Oliver Frljić – „Mrzim istinu! / I Hate the Truth!” | Gessnerallee Zürich

Vergangenheitsbewältigung am Küchentisch

Culturescapes Pixlr_550

Im Rahmen von CULTURESCAPES – BALKAN 2013 rollte Oliver Frljić in der Gessnerallee seine Familiengeschichte am Küchentisch auf. Dabei herausgekommen ist eine Reflexion in der Reflexion mit vielen Denkanstössen, Witz und hinterherhinkenden Projektoren.

Von Lisa Letnansky.

Oliver Frljićs Geschichte ist die Geschichte eines ganzen Volkes. Oder sogar jene von mehreren Völkern. In Travnik (Bosnien) geboren, wurde er mit 16 Jahren von seinen Eltern, die nach Amerika emigrierten, im postjugoslawischen Krieg zurückgelassen. Die damals unausweichlich eintretende Identitätskrise zog auch an ihrer Tür nicht vorbei; verworrener Nationalitätsdünkel, Perspektivlosigkeit und Furcht vor der Zukunft standen auf der Tagesordnung.

Nun rekapituliert Frljić diese Phase seines Lebens auf der Theaterbühne. Diese kommt mit nur wenigen Requisiten aus. Ein Küchentisch, ein Bett und ein Plattenspieler sind die einzigen Einrichtungsgegenstände dieser Wohnung aus der Vergangenheit. Die Familienmitglieder (Ivana Roščić, Rakan Rushaidat, Filip Križan und Iva Visković) sitzen zu Beginn am Küchentisch und essen wie immer Schnitzel mit Pommes frites und Salat. Das Publikum sitzt auf drei Seiten um die Anordnung herum, hinter den Spielenden flimmern die deutschen Übersetzungen der kroatischen Dialoge über zwei Projektoren. Die räumliche Nähe der Zuschauer zu den Figuren erweist sich hier als kluger Einfall, den sie schafft Intimität und unterstützt die Wirkung der Gefühlsausbrüche, die von Zeit zu Zeit auf der Bühne ausbrechen.

Die Spaltung einer Familie
So geht es auch nicht lange, bis sich das Abendessen in der Familie zu einem lautstarken, auf den ersten Blick gewöhnlichen und alltäglichen innerfamiliären Streit entwickelt. Doch bald wird klar: hier geht es nicht nur um die gewöhnlichen Vorwürfe, die man einander so macht. Es geht nicht um das Gefühl der Tochter Marina, die Eltern würden den erstgeborenen Sohn Oliver lieber mögen als sie. Nein, die zweite Schwangerschaft war tatsächlich nicht wirklich geplant, die Eltern überfordert und mehr aus Pflichtgefühl denn aus Liebe für die Zukunft aneinander gebunden. Dieses Gefühl kann auch die Rückblende in die Zeit, als Ivica und Maric sich kennenlernten und auf naiv-unschuldig-romantische Weise einander annäherten, nicht recht aus der Welt schaffen.

Wirklich bestechend wird das Stück aber an jenen Stellen, an denen die Probleme der kleinen Familie jene einer Generation widerspiegeln. Sollte man in einer Welt mit derart ungewissen Zukunftsaussichten überhaupt Kinder kriegen? Was macht gute Eltern aus? Und als ob dies nicht genug wäre, spaltet sich die kleine Familie während eines Gesprächs über die damals anstehende Volkszählung in Bosnien, bei welcher sich die Bürger selbständig einer Ethnie zuordnen mussten, überraschend in Bosnier und Kroaten. Dieses Problem hat bis zum heutigen Tag kein bisschen an Aktualität eingebüsst. Die Volkszählung in Bosnien im vergangenen Oktober hat wieder genau dieselben Probleme und Befürchtungen heraufbeschworen ­– die letzten 20 Jahre haben an der Problematik nichts geändert.

Eine Fiktion in der Fiktion
“Mrzim istinu! / I Hate the Truth!” hat aber auch noch einen dramaturgischen Kniff auf Lager. Immer wieder brechen die Schauspieler auf der Bühne aus ihren Rollen aus, werden zu den Schauspielern, die sich mit dem Stück abmühen und beschweren sich bei dem Schauspieler, der den Sohn und damit während den “Fiktionspausen“ den Regisseur Oliver Frljić spielt. Das tönt erst mal arg kompliziert, ermöglicht den Akteuren jedoch ein gewisses Reflexionsniveau, das innerhalb der Familiengeschichte, die ja sozusagen eine Fiktion in der Fiktion darstellt, wohl nicht möglich gewesen wäre.

So entwickelte Oliver Frljić mit seinem Ensemble einen spannenden Abend mit zwingender Thematik, der aber auch mit Scherzen nicht geizt und im Publikum viele Lacher erntet. Woran das Stück dann schliesslich doch bis zu einem gewissen Grad scheitert, ist weder die Thematik, noch die Dramaturgie, sondern die technischen Machbarkeiten. Für eine Übersetzung mit Übertiteln ist es nämlich schlicht zu dialoglastig. Zuschauern, die kein Wort Kroatisch verstehen (von denen es jedoch im Publikum anscheinend nicht allzu viele gehabt hat), ist es einfach unmöglich, der Handlung auf der Bühne zu folgen, da ihre Blicke ständig den Übertiteln auf den Projektoren hinterher hasten. Und nicht nur das – die Figuren ergehen sich häufig in einem so raschen rhetorischen Schlagabtausch, dass die Projektionen oft sekundenlang hinterherhinken. Das stiftet viel Verwirrung und kann der Wirkung des Stücks nur abträglich sein. All jene aber, für die die Sprachbarriere kein Problem darstellte, haben in der Gessnerallee sicherlich einen gelungenen Theaterabend verbracht.

 

Besprechung der Vorstellung am 21. November 2013.
Weitere Vorstellung am 22. November 2013.

Dauer: ca. 1 Stunde

 

Besetzung
Ivana Roščić
Rakan Rushaidat
Filip Križan
Iva Visković

Regie und Konzept: Oliver Frljić
Produktion: Universität Zagreb – Student Center in Zagreb – Culture of change – & TD Theatre

 

Im Netz
www.gessnerallee.ch
www.culturescapes.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.