschichte auch rückwärts erzählen, die Figuren nehmen, die ins letzte Konzert kommen und schauen, woher sie stammen. Es ist kein Zufall, dass sie sich an diesem Ort treffen, an welchem die Mobilität eingeschränkt ist, Hoffnung und Verbitterung so nah beieinander wohnen und es Kreativität braucht, um das Völkergemisch zusammenzuhalten. Die Sprache der Autorin ist klar, ein bisschen kalt und nüchtern und für grosse Emotionen gibt uns Hannah Dübgen wenig Platz – denn sie lässt ihre Figuren diese für sich selbst verarbeiten und durchleben. Die Autorin kennt ihre Schauplätze, die Eigenheiten der Menschen in den dazugehörigen Weltregionen und kann sie deshalb wunderbar präzise, reduziert aufs Minimale, auf den Punkt bringen.

Zeit, um inne zu halten, das Leben zu planen, wichtige Entscheidungen bewusst und überlegt herbeizuführen, gibt es kaum und die Figuren tun der Lesenden beinahe leid. Sie sind ständig gehetzt, weil sie vom Strom mitgerissen werden, sodass sie keine Pause haben, um sich zu überlegen, ob der Strom sie in die Richtung bewegt, in die sie auch wollen.

Ein sehr gelungenes Buch, ein Spiegel des Heute, das zu einem wichtigen Zeitzeugnis werden könnte.


Titel: Strom
Autorin: Hannah Dübgen
Verlag: dtv
Seiten: 272
Richtpreis: 21.90 Sfr.


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