Friedrich Dürrenmatt “Die Physiker“ | Schauspielhaus Zürich, Pfauen

Der grelle Wahnsinn

Foto|Copyrigtht: Tanja Dorendorf, T+T Fotografie | Bild unten: Joel Eggimann, Michel Stuber, Jan Bluthardt (alle als Gerichtsmediziner), Susanne-Marie Wrage, Jean-Pierre Cornu; oben: Miriam Maertens, Wolfram Koch
Foto|Copyrigtht: Tanja Dorendorf, T+T Fotografie | Bild unten: Joel Eggimann, Michel Stuber, Jan Bluthardt (alle als Gerichtsmediziner), Susanne-Marie Wrage, Jean-Pierre Cornu; oben: Miriam Maertens, Wolfram Koch

Unter der Leitung von Herbert Fritsch wurden “Die Physiker“ im Schausspielhaus Zürich als schrilles, surreales Happening inszeniert. Mit horrendem Tempo und viel Radau wird Dürrenmatts Klassiker über die Bühne gejagt, was diese Inszenierung noch wahnsinniger und noch schräger macht, als es die Textvorlage ohnehin schon ist.

Von Daniel Riniker.

Das Bühnenbild gibt bereits die Marschrichtung vor: In grellem Grün mit der Textur einer Gummizelle, präsentiert sich die Zahnd’sche Nervenheilanstalt als dynamisches Trempe l’oeuil, welches einem an den eigenen Sinnen zweifeln lässt. Bereits nach den ersten Auftritten wird klar, dass in dieser Inszenierung keineswegs nur die Insassen von Les Cerisiers von allen guten Geistern verlassen sind. Vom Kommissar über die Krankenschwester bis natürlich zu den drei Physikern; sie alle bewegen sich schreiend und zuckend über die Bühne, die Dialoge gleichen eher einem Artilleriegefecht, denn gepflegter Konversation. Herbert Fritschs “Physiker“ ist in allen Facetten durchgedreht.

Foto|Copyright: Tanja Dorendorf, T+T Fotografie | Bild: Jan Bluthardt (als Herr Missionar Rose), Friederike Wagner, Leo Thomas, Leandro Bärlocher, Cyrill Birchler, Milian Zerzawy (oben), Corinna Harfouch
Foto|Copyright: Tanja Dorendorf, T+T Fotografie | Bild: Jan Bluthardt (als Herr Missionar Rose), Friederike Wagner, Leo Thomas, Leandro Bärlocher, Cyrill Birchler, Milian Zerzawy (oben), Corinna Harfouch

Furiose Einzelauftritte
Von gewaltigem Schwung und beeindruckendem artistischem Aufwand getragen, bietet die Inszenierung ausgezeichnete Unterhaltung. Den einzelnen Charakteren wird viel Platz eingeräumt, sodass Dürrenmatts Text sehr prominent in Monologen zur Geltung kommt. Dies kommt dem Stück sicherlich zu Gute, denn verbunden mit dem offensichtlichen Spass, welche die Darsteller beim Mimen von Verrückten hatten, sind die Einzelauftritte amüsante Kabinettstückchen. Man könnte es ausserdem als Besonderheit dieser Inszenierung bezeichnen, Pointen gnadenlos auf plumpste Weise vorzutragen und danach bis ins Unendliche auszukosten. Zweifellos trägt diese absichtliche Verhunzung zur gesamten surrealen Stimmung bei, aber es hängt wohl vom Geschmack und der Ausdauer des einzelnen Zuschauers ab, ob dies als stimmig oder störend verstanden sein will.

Provokation und Fortschritt
Manch ein Zuschauer mag wohl von dem Tempo und auch der Lautstärke der Darbietung überfordert oder genervt gewesen sein, dennoch wird sich niemand im Publikum gefragt haben, wie diese Zeit  wohl besser zu nutzen gewesen wäre; zu mitreissend war der Drive des Ensembles und zu viele Lacher hatten sie auf ihrer Seite. Doch ob Herbert Fritsch und seinen Leuten wirklich eine spannende Interpretation der „Physiker“ gelungen ist, ist eine andere Frage.

Foto|Copyright: Tanja Dorendorf, T+T Fotografie | Bild: Wolfram Koch, Corinna Harfouch, Jean-Pierre Cornu
Foto|Copyright: Tanja Dorendorf, T+T Fotografie | Bild: Wolfram Koch, Corinna Harfouch, Jean-Pierre Cornu

Der Gegensatz zwischen der radikalen und provokativen szenischen Umsetzung und der erstaunlich konservativen Textbehandlung  wirft Fragen auf. Wo wurde weitergedacht, wo wurde das Stück erneuert, verändert, hinterfragt? Welche der Veränderungen kam dem Inhalt und nicht dem Unterhaltungswert der Inszenierung zu gute? Ist es ein Fortschritt “Die Physiker“ etwas sexueller darzustellen und mit etwas Slapstick anzureichern? Es bleibt also zu sagen, dass selbst noch so laute Töne und schrille Farben offenbar nicht über eine inhaltliche Inspirationslosigkeit hinwegzutäuschen vermögen.

 

Besprechung zur Premiere vom 19. Oktober 2013.
Dauer: ca 105 Minuten.

Weitere Aufführungen: 2., 4., 6., 16., 17., 21., 26., November 2013; 1., 10., 12., 13., 15., 17., 18., 21., 31. Dezember 2013; 10., 11., 12., 19., 26. Januar 2014.

 

Regie: Herbert Fritsch
Bühne: Herbert Fritsch
Kostüme: Victoria Behr
Mit: Jan Bluthardt, Gottfried Breitfuss, Jean-Pierre Cornu, Corinna Harfouch, Wolfram Koch, Julia Kreusch, Miriam Maertens, Friederike Wagner, Susanne-Marie Wrage, Milian Zerzawy

 

Im Netz
www.schauspielhaus.ch

 

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